1.717 Filialen in praktisch allen Fußgängerzonen Deutschlands und vielen Österreichs sind eigentlich kaum zu übersehen. Und dennoch: Wissen Sie, wo in Ihrer Stadt Ernsting’s family zu finden ist? Das Textilunternehmen aus Coesfeld in Westfalen hat in den vergangenen 45 Jahren rasantes Wachstum erlebt, ohne dabei übermäßig zu trommeln oder gar in Skandale verwickelt zu sein, wie es andere Textiler nicht vermeiden konnten. Noch immer befindet sich das Unternehmen auschließlich in Familienbesitz.

Das Nachbarschaftskonzept

Erfolgreiche Software-Unternehmen starten in der Garage, im Falle dieses erfolgreichen Textilunternehmens war es passender Weise die Waschküche des elterlichen Hauses, in der Kurt Ernsting 1967 das erste „Minipreis“-Geschäft eröffnete. Nachdem der Test mit einfacher, praktischer und preiswerter Kleidung für Familien positiv verlaufen war, eröffnete Ernsting in den kommenden Jahren weitere Minipreis-Filialen. Binnen zwei Jahren waren es weitere 15 Geschäfte, danach erhöhte er das Expansionstempo und 1971 umfasste die Kette bereits 40 Läden. Ein großer Schub kam mit der deutschen Wiedervereinigung, die das Unternehmen mit dem 1990 eingeführten englischen Namen Ernsting’s family anging.

„Unsere Kunden sind definitiv Frauen und Mütter“, erläuterte ein Unternehmenssprecher gegenüber einem Branchenreport. Das Unternehmen führt auch Mode für Männer, zum Beispiel Wäsche, Socken und Hemden, diese würden aber doch meistens von Frauen für ihre Männer gekauft. Den Großteil des Umsatzes macht nach Unternehmensangaben mit knapp 50% die Kinderbekleidung aus. 35% entfallen auf Damenmode, der Rest auf Heimtextilien, Dekoartikel und Männermode. Ernsting’s family hat in den vergangenen Jahren sechs Eigenmarken kreiert und dabei erheblich an Modernität gewonnen. Statt Wäsche gibt es nun zum Beispiel Dessous unter dem Label Gina Benotti oder figurbetonte Damenoberbekleidung. „Günstige T-Shirts bieten andere auch an; wir sehen uns als der Familienverbündete“, lässt sich der Sprecher zitieren.

Kein Discounter, sondern Value Retailer

Innenansicht des Ernsting's family Vertriebscenters. Urheber: Ernsting's family
Innenansicht des Ernsting’s family Vertriebscenters. Urheber: Ernsting’s family

Ernsting’s will nicht mehr Textildiscounter sein, sondern Markenanbieter mit günstigen Preisen, was neudeutsch Value Retailer heißt. Deshalb wurden ab 2008 Logo, Branding und Werbung erheblich aufgefrischt. Nicht geändert wurde das Nachbarschaftskonzept. Die Westfalen bauen keine Flagship-Stores in herausragenden Innenstadtlagen, sondern den wenn man so will gemütlichen Onkel-Ernsting-Laden mit möglichst geringer Beschäftigungsfluktuation, um hohe Kundenbindung zu erreichen. Im Schnitt sind nur fünf Beschäftigte pro Filiale vorgesehen. Die Standorttypen von Ernsting’s family sind breit gefächert: Sie reichen von hoch frequentierten Großstädten bis zum ländlichen und vorstädtischen Raum. Diese Einzellagen werden durch Nahversorgungs- und Fachmarktzentren ergänzt. Klassische Einkaufszentren runden das Standortportfolio ab. Die Familienausrichtung zeigt sich auch in der Ausstattung der durchschnittlich rund 150 qm großen Filialen: familiengerechte weite Gänge, durch die auch ein Buggy passt, und eine luftige, angenehme Atmosphäre.

Bei der Produktion der Textilien setzt Ernsting’s auf die bekannten Lieferländer: China, Indien, Bangladesch, Vietnam und die Türkei stehen oben auf der Lieferantenliste. Umso mehr weist das Unternehmen auf das „Cotton Made in Africa“-Projekt hin, mit dem man, gemeinsam mit namhaften Herstellern, die Nachfrage steigern und Hilfe zur Selbsthilfe leisten will. Das Thema Nachhaltigkeit wird vor allem im Bereich der Energieeffizienz angepackt. Der Energiebedarf der Filialen habe von 190 auf 165 kWh pro Quadratmeter Verkaufsfläche gesenkt werden können, seit 2011 wird ausschließlich Grünstrom bezogen.

Unternehmen weiterhin in Familienbesitz

Ernsting’s family GmbH & Co.KG ist ein Tochterunternehmen der EHG Service GmbH, unter deren Dach fünf weitere Tochterfirmen operieren. Die Dachgesellschaft befindet sich im Besitz der Familie Ernsting und einer Familienstiftung. Die Familie Ernsting hält 75%, die restlichen 25% gehören der Familienstiftung. Im Geschäftsjahr 2012/13, das am 30.6.13 endete, erzielte Ernsting’s bzw. die EHG Service GmbH einen Umsatz von 813 Mio. EUR. Das Geschäftsergebnis betrug 57,8 Mio. EUR (Vorjahr 31,8 Mio. EUR). Die Umsatzrentabilität betrug 4,8% (Vorjahr 2,6%). Der Jahresüberschuss beträgt nach Steuerzahlungen und unter Berücksichtigung von gemäß Teilgewinnabführungsverträgen abgeführten Gewinnen 38,7 Mio. EUR gegenüber 20,6 Mio. EUR im Vorjahr. Trotz einer um 21,5 Mio. EUR gestiegenen Bilanzsumme hat sich die Eigenkapitalquote weiter von 69,9% auf 74,1% erhöht. Der Cashflow stieg im Jahr 2012/13 von 46,6 Mio. EUR auf 68,4 Mio. EUR. Die flüssigen Mittel haben sich gegenüber dem Jahr 2012 (26,9 Mio. EUR) um 39,3 Mio. EUR auf 66,2 Mio. EUR erhöht.

Fazit

Gerade im Textilbereich gibt es mit Inditex, Hugo Boss, Gerry Weber oder H&M zahlreiche erfolgreiche Börsenstorys in Europa – doch derartiges dürfte die Familie Ernsting nie im Sinn gehabt haben. Fragen, wie man das Wachstum finanziert hat, oder zu weiteren Plänen wollte man nicht beantworten. Der Gewinnvortrag von mehr als 100 Mio. EUR in der Bilanz zeigt, dass man sehr langfristig denkt. Angesichts der fast schon extrem guten Kapitalausstattung wird man das Unternehmen auch in Zukunft kaum am Kapitalmarkt sehen.

Kurzprofil Ernsting's family
Kurzprofil Ernsting’s family

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.