Die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, viele Märkte vollständig zu disruptieren. Im Rahmen einer Diskussionsrunde äußern sich Blockchain-Experten u.a. über die Zukunft der Finanzbranche, Kryptowährungen und Token Offerings. Mit dabei: Ruben Bach ( Partner, svs Capital Partners), Michael Duttlinger (Mitgründer CASHLINK) Heiko C. Frantzen (Managing Partner, Alice & Charlotte), Veronika Kütt (Blockchain Center Frankfurt School), Christopher May (Co-Gründer, Finoa) und Dr. Tobias Riethmüller (Equity Partner, GSK Stockmann).

Liebe Teilnehmer, vor rund einem Jahr hatte man das Gefühl, dass sich alles nur noch um ICOs dreht. Mittlerweile ist die Stimmung etwas gedämpfter. Wo stehen wir aktuell wirklich im Hinblick auf Token Offerings?

Ruben Bach, Christopher May und Michael Duttlinger
Ruben Bach, Christopher May und Michael Duttlinger

May: Wir beobachten seit etwa einem halben Jahr, dass der Boom etwas nachlässt. Die Euphorie in Bezug auf Utility Token Offerings ist am Markt aktuell definitiv vorbei – ein Teil dieser Unternehmen hat mitunter gar nicht überlebt. Inzwischen schaut man viel stärker auf Qualität. Hinter den Token Sales, die wir aktuell am Markt beobachten können, steckt demnach viel mehr Substanz als noch vor ein bis zwei Jahren. Nicht zuletzt, weil der Schwerpunkt derzeit auf Security Token liegt, die von der Struktur her einem Wertpapier ähneln. Zuvor erinnerte die Euphorie fast schon an die Zeiten der Dotcom-Blase vor rund 20 Jahren.

Frantzen: Der ICO-Markt ist meiner Meinung nach nicht tot, sondern erlebt gerade eine Bereinigung. Solange ein Unternehmen ein plausibles, profitables Geschäftsmodell betreibt, kann ein ICO durchaus immer noch Sinn machen. Der regulatorische Aufwand, der für einen Security Token Sale (STO) betrieben werden muss, ist ziemlich hoch. Deshalb muss man sich die Frage stellen, inwiefern sich dieser überhaupt noch von klassischen Finanzierungsmodellen, wie z.B. dem IPO, unterscheidet. Hier beobachte ich ein Verschwimmen der traditionellen mit der neuen Welt. Auch wenn ICOs zuletzt gelitten haben, werden sie nicht vollumfänglich verschwinden, sofern ein solides Geschäftsmodell dahintersteht.

Veronika Kütt, Heiko C. Frantzen und Dr. Tobias Riethmüller.
Veronika Kütt, Heiko C. Frantzen und Dr. Tobias Riethmüller.

Duttlinger: Bei vielen ICOs wurde in der Vergangenheit sehr viel Spekulation betrieben. Dabei ist die Utility-Token-Struktur für reines Fundraising teilweise gar nicht richtig geeignet. Deshalb ist die ICO-Welle mittlerweile wieder am Abflauen. Wir beobachten hingegen eine neue, zweite Welle, und zwar die der bereits genannten STOs, bei der wir gerade noch am Anfang stehen. Der Security Token ähnelt einem klassischen Asset, wodurch dies auch für viele Investoren attraktiv ist. Wir rechnen in diesem Bereich demnach verstärkt mit mehr Investoren in der nächsten Zeit. Jedoch glauben wir auch, dass Utility Token nicht komplett verschwinden werden. Für einige Geschäftsmodelle machen diese durchaus Sinn. Dennoch liegt die Zukunft stärker bei den STOs.

Dr. Riethmüller: Es gibt ein paar Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit sich eine neue Finanzierungsform nachhaltig etablieren kann. Bei der ersten ICO-Welle wurden einige dieser Anforderungen nicht optimal erfüllt. Wichtige Kriterien sind u.a. Governance und Transparenz – vor allem im Sinne von angemessener Transparenz hinsichtlich des jeweiligen Finanzierungsprojekts. Viele der Unternehmen, die einen Token Sale anstreben, müssen diesbezüglich noch einiges nachholen. Hier kann man von Crowdfunding-Plattformen lernen, die von Anfang an einen viel stärkeren Fokus auf Transparenzrichtlinien gelegt haben. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch immer die Interessen der Anleger im Blick hatten, also ihrer Stakeholder auf der anderen Marktseite. Solch eine Entwicklung wird sich mit Sicherheit auch im Token-Bereich langfristig etablieren.

Bach: Auch ich glaube, dass es ICOs in Zukunft schwer haben werden, vor allem aufgrund der regulatorischen Hürden. Für eine rechtkonforme „Emission“ benötigt man künftig wohl immer einen Token, der zugleich regulatorisch als Wertpapier qualifiziert – diese Anforderung erfüllen aber die allermeisten Utility Token nicht. Wir empfehlen unseren Kunden auch deshalb, nur noch ein STO durchzuführen – nicht zuletzt, da die SEC Ende letzten Jahres verlautbaren ließ, dass ICOs wegen zuvor genannter Gründe so gut wie nicht mehr compliant durchführbar sind.

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