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CEO und Gründer der Finanz- und Unternehmenskommunikations-Agentur Kirchhoff Consult Klaus Rainer Kirchhoff äußert sich im Interview über die Vorteile einer Börsennotierung, den Auslöser der vielen IPO-Absagen im Herbst sowie die Kapitalmarkt-Aussichten für 2019.

GoingPublic Magazin: Herr Kirchhoff, warum gab es im Herbst so viele IPO-Absagen?

Kirchhoff: In der zweiten Jahreshälfte haben sich die Rahmenbedingungen für IPOs deutlich verschlechtert. Grund war die negative und volatile Kursentwicklung an den Aktienmärkten, die von Gewinnwarnungen vieler

Klaus Rainer Kirchhoff
Klaus Rainer Kirchhoff

Unternehmen sowie schlechteren Aussichten für die deutsche Wirtschaft ausgelöst wurde. Abgeschreckt wurden die Anleger auch von wirtschafts- und geldpolitischen Ereignissen wie dem US-Handelsstreit und der Entscheidung der EZB, die umstrittenen Anleihekäufe am Ende des Jahres einzustellen. Deshalb haben viele Börsenkandidaten im In- und Ausland ihr IPO kurzfristig abgesagt oder verschoben, darunter auch größere Transaktionen wie Exyte. Sonst wäre 2018 eines der erfolgreichsten Jahre in der jüngeren deutschen IPO-Geschichte geworden. Die IPO-Pipeline ist prall gefüllt.

Welche Indikatoren werden herangezogen, um die IPO-Tauglichkeit eines Marktumfelds festzustellen?

Die Börsenkandidaten brauchen eine geringe Volatilität an den Kapitalmärkten. Denn Geld ist genug da! Wenn dann noch das Bewertungsniveau für die Unternehmen stimmt, herrschen ideale Bedingungen. Der Herbst hat jedoch gezeigt, dass sich die IPO-Fenster auch schnell wieder schließen können. Daher ist es wichtig, dass die Unternehmen bestens vorbereitet sind, um sie schnell nutzen zu können.

Welche Nachteile haben Absagen für Emittenten?

Die Absage oder Verschiebung eines Börsengangs ist immer ärgerlich, selbst wenn es dafür berechtigte Gründe gibt. Zum einen verpufft ein Teil der hohen Ausgaben, die mit der Vorbereitung des IPOs verbunden sind. Zum anderen leidet darunter meistens die Motivation für den nächsten Anlauf. Der größte Nachteil ist jedoch, dass Unternehmen nicht das für ihre Wachstumspläne nötige Kapital einsammeln können. Gerade in Deutschland scheint Risikokapital ein knappes Gut zu sein – anders als in den USA.

Wie beurteilen Sie den IPO-Markt 2018 insgesamt?

Das Platzierungsvolumen aller IPOs liegt derzeit auf dem höchsten Niveau seit den Zeiten des Neuen Marktes. Zudem gab es mit Siemens Healthineers, Knorr-Bremse und der DWS Group gleich drei Börsengänge mit einem Volumen von jeweils mehr als 1 Mrd. EUR. Erfreulich ist auch, dass mit Godewind das erste Cash-Box-IPO der Immobilienbranche gelungen ist. Das alles zeigt, dass Emittenten, aber auch Investoren wieder mehr Vertrauen in den deutschen IPO-Markt gefasst haben.

Im Gegensatz dazu herrschte im Segment Scale der Deutschen Börse eher Langeweile …

Die nur geringen Aktivitäten in diesem neuen KMU-Segment finde ich enttäuschend. Hier hätten sich deutlich mehr als nur zwei Unternehmen aufs Börsenparkett wagen können, zumal die Rahmenbedingungen vor allem im ersten Halbjahr 2018 durchaus günstig waren.

Wird sich der positive Trend bei den IPOs im nächsten Jahr fortsetzen?

Die Kursziele für den DAX und die Konjunkturprognosen wurden gesenkt. Ich erwarte deshalb 2019 weniger Börsengänge als im Vorjahr. Vielleicht erleben wir aber auch eine Überraschung und die Erholung des IPO-Marktes setzt sich fort. Immerhin könnten zahlreiche Unternehmen ihren verschobenen Börsengang nachholen. Insgesamt gibt es laut Marktgerüchten rund 80 IPO-Kandidaten. Mehrere davon unterstützen wir bereits bei der Vorbereitung.

Was ist in Deutschland noch zu verbessern, damit auf lange Sicht wieder mehr Unternehmen auf IPOs setzen?

Für eine dauerhafte Belebung muss ein Umdenken bei den Firmen und in der Bevölkerung stattfinden. Unternehmen sollten Börsengänge nicht als Risiko, sondern als Chance begreifen. Der langfristige Zugang zu frischem Wachstumskapital ist entscheidend für den nachhaltigen Erfolg. Nur so können sich auch in Deutschland wieder junge Unternehmen zum Weltmarktführer entwickeln. Und viele Privatanleger sind noch traumatisiert, weil sie am Neuen Markt und in der Finanzkrise viel Geld verloren haben.

Gibt es hier bereits positive Entwicklungen?

Ja. Die jüngsten Zahlen vom Deutschen Aktieninstitut machen mir Hoffnung auf bessere Zeiten. Demnach ist die Zahl der Aktionäre 2017 überraschend stark gestiegen und hat den höchsten Stand seit 2003 erreicht. Im internationalen Vergleich zwar immer noch wenig, aber die Richtung stimmt.

 GoingPublic: Herr Kirchhoff, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Thomas Müncher und es erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redakteurin des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für goingpublic.de