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Im Frühsommer dieses Jahres hat der DAX nach 26 Jahren erstmals die magische 10.000-Punkte-Marke überschritten und damit punktemäßig die namhaften europäischen Blue-Chip-Indizes abgehängt u.a. den „Footsie“ = FTSE (Teil des Londoner Stock Exchange) – dieser hat bisher noch nicht einmal die 7.000-Punktegrenze überschritten. Aber was sagt dies über die Attraktivität als Börsenplatz an sich?

 Ulla-Martina Bauer

Betrachtet man die Anzahl der Börsengänge, sieht es ganz anders aus. 2013 wurden in Großbritannien 94 Börsengänge mit einem Gesamtvolumen von über 15 Mrd. EUR gezählt. 2014 sieht es noch besser aus: Im zweiten Quartal 2014 gab es 54 Börsengänge (in den ersten 9 Monaten insgesamt schon 126) in London, 22 an der Nyse Euronext – aber nur sechs Neuemissionen in Frankfurt. Im 3. Quartal war die Londoner Stock Exchange mit 23 IPOs im Wert von 1,9 Mrd. EUR führend, gefolgt von der Euronext mit immerhin acht Emissionen im Wert von 1,7 Mrd. EUR. Die deutsche Börse lag mit einem Emissionsvolumen von 11 Mio. nur auf Platz 10.

Im September hatte die Ungewissheit über den Ausgang des Schottland-Referendums für Unsicherheit auf dem Londoner Börsenmarkt gesorgt und zu einer Verlangsamung geführt. Doch diese Unsicherheit hat sich gelegt und es stehen dieses Jahr noch einige IPOs an. Bei einigen Börsengängen haben jedoch Finanzinvestoren die gute Stimmung für einen Ausstieg genutzt und einige Börsenneulinge notieren als Folge unter Ausgabepreis. Dies hat zu heftiger Kritik an den Beteiligungsgesellschaften und an den Beratern geführt und eine alte Regel wird wieder zitiert: Bei Börsengängen darf jeder die Party mit einem Luftballon verlassen. Im Falle des Börsengangs des englischen Pendants vom ADAC, dem „AA“, haben die Käufer aber keinen Luftballen bekommen (Zitat von Andy Brough, Schroder UK).

Für viele ausländische Investoren ist die LSE seit vielen Jahren Anlaufpunkt Nummer eins für einen Börsengang. Dies gilt nicht nur für russische Unternehmen – auch die früheren Kolonien des Vereinigten Königreichs sind durch den Commonwealth politisch, aber auch wirtschaftlich immer noch mit der einstigen Kolonialmacht eng verbunden. Dies hat der Börsengang des malaysischen Unternehmens Jimmy Choo wieder gezeigt. Aber auch der starke Expansionsdrang der LSE stärkt die wirtschaftliche Kraft. Zukäufe wie der Erwerb der italienischen Börse und im Juni 2014 des US-Indexbetreibers und Vermögensverwalters Russell Co. tragen zum Wachstum bei.

Deutschland: viele Unterschiede zu UK
Es darf auch nicht vernachlässigt werden, dass es grundsätzliche Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien gibt. In Deutschland sind die privaten Anleger nach wie vor unterrepräsentiert. Aktien als langfristige Kapitalanlage auch für die Altersversorgung bilden eher die Ausnahme. Das deutsche staatliche Rentensystem ist trotz aller Einschränkungen immer noch weit vielversprechender als das englische staatliche Rentensystem, das nur eine absolute Minimumfinanzierung erlaubt, und so bieten weit mehr Unternehmen in England ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, in private langfristige Kapitalanlagen für die Rentenversorgung zu investieren – neben dem in England sehr wichtigen Eigenheim. Auch Mitarbeiterbeteiligungen in Form von Aktien sind im Vereinigten Königreich verbreitet und beliebt. In Deutschland war dies zu Zeiten des Neuen Marktes sehr populär, hat aber mit dessen Niedergang auch gelitten und wird in Deutschland deshalb zu wenig genutzt.

Londoner AIM zieht einfach
In Deutschland lassen die Börsengänge von Firmen wie Rocket Internet und Zalando schon wieder den Vergleich zum Neuen Markt aufkommen, als die Kurse defizitärer IT- und Internet-Unternehmen astronomische Höhen erreichten, um danach umso jäher nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ abzustürzen. Der Ruf nach einer Wiederbelebung des Neuen Marktes könnte auch bei Privatanlegern in Deutschland das Interesse von Aktien von IT-, Internet- und Technologieunternehmen wecken. Zuständig wäre die Deutsche Börse. Diese verweist aber immer wieder auf den Entry Standard. Dieser ist ein Teilbereich des Open Markets mit etwas niedrigeren Transparenzanforderungen. Nach dem Ende des Neuen Marktes 2003 war auf vielfachen Wunsch im Oktober 2005 der Entry Standard initiiert worden. Der vergleichbare Börsenmarkt der Londoner Börse ist der Alternative  Investment Market, kurz AIM. Dieser wurde 1995 als Marktsegment für kleinere, wachstumsstarke Unternehmen gegründet und hat seither eine anscheinend nicht endende Erfolgsgeschichte. Der AIM gilt als der erfolgreichste  Wachstumsmarkt weltweit. Seit seiner Gründung wurden 3.000 Unternehmen dort notiert.

Fazit
Der Londoner Tech-Handelsplatz boomt – in Deutschland unken die Kritiker und wir warten auf einen Stimmungsumschwung. Dabei verfügt Deutschland über eine Vielzahl innovativer Start-up- und Technologieunternehmen. Oftmals fehlen diesen Unternehmen jedoch die finanziellen Mittel in der Phase des Wachstums. Immerhin sind die jüngsten Börsengänge von Rocket und Zalando in Deutschland und nicht in den USA als positives Zeichen zu sehen und wecken die Hoffnung, dass noch mehr junge Unternehmen die Aktienausgabe als Instrument der Kapitalbeschaffung nutzen werden. In der Vergangenheit wurde der Börsengang oft von Private-Equity-Häusern als Option zum Unternehmensausstieg gesehen. Allerdings sollte ein Börsengang erst dann angestrebt werden, wenn sich das Geschäftsmodell eines Start-ups als belastbar und zukunftsfähig erwiesen hat und ein Börsengang weiteres Wachstum finanzieren soll. Diese Regel gilt unabhängig davon, an welchem Börsenplatz man eine Zulassung anstrebt.

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