Bildnachweis: © Wiener Börse/APA-Fotoservice.

Der Ukrainekrieg belastet die Konjunktur und drückt auf die Stimmung der Unternehmen. Viele Emittenten haben bereits wirksame Maßnahmen ergriffen, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch das gesamte Ausmaß der Krisenfolgen ist noch nicht absehbar. Gelobt wird das serviceorientierte Handeln der Wiener Börse, in unsicheren Zeiten das Vertrauen am Kapitalmarkt zu stärken. 

Weltweit kamen die Aktienkurse im Februar und März dieses Jahres deutlich unter Druck. Dem konnte sich natürlich auch die Wiener Börse nicht entziehen. „Dadurch erhöhte sich die Volatilität der Kurse im ersten Halbjahr deutlich“, weiß Milena Ioveva, Head of Investor Relations der PORR AG. „Im weiteren Jahresverlauf belasteten ­zudem die beiden Zinserhöhungen der EZB das Marktumfeld.“

Talfahrt könnte sich fortsetzen

Der ATX hat seit Ausbruch des Ukraine­kriegs mehr als 20% verloren. Dadurch hat sich die Marktkapitalisierung vieler ­großer börsennotierter Unternehmen in Österreich stark reduziert. „Die Anleger sind zurückhaltender geworden und teilweise in Warteposition“, bemerkt Hannes Roither, Vice President Investor Relations & Sponsoring bei PALFINGER. Der Krieg drückt auf die Stimmung und Konjunktur. „Viele Effekte sind noch nicht in der Wirtschaft und bei den ÖsterreicherInnen angekommen“, ergänzt Pascal Schmidt, Chief Financial Officer bei Marinomed Biotech. „Wir müssen weiter mit Druck auf die ­Kurse rechnen.“ Die große Unsicherheit am Kapitalmarkt steht den österrei­chischen Unternehmen im Herbst und Winter noch bevor. „Sollte eine Gas- und Energiekrise zu COVID-19, Supply Chain und Inflation hinzukommen, wird dies ­zusätzlich einen negativen Effekt an den Börsen auslösen, national wie interna­tional“, befürchtet Roither.

Unternehmen unterschiedlich betroffen

Neben Ukrainekrieg belasten natürlich auch Inflation, Energiepreissprünge und Lieferkettenprobleme. Die Folgen sind ­indes unterschiedlich; nicht alle Unternehmen sind im selben Maße und von ­jeder Krise beeinflusst. Stark von Krieg und Preisspirale betroffen sind die Energie- und Baubranche sowie viele Unternehmen, die in großem Umfang mit mittel- und osteuropäischen Staaten handeln oder dort produzieren. „Die Preisstei­gerungen bei Baumaterialien und Energie wirken sich in höheren Baukosten aus“, ­erläutert Ioveva. „Diese können wir zum Großteil an unsere Auftraggeber weiter­geben.“ Gesamtwirtschaftlich führt die starke Inflation zu einer erhöhten Unsicherheit im Markt und zu mehr Vorsicht vor allem bei Wohnbauinvestitionen.

OMV profitiert von hohen ­Energiepreisen

Der Erdöl-, Erdgas- und Chemiekonzern OMV spürt in seinen Segmenten Refining & Marketing sowie Chemicals & Materials ebenfalls die steigenden Energiekosten. Allerdings: „Die hohen Öl- und Gaspreise unterstützen das Ergebnis im OMV-­Segment Exploration & Production“, heißt es aus dem Unternehmen. „Wir sehen für laufende Projekte bis jetzt einen geringen Einfluss durch steigende Preise, da viele Kosten fixiert werden konnten.“ Zudem ist der Konzern ein zyklisches Marktumfeld gewöhnt.

Wirksame Maßnahmen gegen Lieferausfälle

Auch gegen Lieferengpässe und Verfügbar­keitsprobleme haben viele österreichische Unternehmen mit verschiedenen Strategien gezielt vorgebeugt. „Hinsichtlich dieser Probleme sind wir mit unserer zentra­lisierten Beschaffung gut aufgestellt – wir sind weder von Lieferausfällen noch von Baustopps betroffen“, freut sich Ioveva. Allerdings kann es durch die massive Energieverteuerung zu neuen Knappheiten kommen, und auch die Kostensteigerungen der Inflation werden oftmals erst im nächsten Jahr die Bilanzen stark belasten. „Viele Unternehmen konnten erste Effekte kompensieren“, bestätigt Schmidt. „Wir sehen aber jetzt, dass sich das ändert: Preise steigen, Verfügbarkeiten sinken.“ Viele Unternehmen können derzeit noch nicht einschätzen, wie lange es dauern wird, bis sich diese Parameter wieder ­verbessern.

Vertrauen schaffen für ­Krisenbewältigung

Die Wiener Börse versucht, ihre etablierten Kontakte zu wichtigen Investoren zu nutzen, um mit guter Kommunikation Zutrauen hinsichtlich der Krisenbewäl­tigung zu schaffen. „Gerade in unsicheren Zeiten ist Transparenz und Kommunikation enorm wichtig“, betont Harald Hagenauer, Head of Investor Relations der Österreichischen Post. „Koordinierte internationale Roadshows helfen, das Vertrauen am Kapitalmarkt zu stärken.“ Stefan Marin, Head of Investor Relations der Frequentis AG, nennt zwei weitere Stärken: „Stabilität des Geschäfts­modells und Serviceorientierung für die Kunden.“

Starker Fokus auf Mittel- und Osteuropa

Als eine der ältesten Wertpapierbörsen der Welt genießt sie international einen hervorragenden Ruf. „Hier sind globale Weltmarktführer gelistet, die über den ATX und ATX Prime Sichtbarkeit erlangen“, ­betont Roither. Außerdem sind die Indizes die Sektoren betreffend gut diversi­fiziert. Viele Unternehmen sind mit einer starken Expansion in mittel- und osteuropäische Länder erfolgreich gewesen. Diese Regionen werden in den kommenden ­Jahren deutlich stärker wachsen als viele EU-Länder. Nicht zuletzt ist die Wiener Börse im internationalen Kontext ein ­starker Player bei Anleihen, vor allem bei Green Bonds. „Damit ist es möglich, zukünftigen Finanzierungsbedarf gut abzudecken“, weiß Roither. Natürlich kann sich auch der ­Wiener Börsenplatz den inter­nationalen Entwicklungen an den welt­weiten Börsen nicht entziehen und hängt von deren ­Performance ab.

Fazit

Leitindex ATX und ATX Prime sind seit Jahresbeginn deutlich gefallen. Ukraine­krieg, Inflationsanstieg und Lieferengpässe haben auch die österreichischen Unternehmen erreicht und die Anleger verun­sichert. Die Alpenrepublik hat aber eine solide Wirtschaftsstruktur mit großen Konzernen, mittelständischen Firmen und innovativen Start-ups. Weitere Pluspunkte sind die engen Verbindungen zu Osteuropa und die hohe Internationalität bei Handels­teilnehmern und Investoren. Das sind gute Voraussetzungen, um die vielfältigen ­Krisen­lagen in den kommenden Jahren gut zu überstehen.

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Autor/Autorin

Thomas Müncher

Thomas Müncher ist Wirtschafts- und Finanzjournalist und freier Autor beim GoingPublic Magazin.