Ein Gespräch über die Faszination der Biotechnologie, die Kunst des Überlebens und das Amazon von morgen.

 

Plattform Life Sciences: Herr Birner, blicken wir auf die letzten 20 Jahre in der Biotechnologie: Welche Technologien haben sich durchgesetzt?

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Birner: Faszinierend sind für mich die Erfolgsstorys der Firmen, in die wir bereits sehr früh investiert haben. Das sind Firmen, die sich in einem schwierigen Marktumfeld immer wieder neu erfinden konnten. Nennen möchte ich beispielsweise Evotec, MorphoSys oder Medigene, wo wir überall als Series-A-Investor beteiligt waren. Mit dem Ende des Neuen Marktes hat sich auch in der Biotechnologie die Spreu vom Weizen getrennt. Aber gerade diese drei Unternehmen haben unterschiedliche Geschäftsmodelle entwickelt, die sie überleben ließen. MorphoSys etwa ist neben der Wirkstoffentwicklung auch in den Service-Bereich gegangen und hat sich so weiterfinanziert. Später haben sich diese Unternehmen wieder auf ihr eigentliches Kerngeschäft konzentriert und sind heute Milliardenunternehmen. Das ist vielleicht eine der wichtigsten Lehren aus dieser Zeit: Nur wer sich anpasst und mit der Evolution geht, wird überleben. Das gilt auch für Investoren wie uns. Dieser Aspekt ist umso wichtiger, da viele Biotechunternehmen noch nicht von den großen Profiten leben können, sondern abhängig sind von immer neuen Finanzierungsrunden im Abstand von wenigen Jahren.

 

Was ist die Kunst des Überlebens?

Die Kunst junger Unternehmen speist sich aus der Notwendigkeit, sich permanent weiterzuentwickeln und zu wachsen. Weiterhin notwendig sind Mut und Vision, es zum richtigen Zeitpunkt einfach zu tun. Bisheriges aufzugeben und alles zu riskieren, um eine Firma zu retten, das ist kein populärer Weg. Es gehört im Zweifelsfall auch eine gewisse Demut dazu, nicht sich selbst, sondern ein Unternehmen und seine Mitarbeiter in den Vordergrund zu stellen. Und schließlich hat man es in den letzten 20 Jahren in Deutschland immer wieder geschafft, die Biotechnologie zu finanzieren. Das beeindruckt mich nach wie vor, und ich bin davon überzeugt, dass uns dies auch in Zukunft gelingen wird. Denn im Grunde ist die Biotechnologie eine „gute“ Industrie. Wir tun Gutes! Natürlich ist die Community hierzulande kleiner als vor allem in den USA. Doch mir sind ein paar wenige Sieger lieber als die große Masse der Gescheiterten, denen man nachtrauert. Ich denke, wir können ein positives Resümee der letzten 20 Jahre ziehen.

 

Was fasziniert Sie persönlich an der Biotechnologie?

Am meisten fasziniert es mich, immer wieder neue Leute mit genialen Ideen zu treffen. 2004 haben wir als Series-A-Investor in bluebird bio investiert. Damals war Gentherapie noch etwas völlig Neues und schier unvorstellbar. Aber schauen Sie sich an, wo dieses Unternehmen heute steht! Wir müssen einfach weiterhin versuchen, die wirklich großen Dinge anzugehen, sei es die Bekämpfung von Krebs oder Erbkrankheiten. Das ist auch die Aufgabe von Venture Capital, auch wenn manche Versuche scheitern.

 

Sie haben viele Jahre in Kanada gearbeitet, kennen also den Blick von außen auf die deutsche Szene sehr gut. Wo sehen Sie heute die wesentlichen Unterschiede?

In Europa und vor allem in Deutschland werben Investoren Geld für neue Unternehmen und Ideen ein, in den USA machen dies das Management und die Gründer. Dieser Unterschied basiert zum einen auf der eher wissenschaftlich basierten Vorgehensweise der deutschen Gründer und Anfangsmanager sowie auf der schwierigeren Finanzierungssituation und den limitierten Exit-Optionen. Gleichzeitig finden Sie in den USA sowohl aufseiten der Investoren als auch aufseiten der Manager Menschen, die Chancen sehr viel klarer sehen. Ich persönlich sehe darin kein Problem, es ist einfach so. Deshalb arbeitet man hierzulande eben anders als in den USA oder Kanada. Trotzdem ist es möglich, US-Investoren nach Deutschland zu holen, man muss sie nur von guten Geschäftsmodellen überzeugen. Wir haben eigentlich bei all unseren deutschen Investments US-amerikanische Co-Investoren mit an Bord. Und das wird auch so bleiben. Biotech ist eine globale Industrie, trotz Trump und Brexit. Pharma ist stark, und die wissenschaftliche Expertise etwa der UK-Universitäten ist unbestritten.

 

Aber was sind die Stärken der deutschen Biotechnologie, und wie kann man etwa US-Investoren nach Deutschland locken?

Deutschland verfügt über eine extrem solide wissenschaftliche Basis: ob Patentierung, Datengenerierung oder die Fähigkeit, Ergebnisse aus Laborexperimenten in einem anderen Setting zu wiederholen. Außerdem haben wir weiterhin extrem attraktive Bewertungen. Das sollte uns wirklich ermutigen, wieder mehr Geld ins System zu bekommen und letztlich daran auch zu verdienen. Das, was bei uns passiert, ist noch lange nicht ausgepreist. Und schließlich agieren wir in einem angenehm überschaubaren Rahmen, darin bewegen sich auch einige sehr engagierte und vermögende Privatinvestoren.

 

Wie hat sich die Investitionskultur selbst verändert?

Ich glaube, die Entwicklung verläuft zyklisch. Im Moment sind die Konditionen und der Grundansatz, zu investieren, wieder unternehmerfreundlicher geworden, auch weil wieder mehr Geld im Markt ist. Die Liquidationspräferenz ist wesentlich zahmer gestaltet als früher. Die Finanzierungszeiten für gute Firmen betragen nicht mehr ein bis zwei Jahre, sondern wieder sechs bis sieben Monate. Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zu den USA: In Deutschland erleben wir ganz selten kompetitive Syndikate. Was mich sehr freut, ist die Tatsache, dass die Firmen, die am Markt geblieben und erfolgreich sind, heute daran mitwirken, andere, jüngere Firmen ebenso erfolgreich zu machen. Ob MorphoSys oder Medigene, wir suchen derzeit gemeinsam nach neuen, spannenden Investitionsmöglichkeiten. Diesen kollaborativen Ansatz in Deutschland finde ich sehr gut. Dazu kommen auch neue VC-Kollegen mit einer langfristigen Vision.

 

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Fundraising?

In den letzten Wochen sind ja einige neue Life-Science-Fonds geclost worden. In der Tat: Ob Abingworth, Forbion oder Rothschild, die neuen Fonds verfügen allesamt über ein Volumen zwischen 300 Mio. und 400 Mio. EUR. Auch unser neuer Fonds wird sich in etwa in dieser Größenordnung bewegen. So können allein von diesen Fonds in den nächsten Jahren gut 1 Mrd. EUR in Life-Science-Unternehmen investiert werden. So viel konzentriertes Venture Capital gab es schon lange nicht mehr. Das sollte uns alle wirklich ermutigen. Dazu kommen weitere Fonds aus Europa, insgesamt rechne ich mit 2 Mrd. bis 3 Mrd. EUR in den nächsten Jahren. Das ist natürlich nur ein Bruchteil im Vergleich zu den verfügbaren Geldern in den USA. Andererseits ist unsere Branche auch wesentlich kleiner. In den USA erleben wir übrigens gerade eine massive Konzentration der klassischen Biotechnologie. Diese verschwindet weitgehend von der Westküste, die digitale Medizin einmal ausgenommen, und ballt sich an der Ostküste, mit Boston als wesentlichem Zentrum.

 

Wer investiert denn heutzutage in die Biotechnologie?

Gute Frage! Im Endeffekt investieren die altbekannten Leute, nur haben die in den vergangenen zehn Jahren eben nicht mehr investiert und kehren nun wieder zurück. Family Offices oder Buy-out-Fonds haben erkannt, dass sie mit Private Equity nicht zwingend mehr Gewinne machen als mit Venture Capital. Die Preise, die aktuell für mittelständische Firmen aufgerufen werden, sind immens. Für diese Firmen ist einfach momentan viel zu viel Geld im Markt. Im Gegensatz dazu kann man mit Biotech seit einigen Jahren richtig viel Geld verdienen, vorausgesetzt, man hat den richtigen Ansatz. Wir sehen Investoren, die in unsere Fonds IV, V und VI investiert haben, im siebten Fonds nicht dabei sein wollten und nun im neuen Fonds wieder mitfinanzieren. Ein anderes Thema ist natürlich die fortwährende Niedrigzinspolitik, und schließlich verfügen die US-Pharmafirmen dank Donald Trump über viel billiges Geld, mit dem sie nun einkaufen können. Biotech und Pharma haben sich in den letzten Jahren als verlässliche Größen bewiesen, mit profitablen Zahlen und ohne den bitteren Beigeschmack, den man beispielsweise in den vergangenen Jahren in der Automobilindustrie hatte. Und die ehemals jungen Wilden werden ebenfalls erfahrener und reifer.

 

Stichwort Digitalisierung: Wird Biotech eines Tages nur noch Zulieferer für Firmen wie Google, Apple oder Amazon?

Vereinfacht ausgedrückt: Google wird der nächste Doktor sein und Amazon die nächste Apotheke. Aber alles, was der eine verschreibt und der andere verkauft, kommt von den Biotech- und Pharmaunternehmen. Ich bin sehr entspannt, nur die Vertriebswege und Prozesse werden sich verändern. Doch immer wird man innovative Medikamente brauchen. Google wird sich künftig verstärkt im Bereich der Diagnose oder der Integration von Daten engagieren. So hat eine Studie von Google beispielswiese anhand des Surfverhaltens von nicht diagnostizierten Krebspatienten mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% herausgefunden, welcher Nutzer tatsächlich an Krebs erkrankt war. Google wird künftig eine Indikationsstufe für Krankheiten, das wird auch Folgen für die niedergelassenen Ärzte oder Krankenhäuser haben. Spannend wird die Entwicklung von Amazon. Hier lassen sich vermutlich hohe Kosten im Vertriebsbereich einsparen, was schließlich auch den Versicherern und Versicherten gleichermaßen zugutekommt. Darüber hinaus wird die Digitalisierung künftig komplexe Themen im Bereich der Forschung vereinfachen, etwa durch die Synthese vieler Daten. Die Verknüpfung vieler großer Datensätze wird die Forschung erheblich vereinfachen und die Diagnose verbessern. Deshalb zahlen Firmen auch viel Geld für große Datensätze. Pharma wird, wenn überhaupt, auf der Vertriebsseite leiden. Werden US-Firmen noch derart hohe Preise verlangen können, wenn Patienten ihre Medikamente billiger über Amazon in Europa beziehen können?

 

Herr Birner, haben Sie herzlichen Dank! Schauen wir, welche Ihrer Visionen in 20 Jahren Wirklichkeit geworden ist!

 

Das Gespräch führte Holger Garbs.

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Dr. Hubert Birner verantwortet die Investmentstrategie von TVM Capital Life Science in Europa, Nordamerika und Kanada. Seit dem Jahr 2000 ist er für TVM Capital tätig und war vor dieser Tätigkeit Head of Business Development Europe und Director of Marketing bei Zeneca Deutschland und Berater in der Health Care und Pharmaceutical Practice von McKinsey & Company.

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