Das Family Office der Hexal-Gründer Strüngmann und die Fonds der MIG AG gehören zu den wichtigsten Finanzierern der deutschen Biotechszene. Zeit für ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Plattform Life Sciences: Herr Motschmann, Herr Jeggle, was ist für Sie persönlich das Faszinierende am Thema Biotechnologie?

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Jeggle: Als Investor gibt es für mich zwei interessante Ebenen: Die eine ist, ein Unternehmen mitzugestalten und aufzubauen. Auf der zweiten Ebene bin ich davon überzeugt, dass wir aufgrund der hohen Innovationskraft der Biotechnologie und ihrer artverwandten und IT-geprägten Industrien derzeit die Unternehmen der nächsten Jahrzehnte aufbauen. Bestehendes wird aufgrund von Effizienz und Inovation neu positioniert. Es gibt Menschen, die etwas bewegen und verändern wollen und die ganz bewusst ihre Komfortzone verlassen.

Motschmann: In der biopharmazeutischen Industrie erleben wir gerade eine faszinierende Verschmelzung gleich mehrerer Zukunftstechnologien: Digitalisierung, Big Data, Nanotechnologie, verschiedene Omics-Technologien und Systembiologie verursachen einen kompletten Umbruch, insbesondere der Pharmaindustrie. Deshalb ist es eine extrem spannende Aufgabe, junge Unternehmen zu finanzieren und sich mit Geschäftsmodellen auseinanderzusetzen, welche die Zukunft bestimmen werden. Wir haben in Deutschland großartige Wissenschaftler. Die Kunst besteht darin, die Translation von der Wissenschaft in ein Unternehmen zu bewerkstelligen. Dazu braucht es die nötigen Strukturen, und da tut es Gründern gut, erfahrene Unternehmer oder Betriebswirte an ihrer Seite zu wissen, die sich früh um das Einziehen eben jener Strukturen kümmern.

 

Die Überführung wissenschaftlicher Ideen in marktfähige Produkte war lange ein Problem in Deutschland. Sehen Sie aktuell eine neue Gründerwelle in der Biotechnologie?

Jeggle: Heute wird nicht mehr, sondern anders gegründet. Vor 20 Jahren hieß es: „Was in den USA geht, muss auch in Deutschland funktionieren.“ Man wollte ganze Geschäftsmodelle kopieren und hat dabei übersehen, dass es hierzulande um ganz andere Variablen geht, etwa hinsichtlich Finanzierung oder Unternehmensstrukturen. Deutschland ist dafür einfach zu sehr von der Old Economy geprägt. Heute fokussiert man sich eher auf das, was deutsche Firmen gut können, und akzeptiert die Limitierungen. Der alte Vergleich mit den USA hat abgenommen, man besinnt sich eher auf die eigenen Stärken. Es gibt gute akademische Grundstrukturen in Deutschland, die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem Projektträger Jülich oder GO-Bio funktioniert gut. Was in den letzten Jahren aufgeholt hat, war zudem die Zusammenarbeit zwischen jungen und etablierten Unternehmern oder zwischen Start-ups und Investoren.

Motschmann: Die Finanzierungssituation in den USA ist eine völlig andere und zudem historisch gewachsen. Dabei ist eine Gründungsfinanzierung in Deutschland noch relativ leicht zu stemmen. Das Problem sind die Folgefinanzierungen und die Zugänge zu den Kräften des freien Kapitalmarkts. So werden dauerhafte oder sich wiederholende Refinanzierungen in Deutschland immer noch erschwert. Daher wird man in Deutschland auch in den nächsten Jahren noch Probleme haben, Biotechunternehmen dauerhaft in der Breite aufzubauen.

Welche Unternehmen und Technologien aus den letzten 20 Jahren haben „überlebt“?

Motschmann: Die umsatzstärksten Produkte sind heute ganz klar die Antikörper. Im Bereich der Krebsmedizin haben sich einzelne Kinaseinhibitoren durchgesetzt. Damit sind auch Unternehmen groß geworden, wie Genentech und Regeneron. Die meisten sind jedoch in großen Konzernen aufgegangen, wie Sugen in Pfizer oder die deutsche Knoll in AbbVie. Etwas mehr erwartet haben wir uns sicher von den einzelnen Omics-Technologien. So beginnt die Genomik erst jetzt, also nach mehr als 20 Jahren, in der personalisierten Medizin und molekularen Diagnostik Früchte zu tragen. Die Frage ist: Wann gibt es begleitende Verfahren, die in der Lage sind, diese Ansätze so zu verfeinern, dass sie möglicherweise als Multiplex-Ansatz funktionieren?

 

Athos und MIG Fonds investieren auch gemeinsam. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Jeggle: Natürlich weist man sich gegenseitig auf interessante Firmen oder Geschäftsmodelle hin. Aber man kennt auch die Affinität des jeweils anderen. Die MIG Fonds verfügen über technisch sehr versierte Fachleute, die gerade in den Frühphasen gut evaluieren können. Über eine solche insbesondere technische Expertise verfügen wir in dieser Form nicht. Wir konzentrieren uns vor allem auf die Gestaltung eines Unternehmens, die Skalierung und Positionierung innerhalb eines bestimmten industriellen Segments. Motschmann: Darüber hinaus teilen wir uns bestimmte Aufgaben innerhalb unseres gemeinsamen Portfolios, beispielsweise den Sitz in einem Aufsichtsrat. Wir tauschen uns regelmäßig über bestimmte Themen aus, das muss aber nicht täglich passieren. Das hängt auch vom Reifegrad eines Unternehmens ab. Helmut Jeggle kümmert sich beispielsweise sehr um eine BioNTech, bei mir ist es eine AFFiRiS. Das sind Investments, die aufgrund ihrer Größe einfach mehr Zeit in Anspruch nehmen. Eine weitere Expertise von Athos sehe ich im Bereich der Vermarktung, wenn es um die Ausarbeitung entsprechender Industriestrukturen geht. Dazu kommt ein breites Netzwerk. Die internationale Ausrichtung von Athos kommt einem lokalen Partner wie uns sehr zugute.

 

Wie hat sich die Finanzierungskultur in den vergangenen Jahren verändert?

Motschmann: Ich glaube, in Deutschland hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren nicht wesentlich verändert. Wir erleben überwiegend die gleichen Player, neben Athos und MIG sind dies vor allem Wellington und TVM. Dazu kommen weitere europäische Investoren. Deren Engagement hat zugenommen, einen Ruck durch die Finanzierungslandschaft hat es aber nicht gegeben, weder auf der Eigenkapitalseite noch auf der IPO-Seite. Die Technologiethemen, die wir behandeln, sind mit den Jahren größer geworden, und dies kostet neben Zeit natürlich auch Geld.

 

Wie wird sich die Finanzierungslandschaft in den nächsten zehn, 20 Jahren verändern?

Jeggle: Ich wünsche mir eine ausgewogene Gesellschafterstruktur, in der alle Anforderungen eines Unternehmens abgebildet werden. Ich glaube, dass in unterschiedlichen Stadien eines Unternehmens unterschiedliche Investoren ihre jeweilige Expertise einbringen können. Das Problem der letzten zehn Jahre war aus meiner Sicht, dass vor allem öffentliche oder staatliche Investoren ihre Regularien miteinander vereinbaren mussten. Wer darf wann und wie lange investieren? Vor diesem Hintergrund ist Biotech ein sehr schwieriger Markt, weil wir hier über Zeitläufe von acht oder zwölf Jahren reden. Ich glaube aber, dass wir hier in den kommenden Jahren eine Veränderung erleben werden, weil die Erfolge des Standortes Deutschland gezeigt haben, dass auch längerfristige Investments sinnvoll sind. Motschmann: Ich wünsche mir, dass unternehmerische Erfolge die Attraktivität des Standortes weiter erhöhen und den deutschen Kapitalmarkt für nachhaltiges Wachstum öffnen. Dass wir mehr Biotech-IPOs erleben – und zwar nicht mehr mit jahrelangem Abstand, sondern warum nicht quartalsweise? Und dass Unternehmen bei steigenden Bewertungen aufgrund ihrer inhaltlichen Entwicklung in der Lage sind, sich neues Geld vom Markt zu beschaffen. Das schließt ein, dass Investoren, die am internationalen Markt aktiv sind, den deutschen Markt auch attraktiv genug finden.

 

Stichwort „nachhaltiger Kapitalmarkt“: Wie kann dieser aufgebaut werden?

Motschmann: Die Frage ist: Wie schaffe ich ein gesellschaftliches Umdenken? Da spielt natürlich eine Nullzins- oder Negativzinsphase wie aktuell eine entscheidende Rolle, denn als Anleger ist man gezwungen, alternativ zu denken. Wenn man nur auf die Risiken schaut und nicht auf die Chancen, dann gibt es auch keine Veränderungen. Das Hauptthema unserer Gesellschaft ist doch, dass sie sich verändern muss, das bezieht sich nicht nur auf Biotech. Industriehistorisch zwingt uns die Digitalisierung dazu, Geschäftsmodelle in allen Bereichen neu zu überdenken. Firmen, die heute in ihren Märkten erfolgreich sind, werden dies in Zukunft nicht mehr sein, wenn sie die Erfordernisse der Digitalisierung nicht beachten. Umgekehrt haben kleine Unternehmen eine Chance, weil sie die Strukturprobleme der Großen nicht haben. Wir sitzen im Moment an einem Tisch, an dem die Würfel neu geworfen werden. Die Firmen wiederum müssen sich langfristig unabhängig von ihren Anfangsinvestoren machen, um als eigenständige Unternehmen zu überleben. Die Unternehmen müssen eine Größe erreichen, um einen direkten Zugang zum Kapitalmarkt zu erhalten. Nur so ist langfristiges Wachstum zu ermöglichen. Dies ist in Deutschland so noch nicht gewährleistet, in den USA dagegen umso mehr.

 

Wo sehen Sie potenzielle Leuchttürme oder neue Einhörner der deutschen Biotechszene?

Motschmann: In unserem gemeinsamen Portfolio denke ich natürlich an eine BioNTech. Hier verfolgen Athos und MIG die gleichen Ansprüche und denken in den gleichen Dimensionen. Dies wurde in den vergangenen Jahren auch durch den Einstieg namhafter internationaler Investoren oder durch Partnerschaften mit Global Playern der Pharmabranche untermauert. Aber auch eine CureVac hat einen ähnlichen Anspruch. Ich denke, dass die RNA-basierte Wirkstoffentwicklung eine der Zukunftstechnologien schlechthin ist. Hier wird ein breiter Umbruch in der Industrie stattfinden, vergleichbar mit der Antikörperentwicklung. Auch die Medigene ist eine faszinierende Firma, mit einem hohen wissenschaftlichen Background. Andererseits darf man auch nicht erwarten, dass man auf einen Schlag fünf oder zehn potenzielle neue Einhörner aus dem Hut zaubert. Schon einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag zu generieren ist ein enormer Anspruch. Was in Deutschland allerdings zu wenig verstanden wird: Nach der Finanzierungsrunde ist vor der Finanzierungsrunde. Dies gilt insbesondere dann, wenn man sein Produkt nicht auslizenziert, um dadurch Umsätze zu generieren, sondern selbst weiterentwickelt. Man darf sein Tafelsilber nicht frühzeitig verkaufen, aber dann benötigt man umgekehrt eben auch immer wieder mehr Kapital.

Jeggle: Vor allem die Frage, in welchem Umfeld sich ein Unternehmen entwickeln kann, ist von hoher Relevanz. Sowohl in der akademischen Phase als auch beispielsweise wie im Falle einer AiCuris im Rahmen eines Spin-offs, in diesem Fall von Bayer. Für AiCuris war es damals wichtig, ihre eigene Nische zu finden. Ich glaube, dass wir gute Biotechfirmen in Deutschland haben. Es ist auch eine Frage des Anspruchs, denn leider suchen immer noch zu viele Leute das neue Facebook. Zudem haben wir heute ein viel besseres Umfeld. Wir haben heute Firmen, die längst bewiesen haben, dass sie über gute Technologien oder Wirkstoffkandidaten verfügen. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders. Allerdings finde ich die Frage nach neuen Einhörnern schwierig, denn sie erzeugt eine unnötig hohe Erwartungshaltung. Einhörner können nicht künstlich erzeugt werden, sie entstehen als Folge eines guten Umfelds. Ich persönlich lasse mich lieber von Inhalten überzeugen als von hohen Bewertungen, von denen man nicht immer weiß, wie sie zustande gekommen sind.

 

In den letzten Monaten wurden die Namen einiger deutscher Biotechfirmen genannt. Wie realistisch ist ein deutsches Biotech-IPO in nächster Zukunft?

Motschmann: Aus unserem gemeinsamen Portfolio ist ein Börsengang in diesem Jahr nicht geplant. Generell glaube ich, dass ein Biotech-IPO in Deutschland schwierig ist. Vor allem ein Unternehmen ohne Umsatz ist meines Erachtens hierzulande nicht platzierbar. Große Biotech-IPOs in Deutschland sehe ich nicht. Der Börsengang der Brain AG war etwas Besonderes, da das Unternehmen bereits Umsätze erzielen konnte und zudem als Firma aus der industriellen Biotechnologie Investoren angezogen hat, die auch in klassische Industrien wie Chemie investieren. Umgekehrt stellt sich die Frage, wie viele institutionelle Investoren es in Deutschland gibt, die in medizinische Biotechnologie investieren. Es sind wenige.

Jeggle: Es wird durchaus signifikante Börsengänge deutscher Biotechunternehmen in den nächsten zwei bis drei Jahren geben. Allerdings da, wo es auch inhaltlich Sinn macht, denn der Hauptgrund für ein IPO ist immer, Zugang zu Kapital zu erlangen. Daher sehe ich vor allem die Nasdaq, aber auch die Börse Hongkong ganz weit oben. Ich glaube, dass Hongkong in den nächsten fünf Jahren der bedeutendste Biotechbörsenplatz neben der Nasdaq werden wird. Das Börsenfenster ist offen, die Frage ist nur, für welches Segment. Schwierig wird es, wenn seitens des Unternehmens noch Zeit und weiteres Kapital benötigt wird, um eine gewisse Größe zu erreichen. Dann kommt es auf das Thema an, welches adressiert und interessant genug ist, wie vor einigen Jahren im Bereich der Zelltherapie. Das war für Investoren interessant und innovativ. Im Zweifelsfall muss man aber auch mit der Tatsache umgehen, dass bestimmte Themen in Deutschland nicht beachtet werden.

 

Sie haben die Nasdaq und die Börse Hongkong angesprochen. Wo bleibt da eine Börse wie die Euronext?

Jeggle: Die Frage ist ja: Welchen Markt will ich adressieren und wie viel Kapital will ich aufnehmen? Man muss genau abwägen: Welchen Nutzen habe ich? Und welchen Aufwand muss ich dafür betreiben? Welche Investoren will ich ansprechen und wo sitzen diese Leute?

Motschmann: Man muss definieren: Was ist überhaupt aus unserer Sicht ein guter Börsengang? Gerade an der Euronext zeichnen häufig Altinvestoren. Da muss man sich auch fragen, ob das so immer Sinn macht, wenn man „nur“ über eine Listed Company verfügt. Andererseits hat ein Fonds eher den Exit-Gedanken im Hinterkopf als ein Family Office. Als Fonds ist man stets auf der Suche nach neuem Kapital, im Idealfall aus dem Free-Float-Bereich. Der ist aber auch an der Euronext begrenzt. Der Kapitalbedarf vieler Biotechunternehmen, auch aus unserem Portfolio, kann nur an größeren Börsen gedeckt werden. Andererseits findet man auch an der Börse Zürich viele biotechaffine Anleger und Investoren. Das Unternehmen muss zum jeweiligen Markt passen, nicht umgekehrt. Schlussendlich geht es darum, Investoren zu gewinnen. Und deren Geld fließt in erster Linie dorthin, wo Renditen erwirtschaftet werden.

 

Abschließend gefragt: Wo sehen Sie die Biotechnologie und die Investitionskultur im Jahr 2038?

Jeggle: Wie schon eingangs gesagt: Wir schaffen heute wesentliche Unternehmen für die nächsten Jahrzehnte. Die Konsolidierung der Jahrtausendwende war schmerzhaft, aber die Branche hat sich erholt. Auch die Venture-Szene hat sich erholt. Die Start-up-Szene in Berlin etwa zeigt, was in Deutschland möglich ist. Wenn es in den Bereichen „Technologie“ oder „Internet“ funktioniert, warum soll dieser Trend dann nicht auch in der Biotechnologie funktionieren, wenn der Markt und die Gesellschaft merken, dass sich neue Technologien umsetzen lassen? Wir haben gute Universitäten und eine fundierte wissenschaftliche Basis. Wir sind auf einem guten Weg, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfung.

Motschmann: Ich glaube, dass die Biotechnologie, unabhängig vom Standort, eine der wesentlichen Zukunftstechnologien ist. Das Zusammenwachsen der vorhin genannten Technologien hat dazu geführt, dass daraus erfolgreiche Produkte entstehen. Dies wird meiner Ansicht nach zu einer weiteren Revolution in der biopharmazeutischen Industrie wie überhaupt in der Pharmazie führen. Hier sind wir erst am Anfang, und ich wünsche mir, dass der Standort Deutschland hier eine entscheidende Rolle spielt. Denn das ist auch ein großes gesellschaftliches Thema.

 

Herr Jeggle, Herr Motschmann, haben Sie herzlichen Dank!

 

Das Interview führte Holger Garbs.

 

ZU DEN INTERVIEWPARTNERN

Michael Motschmann ist General Partner und Vorstand der MIG Verwaltungs AG, die er 2005 gemeinsam mit seinem Bruder Cecil Motschmann und Jürgen Kosch gründete. Er ist seit über 25 Jahren als Unternehmer tätig.

Helmut Jeggle verantwortet beim Strüngmann Family Office den Bereich Life Science. Zuvor leitete er die Abteilung Unternehmensplanung & Analyse bei der Hexal AG.

 

 

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