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Rekorde prägen das aktuelle Zahlenwerk zur Deutschen Biotechnologielandschaft: Die Finanzierung der Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland hat im Jahr des COVID19-Ausbruchs einen neuen Rekordwert von insgesamt knapp 3,1 Milliarden Euro erreicht: Über Venture Capital, Börsengänge, Folgefinanzierungen und Wandelanleihen steigerten die deutschen Biotechs damit diesen Wert um 146 Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2018.
Das ist eines der Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Reports 2021 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, der aus einer gemeinsamen Datengrundlage zusammen mit dem Branchenverband BIO Deutschland e.V. erstellt worden und heute publiziert worden ist.

Dr. Alexander Nuyken, EY-Partner und Leiter Life Sciences Strategy & Transactions in der Region EMEIA
Dr. Alexander Nuyken, EY-Partner und Leiter Life Sciences Strategy & Transactions in der Region EMEIA (Foto: EY)

“2020 war ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Jahr für die deutsche Biotechnologie-Branche“, stellt Dr. Alexander Nuyken, EY-Partner und Leiter Life Sciences Strategy & Transactions in der Region EMEIA, fest. Er übernimmt mit diesem Gemeinschaftswerk zudem die Aufgaben von Dr. Siegfried Bialojan, der nun in Ruhestand geht. „Die Corona-Pandemie hat Biotech-Unternehmen aus Deutschland und ihre Lösungen für Impfstoffe schlagartig in den Fokus gerückt. Die Finanzierungszahlen explodieren geradezu.“

Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender von BIO Deutschland, bekräftigt das Urteil und kommentiert die Ergebnisse: „Wir freuen uns über die sehr positive Entwicklung der Umsätze und der FuE-Investitionen in der Biotechnologiebranche. Nachdem sich rund 70 unserer Mitgliedsunternehmen mit Diagnostika, Impfstoffen und Therapieentwicklungen für die Bekämpfung der Pandemie einsetzen, haben wir erwartet, hier Steigerungen zu sehen.“

Dass COVID19 eine deutliche Wirkung auf die Finanzierungszahlen 2020 hat, zeigt sich auch durch die Verteilung: etwas mehr als die Hälfte (nämlich 1,55 Milliarden EUR) summieren sich auf nur 2 Unternehmen: BioNTech und CureVac.

Rekord: Venture Capital steigt insgesamt deutlich – Großbritannien weiter europäischer Spitzenreiter

An Risikokapital erhielten die deutschen Biotech-Unternehmen zusammen 882 Millionen Euro und damit 84 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei sticht erneut CureVac hervor, das insgesamt 560 Millionen Euro erhielt (darunter eine vieldiskutierte „COVID19-Notfall-Staatsbeteiligung“ durch die KfW über 300 Millionen Euro, siehe das Interview mit Ingmar Hoerr auf diesen Seiten). Damit vereinte das Tübinger Unternehmen weit mehr als die Hälfte des insgesamt eingesammelten Venture Capitals auf sich.

Damit jedoch hat Deutschland im europäischen Vergleich Frankreich weit hinter sich gelassen. 2019 lagen beide Länder noch gleichauf mit einem Risikokapital in Höhe von 479 Millionen Euro. 2020 konnten französische Biotechnologie-Unternehmen nur noch 386 Millionen Euro einsammeln. Dafür rückte die Schweiz hinter Deutschland an die dritte Position mit 402 Millionen Euro Venture Capital. Europäischer Spitzenreiter bleibt das Vereinigte Königreich, wo sich das Volumen auf knapp 1,1 Milliarden Euro verdoppelt hat. Allerdings: Ohne die Venture-Capital-Runden für CureVac wäre Deutschland Schlusslicht im Vergleich dieser vier Länder.

Börsengänge – aber kaum in Europa

Die Branchenbeobachter zählen nunmer 23 börsenntierte Biotechunternehmen mit Hauptsitz (rechtlich oder „gefühlt“) in Deutschland. 2 neue Börsengänge sind in 2020 hinzugekommen, beide an der US-Nasdaq, beide aus Tübingen – dabei ging einer davon über eine SPAC-Konstruktion (die Immatics N.V. aus Tübingen), die derzeit in aller Munde sind. Das andere Unternehmen aus Tübingen, Sie ahnen es…: CureVac. Zusammen konnten die beiden Firmen rund 440 Mio EUR über diese Börsengänge einnehmen und machten das bisherige Universitäts- und Studentenstädtchen für viele Aussenstehende damit quasi über Nacht zum deutschen Biotech-Hotspot – neben Mainz (wer bisher die deutschen Biotechnologiestandorte-Rankings ähnlich der Bundesliga-Tabelle zu lesen pflegte und Champions-League-Sieg oder -Teilnahmen als Maßstab auch für die europäische Biotech-Spitzenliga heranzog, wird aus dem Augenreiben nicht mehr herauskommen…).

(Beinahe-)Rekord – Weniger Allianzen, dafür deutlich höheres Volumen

Die deutschen Biotechnologie-Unternehmen gingen im vergangenen Jahr zwar weniger Allianzen ein – nur noch 33, was einem Rückgang um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dafür stieg das Allianzvolumen aber um 57 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. Vor allem vier Mega-Deals zwischen einer Milliarde und 1,8 Milliarden Euro waren für den deutlichen Wertanstieg verantwortlich.
Nach dem Rekordjahr 2018 (7,41 Mrd. €) und dem starken Abfall im Jahr 2019 (4,40 Mrd. €) konnte die deutsche Biotech-Branche bei den Allianzen somit wieder die 7-Milliarden- Euro-Grenze erreichen, getrieben von fünf Mega-Deals mit jeweils über 500 Mio. € Volumen. Diese decken mit 6,22 Mrd. € 90 % des Gesamtvolumens an Allianzen ab. „Begünstigte“ der Mega-Deals waren vier Unternehmen mit Deals zwischen rund 1 Mrd. und 1,8 Mrd. €: affimed (Heidelberg), Morphosys (Planegg/München), Immatics, CureVac (beide Tübingen).

Nuygen empfiehlt für eine Deutschlandstrategie: „Dieses Momentum gilt es zu nutzen, um den Biotech-Standort nachhaltig zu stärken und zu zeigen, dass die Branche nicht nur aus Impfstoffherstellern besteht, sondern auch innovative Lösungsansätze für Umwelt-, Energie- oder Ernährungsthemen bereithält.“

Rekordverdächtiges Wachstum des Biotech-Sektors in allen Branchenindikatoren

In der Gesamtbetrachtung des Biotech-Sektors zeigen sich bei allen vier Branchenindikatoren — Anzahl der Unternehmen, Zahl der Beschäftigten, Umsatz und F&EAusgaben — Zuwächse. Da in diesem Teil des Reports mit den genannten Zahlensegmenten jedoch die Branchendefinition und herangezogene „Grundgesamtheit“ eine wichtige Rolle spielt, sei nur als Vorbemerkung eingestreut: ein Biotechunternehmen wie Roche (Deutschland) wird hier wegen des Unternehmersitzes der Muttergesellschaft (Schweiz) nicht mitgezählt, obwohl die deutsche Belegschaft beständig wächst auf nun über 15.000 an den Standorten Mannheim und Penzberg und auch die Umsatzzahlen gerade der Diagnostiksparte in diese Zusammenstellung hineingerechnet werden sollten. Diese Unwucht beiseitegeschoben kommt der EY-Report dennoch zur Schlussfolgerung: „Bei Umsatz, Mitarbeiterzahl und F&E-Ausgaben sind die Wachstumsraten zweistellig, Umsatz und F&E-Kosten konnten sogar überproportionale Anstiege von über 35 % verzeichnen„. Eine andere „Sehschwäche“ des gleichwohl lesenswerten Branchenreports ist regelmäßig die Nennung der Unternehmenszahl, insbesondere in Bezug auf die Neugründungen. Hier ist es deswegen fraglich, ob man die scheinbar geringe Anzahl von 19 Neugründungen in 2020 in ganz Deutschland so hinnehmen sollte, oder ähnlich wie im Jahr davor auf eine fast gleichgroße Anzahl an „Nachmeldungen“ setzen kann. Dies bleibt abzuwarten, bevor man ein Gründungs-Gapjahr ausruft, das wegen Corona jedoch nicht wirklich Überraschung hervorrufen würde.
Dr. Viola Bronsema, Geschäftsführerin von BIO Deutschland, richtet ob des möglichen Gründungsrückgangs mahnende Worte an die Politik: „Bei der Unterstützung von Gründungen muss die Politik dringend nachbessern. Gerade die Gründerinnen und Gründer haben einen besonderen Beitrag im Kampf gegen die Pandemie geleistet. Biotech-Unternehmen haben es jedoch allgemein hierzulande schwer, denn das Geschäftsmodell der Biotechnologie passt nicht zu der gängigen Vorstellung von einem Start-up. Die Investitionen bzw. der Kapitalbedarf sind in unserer Branche häufig auch schon in der Gründungsphase hoch. Dem sollte beim Ausarbeiten von Förderprogrammen und bei den Rahmenbedingungen für Finanzierungen auch Rechnung getragen werden“, so Bronsema.

Rekord 3 – Deutschland, Europa, USA

Der Biotechnologiereport von EY stellt die Zahlen auch in den internationalen Kontext. Die Rekorde des Einen sind dabei in der globalen Biotechwelt jedoch auch die Rekorde des Anderen. „Dank“ Brexit könnte man das Vereinigte Königreich nun zwar eigentlich als Sonderfall ignorieren, doch sollte man das keinesfalls tun, denn weiterhin ist UK die europäische Biotech-Spitzennation, nun jedoch dichter gefolgt von Deutschland als je zuvor. Der Blick auf Frankreich sowie die Schweiz kann in Corona-Sonderzeiten nun immerhin aus Deutschland eher nach „rückwärts“ gerichtet werden denn wie in der Vergangenheit immer nach vorne. Die gesamteuropäische Schau ergibt jedoch selbst in Rekordzeiten einen weiterhin übersee-großen Abstand zu den USA, die mit rund 100 Mrd. EUR Biotechfinanzierungen (einer runden und damit naturgemäß rekordverdächtigen Verdoppelung zum Vorjahr) den europäischen rund 16 Mrd. EUR weiter mit Siebenmeilenstiefeln vorauseilen.
Der gesamte Report „Biotech am Tipping Point – EY Deutscher Biotechnologie-Report 2021„, mit wie gewohnt vielen weiteren Zahlen und Vergleichen, Experten-Beiträgen wie auch Schlussfolgerungen für Handlungsbedarfe ist hier zu finden.

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