Antibiotika helfen bei Infektionen. Noch. Durch den häufigen Einsatz bei Mensch und Tier wirken sie immer schlechter gegen bestimmte Bakterien. Mit fatalen Folgen: Das Super-Arzneimittel verliert an Wirkung; Mikroorganismen werden zunehmend resistent gegen Antibiotika. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt seit Langem vor einem „postantibiotischen Zeitalter“ – die pharmazeutische Industrie arbeitet bereits an Lösungsansätzen. Von Dr. Nicole Armbrüster und Dr. Meike Criswell

Antibiotika gehören zu den bedeutendsten Fortschritten der Medizin des 20. Jahrhunderts. Seit ihrer Einführung vor weit über einem halben Jahrhundert sind sie bei der Behandlung von Infektionskrankheiten unverzichtbar geworden. Der Einsatz von Antibiotika hat seither Millionen von Menschen das Leben gerettet. Paradoxon: Weil Antibiotika zu häufig und falsch eingesetzt werden, wirken sie heute oftmals nicht mehr. Unwirksame und unnötige Behandlungen sind schuld an Krankheitstagen, die in der Wirtschaft hohe Kosten verursachen. Zusätzlich wächst die Erkenntnis, dass Antibiotika der Mikroflora mancher Patienten langfristig schaden können, die essenziell für ein gut funktionierendes Immunsystem ist.

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Dr. Nicole Armbrüster, BPI: „Antibiotika gehören zu den bedeutendsten Fortschritten der Medizin des 20. Jahrhunderts.“ Bild: BPI

Beispiel Atemwegserkrankungen: In zahlreichen Untersuchungen konnte der fehlende Nutzen von Antibiotika beispielsweise bei der Behandlung von Erkältung, akuter Bronchitis und akuter Sinusitis gezeigt werden. Über 90% der Atemwegsinfekte sind viraler Natur. Eine antibiotische Behandlung ist demnach nicht wirksam, unnötig und mit unangenehmen Nebenwirkungen wie allergischen Reaktionen und Durchfall verbunden.

Der restriktive Umgang mit Antibiotika im Sinne der Antibiotika-Resistenzstrategie von Bund und EU ist ein richtiger Ansatz im Kampf gegen Resistenzen und muss praxistauglich umgesetzt werden. Einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der Antibiotikaresistenz-probleme in der Humanmedizin können bestehende Arzneimitteltherapien mit pflanzlichen, homöopathischen, anthroposophischen und mikrobiologischen Arzneimitteln leisten. Sie können helfen, während der Zeit bis zur sicheren Diagnose einer bakteriellen Infektion Krankheitssymptome zu mildern, mögliche Nebenwirkungen einer Antibiose zu reduzieren oder im Sinne einer Prävention den Einsatz möglicherweise sogar ganz zu vermeiden.

Gründe für nichtindizierte Antibiotikaverschreibungen

  • Zwar sind die wissenschaftlichen Therapieleitlinien von einem breiten Einsatz von Antibiotika abgerückt und empfehlen sie nur noch bei nachgewiesener bakterieller Ursache bestimmten Patientengruppen, bei schweren Krankheitsverläufen oder bei Komplikationen. Eine Ersatzempfehlung für die Antibiotikaverordnungen bieten die Therapieleitlinien aber bislang kaum oder gar nicht, sodass auf das gewohnte Verordnungsverhalten zurückgegriffen wird, ohne sich neuen Erkenntnissen anpassen zu können.
  • Vielen Ärzten sind Alternativen aus dem Bereich der Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika sowie mikrobiologische Arzneimittel nicht bekannt, da sie nicht oder nur in geringem Maße Bestandteil des Curriculums des Medizinstudiums sind. Hinzu kommt, dass Patienten oft glauben, Antibiotika wären die einzige oder schnellste Antwort auf einen Infekt. Werden sie nicht verordnet, kommt dies für sie einer Nichtbehandlung gleich.
  • Erschwerend ist, dass ohne den Einsatz spezifischer Schnelltestverfahren die Bestimmung der viralen oder bakteriellen Natur eines Infektes oft nicht möglich ist. Im Praxisalltag findet aus den unterschiedlichsten Gründen selten eine genaue Bestimmung der Erreger einer Infektion statt.

Lösungsansätze bereits vorhanden

Mögliche Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes und damit der Verringerung der Resistenzbildung müssen nicht neu erfunden werden. Die Einbeziehung von Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologischer Arzneimittel in die Infektbehandlung und -prophylaxe kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, einen effizienteren Einsatz von Antibiotika und effektive Präventionsmaßnahmen herbeizuführen. Dabei kann die Allgemeingesundheit von Menschen durch einen verbesserten Immunstatus erhöht sowie Erkrankungsraten, Krankheitskosten und der Antibiotikaeinsatz reduziert werden.

Phytotherapeutika, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologische Arzneimittel haben in der medizinischen Versorgung eine große Erfolgsgeschichte. Sie werden bereits seit langer Zeit angewendet, sodass bei deren Einsatz auf langjährige Erfahrung zurückgegriffen werden kann. Daneben hat es in den letzten Jahrzehnten auch viele Forschungsaktivitäten zum wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit der Verfahren und der Therapie gegeben. So führten die Ergebnisse klinischer Studien bereits zur Aufnahme von bestimmten Präparaten/Wirkstoffen in wissenschaftlich-medizinische Leitlinien.

Dr. Meike Criswell, BPI: „Es wird dringend eine öffentliche Forschungsförderung benötigt, um der berechtigten Forderung nach wissenschaftlichen Studien nachzukommen.“ Bild: BPI

Andere Präparate aus diesen Therapiebereichen hingegen sind trotz guter Studienlage noch nicht angemessen in diese integriert. Sie müssen zukünftig bei der Erstellung wie auch Aktualisierung von Leitlinien und Guidelines entsprechend aufgenommen werden.

Mehr Forschung nötig

Insgesamt liegen aktuell jedoch für seit Langem etablierte, nicht-antibiotikabasierte Arzneimitteltherapien nur wenige hochwertige klinische Prüfungen vor. Dieser Umstand verhindert oft die Übernahme vielfach bewährter Behandlungsstrategien in die Therapieleitlinien und den Klinikalltag. Eine Vielzahl von Einsparungsmöglichkeiten zum Antibiotikaeinsatz geht somit verloren. Hier sind weitere umfangreiche Forschungen erforderlich, die den moderneren Anforderungen entsprechen und die Aufnahme in die Therapieleitlinien erleichtern.

Es wird dringend eine öffentliche Forschungsförderung benötigt, um der berechtigten Forderung nach wissenschaftlichen Studien nachzukommen. Dies soll einerseits ein schnelles Schließen der vorhandenen Therapie- und Versorgungslücken ermöglichen und andererseits dazu beitragen, neue Vermeidungsstrategien zum frühzeitigen Antibiotikaeinsatz zu generieren.

LÖSUNGSWEGE

  • Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologische Arzneimittel müssen bei Vorliegen der Voraussetzungen in die offiziellen Aktions- und Strategiepläne zur weltweiten Reduzierung der Antibiotikaresistenz eingebunden werden.
  • Literatur über Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologische Arzneimittel muss transparent bewertet und in Behandlungsleitlinien der medizinischen Fachgesellschaften aufgenommen werden.
  • Die öffentliche Forschungsförderung für aussichtsreiche Behandlungsoptionen in der Humanmedizin muss intensiviert werden.
  • Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen für medizinisches Personal über den bedachten Einsatz von Antibiotika einschließlich des Beitrags von Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologischen Arzneimitteln müssen verpflichtend werden.
  • Die Bevölkerung muss auf Basis der Leitlinien intensiver über den viralen Ursprung vieler Infektionserkrankungen, den fehlenden Nutzen von Antibiotika bei diesen Erkrankungen sowie den Nutzen von Phytopharmaka, Homöopathika, Anthroposophika und mikrobiologischen Arzneimitteln aufgeklärt werden.

ZU DEN AUTOREN

Die Biologin Dr. Nicole Armbrüster leitet das Geschäftsfeld Biologische/Pflanzliche Arzneimittel beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Dr. Meike Criswell ist Pharmazeutin und für den Verband als Geschäftsfeldleiterin Homöopathische/Anthroposophische Arzneimittel tätig.

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