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Als Grund wurden im März „negative Behauptungen“ gegen das Unternehmen und den Vorstandsvorsitzenden sowie die Androhung von „Zahlungsforderungen“ gegen die Gesellschaft genannt. Dieser zweite Anlauf, jedoch in einem deutlich negativeren Marktumfeld, macht die IPO-Ambitionen der Gesellschaft nicht einfacher.

Als Nischenhersteller weltweit etabliert
Sicherlich auch aufgrund der Anschläge vom 11. September 2001 sowie der daraus resultierenden Verschärfung internationaler Sicherheitsbestimmungen muss sich Smartrac, der niederländische Spezialist für High Security-Inlays im Bereich Radio Frequency Identification (RFID), um ein entsprechend geschärftes Problembewusstsein keine Gedanken machen. Mit einem IPO im Amtlichen Markt (Prime Standard) der Börse Frankfurt soll vor allem in die Ausweitung der Produktionskapazitäten investiert werden.

Der kontaktlosen Übermittlung von Daten – sei es an Skiliften oder Mautstationen, im öffentlichen Nahverkehr, bei Zugangskontrollen jeglicher Art, dem Transport- und Logistikwesen oder den Bereichen ePayment und ePassport – gehört die Zukunft. Darin sind sich Technikspezialisten und Marktbeobachter einig. Und genau in diesen Segmenten gehört Smartrac mit seiner Inlay-Technologie zu den Weltmarktführern. Dabei beruht die Geschäftsstrategie der Niederländer darauf, sich als Hersteller des „Innenlebens“ von Kontaktloskarten und sogenannten Tags klar vom Systemgeschäft abzugrenzen und sich statt dessen zwischen den Chip-Herstellern auf der einen und ihren Kunden, den Kartenherstellern und Sicherheitsdruckereien, auf der anderen Seite zu positionieren. Insgesamt unterhält das erst vor sechs Jahren gegründete Unternehmen Geschäftsbeziehungen zu mehr als 100 Kunden unterschiedlicher Branchen in über 27 Ländern.

Von Low-Security zu ePayment und ePassports
Mit seinen Standardproduktlinien, die insbesondere im öffentlichen Nahverkehr, bei Zutrittskontrollen sowie beim Transport und in der Logistik eingesetzt werden, ist Smartrac weltweit und Branchen übergreifend etabliert. Dabei sind die Inlays mit einem Memory Chip ausgestattet, der einfache Sicherheitsfeatures wie die Kennworterkennung und Basisverschlüsselungen ermöglicht. Im vergangenen Jahr wurden in diesem Segment noch rund 80 % der Gesamtumsätze und der Bruttogewinne generiert. Zukünftig sollen allerdings die High Security-Produktlinien ePayment und ePassports, bei denen die Inlays Controller-Chips mit ausgereifter Verschlüsselungstechnik enthalten, drastisch an Bedeutung gewinnen und 2006 bereits die Hälfte der Umsätze und über 60 % des Bruttogewinns ausmachen, so die Prognosen.

Sicherheit hat oberste Priorität
Begründen lässt sich dies mit den deutlich höheren Margen sowie den überaus hohen Wachstumserwartungen dieser Bereiche. Beispielsweise werden in den USA ab Oktober dieses Jahres nur noch Pässe mit Funkchip ausgegeben. In anderen Ländern ist die Einführung kleinerer Stückzahlen bereits erfolgt. So prognostizieren die Marktforscher von Frost & Sullivan bei ePassports und IDs für die kommenden fünf Jahre dann auch Zuwächse von durchschnittlich 63 % per annum. 2010 sollen demnach weltweit über 600 Mio. ePassports (2005 ca. 52 Mio.) ausgeliefert werden. Bei den kontaktlosen Zahlungskarten wird mit einem Anstieg von derzeit 20 Mio. Karten auf 112 Mio. Karten gerechnet (41 % durchschnittliches Wachstum p.a.). Als weltweit erster Hersteller hat Smartrac von VISA erst kürzlich die Genehmigung zur Herstellung kontaktloser Kreditkarten bekommen. Die Produkteinführung erfolgte im ersten Quartal 2006. Auch mit anderen Kreditkartenunternehmen wie beispielsweise MasterCard wurden Lieferverträge abgeschlossen.

Ambitionierte Erwartungen
2005 erwirtschaftete Smartrac bei einem Umsatz von 25,2 Mio. Euro (+71 %) ein EBIT von 3,6 Mio. Euro (+50 %). Im laufenden Jahr sollen sich diese Größen nach Einschätzung der Analysten der UBS mehr als verdoppeln bzw. sogar verdreifachen. Gleichzeitig ermitteln die Analysten für eine Peer Group (bestehend aus Kudelski, Gemplus, Axalto, Oberthur, Mühlbauer, Singulus, Jenoptik und Pfeiffer Vacuum) auf Basis der für 2006 erwarteten Ergebnisse ein durchschnittliches KGV von 20,7 und für 2007 ein Multiple von 16,7 (Stand: 28.2.2006, ein Research-Update erfolgte nicht). Wird die ambitionierte Planung von UBS erfüllt, so hätte Smartrac ein 2007er KGV von lediglich 11. Allerdings hat die Peer Group seit Ende Februar kursmäßig auch etwa 30 % eingebüßt. Die Deutsche Bank, die beim ersten Anlass zusammen mit UBS als gemeinsamer Konsortialführer fungierte, kam in ihrer Studie zu etwas höheren Multiples. Mittlerweile ist die Deutsche Bank nur noch als Zahl- und Hinterlegungsstelle mit im Boot.

Kein Investment ohne Risiko
Trotz bzw. gerade aufgrund der guten Prognosen weist eine Beteiligung an Smartrac natürlich auch Risiken auf. So befinden sich die Zielmärkte der Gesellschaft für zukünftiges Wachstum noch in einem recht frühen Entwicklungsstadium. Gleichzeitig wird der Wettbewerb im High Security-Bereich zunehmen, während sich die Preise bei Low Security-RFID-Produkten weiter reduzieren werden. Unternehmensspezifisch sind dagegen die Risiken, die zu einer Verschiebung des IPOs führten: Diese ergeben sich aus der Verbindung zu AmaTech. Nachdem Fusionsverhandlungen mit Smartrac gescheitert waren, meldete die ursprünglich am Neuen Markt notierte AmaTech im Juli 2002 Konkurs an. Vom Insolvenzverwalter der AmaTech erwarb Smartrac daraufhin 128 seiner knapp 160 Patente und Patentanmeldungen im Wege einer Unterlizenz. Laut Börsenzulassungsprospekt kündigte Henning Stiller, ehemals Aufsichtsrat bei AmaTech, vor wenigen Wochen nun mit dem Vorwurf des Datenklaus gerichtliche Schritte gegen Smartracs Vorstandschef Manfred Rietzler an. Rietzler war als Mitgründer des Unternehmens von 1993 bis 2000 bei einer Tochtergesellschaft der AmaTech im Bereich Forschung, Entwicklung und Produktion beschäftigt. Für das Smartrac-Management war das Kapitel AmaTech allerdings „seit vielen Jahren abgeschlossen“ und die „nun im Rahmen des Börsengangs erscheinenden Vorwürfe haltlos“.

Expansion steht im Vordergrund
Der wesentliche Teil des Emissionserlöses soll in die Expansion der derzeitigen Fertigung in Thailand sowie die Finanzierung neuer Produktionsstätten in Deutschland, den USA und Brasilien fließen. Auf diese Weise könnten die bestehenden Kapazitäten im Bereich High Security von derzeit 9 Mio. auf 15 Mio. Stück pro Monat gesteigert werden. Darüber hinaus plant die Gesellschaft, mit den zufließenden Mitteln weitere Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie strategische Investitionen oder Übernahmen zu finanzieren.

Fazit
Die prognostizierten Wachstumsraten muten ambitioniert an, und nicht jede neue Technologie hat sich letztendlich so durchgesetzt wie ursprünglich erwartet. Zudem könnten bereits ein oder zwei enttäuschende Quartalsergebnisse, die in der Vergangenheit durchaus gewissen Schwankungen unterworfen waren, für herbe Kursrückschläge sorgen. Werden die Prognosen jedoch erreicht, erscheint die Aktie äußerst interessant. Unter Berücksichtigung der zu erwartenden hohen Volatilität der Aktie eignet sich Smartrac vor allem für spekulativ orientierte Anleger. Diese könnten aber auf eine Absenkung des Emissionspreises spekulieren. Denn im aktuellen Marktumfeld dürfte die Platzierung auch im zweiten Anlauf kein Selbstläufer sein.

Dr. Martin Ahlers, Christian Schiffmacher

Kennzahlen der Smartrac N.V. (in Mio. Euro)

2004

2005

2006e

2007e

Umsatz

14,7

25,2

59,2

106,9

EBIT

2,4

3,6

11,2

20,3

Nettoergebnis

2,3

3,0

12,2

20,7

Angaben in Mio. Euro; Quelle: UBS

Smartrac N.V. – Emissionsparameter

WKN A0J EHN
Zeichnungsfrist 14. bis 18.7. (16.00 Uhr)
Emissionspreis (Festpreis) 17 Euro
Erstnotiz 19. Juli
MarketCap 229,5 Mio. Euro
Marktsegment Amtlicher Markt (Prime Standard)
Volumen bis zu 4 Mio. Aktien, davon 3,5 Mio. Stück aus einer Kapitalerhöhung und 0,5 Mio. Stück von Altaktionären; weitere 0,5 Mio. Aktien als Greenshoe
Konsortium UBS Investment Bank
Free Float bis zu 33,3 %
Internet www.smartrac-group.com