Start PLATTFORM LIFE SCIENCES Finanzierung Dr. Matthias Kromayer: „Ich erwarte gute Lebenszeichen von der Branche“

Dr. Matthias Kromayer: „Ich erwarte gute Lebenszeichen von der Branche“

Interview mit Dr. Matthias Kromayer, Managing Partner, MIG Capital

„Ich erwarte gute Lebenszeichen von der Branche“
Young female tech or scientist performs protein assay

Bildnachweis: tilialucida -stock.adobe.com, MIG Capital.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Kromayer, die Sommerpause ist vorbei, die Jahresendrallye hat begonnen. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisher Erreichten?

Kromayer: 2022 ist für MIG Capital ein anspruchsvolles Jahr. Nach dem Erfolg, den wir mit BioNTech verbuchen konnten, erreichen uns zahlreiche Finanzierungsanfragen aus den Life Sciences. Viele Unternehmen sehen eine Beziehung zwischen sich und den Themen „BioNTech“ oder „mRNA“. Dabei halten wir inzwischen keine Anteile mehr an BioNTech.

Darüber hinaus positionieren wir uns als einer der wenigen Investoren an der Schnittstelle zwischen Deeptech und Healthcare. Aus unserer Sicht ist dies das am schnellsten wachsende Segment im Gesundheitssektor, aus dem darüber hinaus ein unglaublich großer Dealflow erwächst. Diesen zu bewältigen ist eine große Herausforderung. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit den ersten neun Monaten in diesem Jahr. Wir haben eine gut gefüllte Pipeline und hervorragende neue Investitionsmöglichkeiten.

Dr. Matthias Kromayer, MIG Capital AG.

Auch außerhalb der klassischen Life Sciences sehen wir große Fortschritte, etwa durch die große Finanzierungsrunde bei IQM, einem Unternehmen, welches Forschungseinrichtungen und Supercomputer-Rechenzentren mit Quantencomputern ausstattet. Unsere Unternehmen sind gut finanziert und haben sich trotz der Krisen der letzten eineinhalb Jahre gut behauptet. Und schließlich läuft auch das Fundraising für unseren neuen MIG Fonds 17 ausgezeichnet.

Vor rund einem Jahr hat sich MIG im Rahmen einer Series-B-Finanzierung über 65 Mio. EUR an der Firma iOmx beteiligt, gemeinsam mit Athos und den Erstinvestoren. iOmx hatte 2016 mit einer Series-A-Finanzierung über 40 Mio. EUR für Aufsehen gesorgt, danach wurde es gefühlt ein wenig still um das Unternehmen – woher rührte der Einstieg der MIG Fonds?

2016 war iOmx noch eine reine Plattform, wenn auch eine großartige. Seitdem hat die Plattform aber gezeigt, dass man damit klinische Kandidaten entwickeln kann, mit den gewünschten Eigenschaften für konkrete Patientenpopulationen. Nun steht der erste Kandidat kurz vor der ersten klinischen Studie. 2016 war das noch ein Versprechen – jetzt wird dieses eingelöst. Die Kombination aus einer sehr cleveren Screeningplattform, dem Leadprojekt, der Pipeline und dem aktuellen Team, etwa mit einer hervorragend aufgebauten Abteilung für die präklinische Entwicklung, fanden wir sehr spannend.

iOmx Therapeutics untersucht Checkpointmechanismen, um neue Targets zu finden, die sich medikamentös adressieren lassen. Wird daraus eine Revolution in der Krebsbehandlung?

Die eigentliche Revolution ist ja schon ausgelöst, das haben die etablierten Checkpointinhibitoren vor zehn Jahren bereits getan. Wir sehen, dass die etablierten Inhibitoren von CTLA-4, PD-1 oder PD-L1 bei den meisten Krebspatienten unwirksam sind. Sicher benötigt die Krebsmedizin nicht nur aus unserer Sicht dringend weitere Modalitäten.

Am Ende geht es darum, zu verhindern, dass der Tumor der Immunantwort entkommt. Ich glaube, dass jeder Checkpointinhibitor, wenn er gegen andere Checkpoints als CTLA-4 oder PD-L1 wirkt, neue Paradigmen in der Krebsbehandlung setzen kann. Ob man dies als „Revolution“ oder „Paradigmenwechsel“ bezeichnet, mag Semantik sein.

Das Leadprodukt von iOmx könnte meiner Meinung nach bei Patienten mit schwer behandelbaren Tumoren, beispielsweise dreifach negativem Brustkrebs oder Pankreaskarzinom, einen Durchbruch bringen, wo etablierte Inhibitoren nicht wirken.

Von welchen weiteren Meilensteinen aus dem Life-Sciences-Geschäft von MIG Capital können Sie berichten?

Ein Unternehmen, welches aktuell unverdienterweise etwas unter dem Radar läuft, ist Immatics. Anfang des Jahres gab es einen Deal mit Bristol Myers Squibb (BMS), eine Erweiterung der strategischen Allianz zur Entwicklung allogener Gamma-Delta-Zelltherapien. Im Rahmen der Kollaboration hat Immatics eine ­Vorauszahlung von 60 Mio. USD erhalten sowie Aussicht auf zusätzliche Meilensteinzahlungen von bis zu 700 Mio. USD pro Programm.

Bereits vorher hatte Immatics eine Partnerschaft mit Celgene, bevor diese von BMS gekauft wurde. Die Teams arbeiten offensichtlich so gut zusammen, dass BMS im Rahmen der neuen Konstellation Interesse an einem Zugriff auf die allogenen Programme von Immatics entwickelt hat. Dass für ein präklinisches Projekt derart hohe Upfront-Zahlungen geleistet wurden, ist wirklich beeindruckend.

Isarna Therapeutics befindet sich aktuell in einer klinischen Phase-IIa-Studie zur Bewertung ihres Hauptkandidaten ISTH0036 bei Patienten mit feuchter altersbedingter Makuladegeneration (feuchte AMD) und diabetischem Makulaödem (DME). Die Studie kommt gut voran; die ersten Hinweise auf klinische Aktivität wurden kürzlich vorgestellt.

Auch Affiris’ chinesischer Partner Frontier wird demnächst seine nächste klinische Studie beginnen, ebenso AC Immune. Darüber hinaus bereitet sich ein weiteres Portfoliounternehmen der MIG Fonds auf einen Exit vor.

Die Life-Sciences-Unternehmen in unserem Portfolio sind allesamt gut unterwegs, die Entwicklungen sind vielversprechend.

Noch einmal zur Jahresendrallye: Was haben Sie sich für die letzten Monate 2022 vorgenommen?

Ich erwarte, dass es in unserer Branche weitere Finanzierungsrunden geben wird und neue Unternehmen, die finanziert werden. Es wird vielleicht nicht das eine große Unternehmen sein, aber ich erwarte, dass mehrere Unternehmen zusammen zeigen: Die deutsche Biotechnologie lebt und macht weiter Fortschritte! Ich erwarte keinen Börsengang oder große Exits, soweit ich die deutsche Biotechszene überblicken kann – aber ich erwarte gute Lebenszeichen von der Branche.

MIG Capital wird in diesem Jahr mindestens noch eine neue Investition in den Life Sciences tätigen. Darüber hinaus erweitern und verjüngen wir gerade unser Team. Da stehen wir stellvertretend für die gesamte Branche. Unser Fundraising für den MIG Fonds 17 wird weiter Fahrt aufnehmen.

Insgesamt geht es der Branche vielleicht nicht mehr so gut wie vor einem Jahr. Trotzdem liegen wir deutlich über dem Niveau von 2019. Die Branche wird von der Politik und der Öffentlichkeit viel positiver wahrgenommen. Die Akzeptanz ist so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Biotechnologie. Diese Situation müssen wir nutzen. Auch wenn manche Kennzahlen in den letzten Monaten wieder gesunken sind, schätze ich diese Entwicklung lediglich als Korrektur ein; sie wird sich wieder auspendeln.

Bezogen auf die MIG Fonds möchte ich anmerken, dass wir gemischte Fonds managen, weil wir davon überzeugt sind, dass Deeptech und Life Sciences voneinander lernen können. Die einzelnen Branchen befruchten sich gegenseitig. Vielleicht war es vor zehn oder 15 Jahren richtig, dass sich die Fondsmanager nach Branchen getrennt haben – aber ebenso glaube ich, dass Fondsbetreiber, die künftig Teams an den Schnittstellen der Branche platzieren können, quasi im Überlappungsbereich, mit gemischten Fonds gut arbeiten können. Ich glaube, das ist einer der nächsten großen Trends in der Biotechnologie.

Herr Dr. Kromayer, ich danke Ihnen sehr für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Holger Garbs.

Autor/Autorin

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.