Viele Befragte waren der Meinung, dass Schätzungen über Wachstumsraten und Margen von größerer Bedeutung sind.

 

Michael Vara, Geschäftsführer, Vara Research GmbH

Zwischen dem 9. Februar und dem 9. März 2012 erhoben Smithfield und Vara Research die Meinungen von 119 Investment-Analysten bezüglich deren Ansichten zur firmenspezifischen 12 Monats-Guidance. Die Mehrheit (93%) der befragten Analysten war der „Sell-Side“, die Aktien über das gesamte Spektrum von Branchen und Regionen verfolgt, zuzurechnen. Die Ergebnisse wurden durch die Ansichten von 21 Wirtschaftsjournalisten ergänzt.

Die Quintessenz der Studie lautet:

  • Über 60% der betrachteten 200 europäischen Spitzenunternehmen bieten keine detaillierte Corporate Guidance an.
  • 94% der Analysten und Journalisten der Wirtschaftspresse befürworten eine detailliertere Corporate Guidance.

Anforderungen gestiegen

Das Thema Corporate Guidance hat in den letzten zehn Jahren stetig an Wichtigkeit gewonnen. Seit Mitte der 90er Jahre, als das Management lediglich entscheiden musste, ob es bezüglich der Zukunftsaussichten „zuversichtlich“ oder „besorgt“ ist, haben die Anforderungen der Marktteilnehmer an Zukuftsaussagen deutlich zugenommen. So werden mittlerweile auch qualitative Aussagen für spezifische Kennzahlen angeboten. Unsere Recherche zeigt jedoch, dass, obwohl ein Trend zur quantitativen Guidance deutlich wird, die Anzahl der Unternehmen, die diese tatsächlich anbieten, immer noch eine Minderheit darstellt. Von den Unternehmen des STOXX Europe Large 200 haben nur 77 Unternehmen eine spezifische, quantitative Guidance für 2012 angeboten. Das sind zwar etwas mehr als im Jahr 2011, es zeigt sich jedoch, dass über 60% der Unternehmen weiterhin nur qualitativ oder überhaupt nicht guiden.

Tab. 1: Guidance-Praxis der STOXX Europe Large  200 Unternehmen
2012 2011
spezifische Guidance 77 69
keine Guidance 90 98
Noch zu berichten 33 33

 

Spezifische Guidance ein Glücksspiel?

Eine mögliche Erklärung hierfür könnte sein, dass zu Beginn des Jahres 2011 viele Unternehmen ein positiveres wirtschaftliches Umfeld voraussagten. Im Laufe des Jahres 2011 und mit wachsenden makroökonomischen Unsicherheiten musste diese Prognose oftmals nach unten revidiert werden. Die Tatsache, dass diese Revisionen oft von überproportional starken Aktienkursreaktionen begleitet waren, könnte die Ansicht der Unternehmen verstärkt haben, dass die spezifische Guidance einem Glücksspiel ähnelt. Einige Unternehmen könnten zu der Schlussfolgerung gekommen sein, dass es besser sei, überhaupt keine Guidance zu geben. Die Tendenz, qualitativ hochwertig bzw. überhaupt zu guiden, scheint im Hausse-Markt stärker ausgeprägt als in Baisse-Phasen. Die Befragung von 140 Investment-Profis und Journalisten widerlegt diese Sichtweise. Wie nicht anders erwartet, zeigten die Rückmeldungen eine positive Resonanz und eine klare Mehrheit zugunsten der Corporate Guidance. Die Antworten auf andere Fragen waren überraschender und sind in unseren Augen deshalb aufschlussreicher.

Bei der Interpretation der gegebenen Guidance erklärte die Mehrheit aller Befragten, dass sie eine Prämie oder einen Abschlag auf die geguideten Zahlen vornimmt, die vom Track Record des Unternehmens und eigenen Erfahrungen abhängen. Eine signifikante Minderheit (39%) vertritt die Meinung, dass die Prognosen der Analysten die zuverlässigeren Indikatoren für die Leistungsfähigkeit der Unternehmen sind. Derweil ist ein ähnlicher Prozentsatz der Befragten der Ansicht, dass Unternehmensguidance nicht zeitnah genug erfolgt. Während einige der Befragten nachvollziehen konnten, dass sich die Guidance ändern kann, und es schätzen, zeitnah informiert zu sein, sehen andere Umfrageteilnehmer eine Anpassung der Guidance als Fehler des Managements. Ein wesentlicher Teil der Befragten weist darauf hin, dass eine nach unten revidierte Guidance eine nachteilige bzw. unverhältnismäßige Auswirkung auf die Kapitalmarktbewertung oder Aktienkursentwicklung haben kann.

Die Befragung zeigt offenbar das komplexe Verhältnis zwischen dem Unternehmen und den Kapitalmarktteilnehmern auf. Die Ansichten des Unternehmens werden aktiv hinterfragt und ausführlich analysiert, etwaige Änderungen, insbesondere negative, werden schnell als Misstrauensvotum gegenüber dem Management gedeutet. Dennoch sollte es für die Unternehmen um weit mehr gehen als das Angebot einer Corporate Guidance – es geht insbesondere darum, das Risiko von Fehlinterpretationen zu vermeiden.

Wachstumsraten und Margen im Fokus

Mehrere qualitative Stellungnahmen sind hervorgehoben: Bei der Frage, welche Kennzahlen für die Guidance wichtig sind, vertraten viele Befragte die Meinung, dass die Kenntnis über die absoluten Umsatz- oder EBITDA-Zahlen von geringerer Bedeutung sei als beispielsweise Schätzungen über Wachstumsraten und Margen. Ein befragter Analyst kommentierte: „Ich würde lieber eine Guidance zu den wichtigen Wachstumstreibern erhalten als konkrete GuV-Zahlen.“