Christa Scholl, Geschäftsführerin, DIRK e.V.

„Politische Börsen haben kurze Beine.“ Lange Zeit galt unter den Börsianern dieses Sprichwort als ausgemachte Sache und mit ihm die Hoffnung, dass die Politik immer nur kurzfristig auf die Kurse wirken sollte, sich auf lange Sicht aber immer die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Ertragssituation der gelisteten Unternehmen als maßgebliche Parameter der Börsenentwicklung durchsetzen.

Gewichte verschoben

Gewiss, politische Geschehnisse, die die Börsenkurse bestimmten, hat es immer gegeben. Und dennoch hat die vermeintliche Börsenweisheit von den „kurzen Beinen“ lange gestimmt. Aber seit weit mehr als zwei Jahren und mit den politischen Eingriffen in der Finanz- und späteren Eurokrise haben sich die Gewichte ganz offenbar verschoben. Erst wurden Banken gerettet, dann Industrieunternehmen, im weiteren Verlauf ganze Staaten. Die politischen Geschehnisse in der Eurozone werden immer komplexer und nehmen Einfluss auf jede nur denkbare Assetklasse – von Aktien über Bonds bis hin zu Rohstoffen. Die Märkte bleiben nervös, und Griechenland ist in den vergangenen Jahren zum Synonym für Unsicherheit geworden.

Kapitalmarkt am Pranger

Die globale Kapitalmarktkrise scheint also lange noch nicht überstanden und die Kritik am Kapitalismus hält weiter an. In der öffentlichen Debatte werden besonders die Kapitalmarktakteure an den Pranger gestellt. Der Hauptprotest richtet sich dabei gegen Banken, Ratingagenturen und Börsen.

Waren die Börsen nur als Vermittler zwischen Marktteilnehmern tätig oder haben sie aktiv zur Krise beigetragen oder pointierter: „Börse – Täter oder Opfer“? Das ist das Motto der diesjährigen DIRK-Konferenz, die hierauf Antworten geben will. Zum 15. Mal treffen sich am 4. und 5. Juni 2012 in Frankfurt die Experten der Finanzkommunikation auf der wohl bedeutendsten Informationsbörse für Kapitalmarktkommunikation in Europa. Der jährliche Branchentreff gibt mit unterschiedlichen Formaten Orientierung für die praxisrelevanten Trends – haben die politischen Ereignisse der vergangenen Monate doch begonnen, die Arbeit der Investor-Relations-Verantwortlichen nachhaltig zu verändern (siehe auch das Programm zur DIRK-Konferenz auf den Seiten 46 und 47).

Während der beiden Konferenztage kommen auch viele weitere Themen zur Sprache, die auf der täglichen Agenda von Investor-Relations-Managern stehen: die Suche nach den wahren Aktionären, die sich ändernde Investorenlandschaft, das sich wandelnde Investorenverhalten (Stichwort: Active Investing), die Gestaltung eines Capital Market Days, die Dos und Dont’s der Roadshow-Planung, das Briefing von CFOs – bis hin zur Vermeidung von Haftungsrisiken für Investor Relations Officers, ein Thema, das in der öffentlichen Diskussion bisher zu kurz gekommen ist.

Haben die Börsen aktiv zur Krise beigetragen?

 

IR und politische Börsen

Investor Relations in Zeiten politischer Börsen – das heißt auch, sich die volkswirtschaftliche Sichtweise in Erinnerung zu rufen und mit ihr Erklärungen zu finden. Für IR-Verantwortliche ist dies in der aktuellen Situation besonders wichtig. Häufig müssen sie in ihrer täglichen Arbeit in diesen Tagen eher etwa den Ausgang der jüngsten Wahlen in Griechenland als das EBIT ihres Unternehmens bei ihren Investoren kommentieren.

Doch egal, wie die Eurokrise ausgeht, eines steht heute schon fest: Die Geschehnisse der vergangenen Monate und die daraus resultierenden Regelungen werden die Arbeit der IR-Verantwortlichen weiterhin maßgeblich beeinflussen. Deren aktuelle Hauptaufgabe ist es, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, wieder aufzubauen und damit das Profil und die Rolle von Investor Relations zu schärfen. Und dies ist nur mit einer transparenten Kommunikation möglich. Aber bekanntlich beinhaltet jede Krise auch gleichzeitig eine Chance. Für Emittenten ist daher momentan der richtige Zeitpunkt, die Beziehung zu den Anlegern zu verfestigen, obwohl es häufig so scheint, als würden die Börsenkurse fast ausschließlich von externen Faktoren bestimmt, auf die das Unternehmen kaum Einfluss hat.

Fazit

Von dieser scheinbaren Machtlosigkeit dürfen sich die IR-Manager jedoch nicht entmutigen lassen. Eine offene und glaubwürdige Kommunikation mit den Investoren ist in diesen Zeiten umso wichtiger – sie wird sich auszahlen.

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