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Die Nachrichten rund um den Zahlungsabwickler Wirecard überschlagen sich seit Tagen und weiten sich auf alle Bereiche des Finanzmarkts, der Aufsicht und der Politik aus.

Kunden springen ab, die Insolvenz wurde angemeldet und der Ex-Vorstand befindet sich – gut vorbereitet – auf der Flucht. Das noch immer im wichtigsten deutschen Aktienindex notierte Unternehmen wirft kein gutes Licht auf den Finanzmarkt, sowie auch die Aufsicht.

Die DVFA Investment Professionals sind bei einer aktuellen Umfrage mit großer Mehrheit der Meinung, dass man die Entwicklung bei Wirecard frühzeitig hätte erkennen können. Bei weiteren Fragen wie zur Aufsicht und zu Auswirkungen auf den Finanzplatz Deutschland gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen.

75% der Investment Professionals geben an, dass die Entwicklung bei Wirecard frühzeitig, also vor 2020, hätte erkannt werden müssen. Nur 14% sehen dies nicht so.

In ihren Kommentaren verweisen die Befragten darauf, dass Wirecard auf alle „Anschuldigungen“ nie vertrauenswürdige Antworten gegeben habe sowie die Tatsache, dass man sich als Außenstehender auf die Testate der Wirtschaftsprüfer verlassen muss. Insofern hätte man sich mehrheitlich ein konsequenteres Nachhaken der Finanzaufsicht nach immer wieder vorkommenden Presseberichten gewünscht.

Nichtsdestotrotz hält mit 53% knapp mehr als die Hälfte der Befragten die Wertpapier- und Bankenaufsicht prinzipiell für wirksam, 33% hingegen eher nicht. Gleichwohl plädieren die Investment Professionals für eine Schärfung der Aufsicht. Dazu ist es auch notwendig, Mischkonzerne mit „kleiner Bank“ als Ganzes zu regulieren und bei Verdachtsmomenten Fälle stärker zu priorisieren.Wirecard

Christoph Schlienkamp, Leiter der DVFA Kommission Unternehmensanalyse, dazu: „Der Fall Wirecard hat das Vertrauen in den Kapitalmarkt in Deutschland erschüttert. Wirecard war aufsichtsrechtlich ein Hybrid und konnte so lange Zeit unter dem Radar bleiben. Hier gilt es nun die richtigen Schlüsse zu ziehen. Zudem ist es für Analysten nur sehr schwer, gegen ein Testat eines Prüfers zu argumentieren. Die Deutsche Börse sollte nun schnell ihre Regeln ändern und reaktionsfähig werden. Der DAX ist der Vorzeigeindex der deutschen Wirtschaft. Ein Unternehmen wie Wirecard hat darin nichts verloren.“

Einzelfall oder nicht?

Gespalten ist die Meinung zur Frage, ob der Fall Wirecard mit Blick auf die Rolle der Wirtschaftsprüfer ein Einzelfall ist und ein Testat somit eine aus Anlegersicht zuverlässige Bezugsgröße ist – 41% antworteten mit Ja, 47% mit Nein. Ein Testat war in der Vergangenheit eine zuverlässige Bezugsgröße, wobei dieser Sachverhalt gerade von den Marktteilnehmern auf den Prüfstand gestellt wird.

Zudem ist die eigene Meinung über ein Anlageobjekt nicht durch ein Testat, Rating oder Nachhaltigkeitssiegel zu ersetzen. Zahlreiche Umfrageteilnehmer sprechen sich zudem dafür aus, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften künftig für die Folgeschäden eines ungerechtfertigten Testats stärker in die Haftung zu nehmen.

Eine Schädigung des Finanzplatzes Deutschland durch den Fall Wirecard sehen 51% als gegeben an, 42% dagegen nicht. Zahlreiche Befragte sehen den Fall Wirecard und seine Komplexität als Einzelfall und gehen davon aus, dass die Finanzaufsicht entsprechend regulatorisch reagieren wird. Irritiert zeigen sich viele Investment Professionals eher gegenüber der Tatsache, dass die Wirecard-Aktie immer noch im DAX notiert und werten dies negativ für den Finanzplatz Deutschland.

Insgesamt verwundert es somit kaum, dass sich mit 57% die Mehrheit der Umfrageteilnehmer dafür ausspricht, die aufsichtsrechtlichen Richtlinien für Finanzunternehmen (inkl. FinTechs) und für börsennotierte Unternehmen zu verändern. 32% sehen hingegen keinen Änderungsbedarf.