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Im Großen und Ganzen soll Scale also auch für mehr Qualität am Aktienmarkt sorgen. Spielen da die Dienstleister überhaupt mit?

Ein Börsengang ist sehr komplex und Unternehmen müssen sich darauf optimal vorbereiten. Wir arbeiten mit erfahrenen Dienstleistern zusammen, damit Börsenkandidaten auch die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Deshalb ist es erforderlich, dass Emittenten mit einem bei uns akkreditierten Deutsche Börse Capital Market Partner vor und während des Listings zusammenarbeiten. Dieser ist auch gemeinsamer Antragsteller mit dem Emittenten und muss die Eignung für Scale anhand einer Financial und Legal Due Diligence prüfen. Dadurch steigt die Verantwortung des Capital Market Partners, denn er nimmt das Unternehmen an die Hand und steht für dessen Kapitalmarktfähigkeit ein. Beim Research arbeiten wir mit den Anbietern Edison und Morningstar zusammen, deren Ansätze unabhängig sind. Sie erstellen in unserem Auftrag die verpflichtenden Research Reports für die Unternehmen.

Das große Problem in Deutschland ist die immer wieder beklagte fehlende Aktienkultur. Inwiefern trägt Scale dazu bei, die Kapitalmarktkultur in Deutschland zu stärken?

Aktienkultur und Kapitalmarktverständnis – das sind in Deutschland ganz dicke Bretter, keine Frage. Aber als Börse werden wir nicht müde, Angebote zu machen. Bei Scale profitieren auch die Anleger von einer höheren Transparenz, z.B. durch mindestens eine verpflichtende Analysten- und Investorenkonferenz pro Jahr. In Scale sind Unternehmen notiert, die ihre Börsenreife bereits bewiesen haben und deren Geschäftsmodelle erprobt sind. Diese qualitative Auswahl steigert natürlich die Attraktivität für Investoren, und wir arbeiten daran, spannende Unternehmen an die Börse zu bringen. Zum Erfolg wird sicherlich auch beitragen, dass semi-institutionelle Investoren und Privatanleger mit DirectPlace-Aktien bereits zum Ausgabepreis zeichnen können. Dies ist normalerweise den institutionellen Anlegern vorbehalten. Beim Börsengang der IBU-tec war das Interesse der Privatanleger hoch. Fast 20% des Emissionsvolumens zeichneten Investoren über die Zeichnungsfunktionalität DirectPlace.

Wie könnte man insbesondere Privatanleger für die Aktienanlage begeistern? Dringt ein solch neues Segment bei diesen überhaupt durch?

Leider investieren nur etwa 14% der Deutschen in Aktien. Teils direkt, teils über Fonds und andere Vehikel, also oft unbewusst. Hierzulande ist also noch viel zu tun, damit Privatanleger ihre Scheu vor der Aktienanlage überwinden. Daran etwas zu ändern ist schwer, und es braucht meines Erachtens mehr als die Initiative einzelner Akteure. Wir brauchen ein Zusammenspiel von Kapitalmarktakteuren wie Banken, Verbänden wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) und natürlich auch den Börsen. Zusätzlich müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden – hier muss vor allem die Politik einen Beitrag leisten. Dazu gehören etwa der stärkere Einsatz von Aktien in der kapitalgedeckten Altersvorsorge, steuerliche Vorteile bei der Aktienanlage, die Rechtssicherheit bei der Beschaffung von Mitarbeiteraktien und die entsprechende Förderung oder das Thema ökonomische Bildung.

Inwiefern kann die Deutsche Börse als Marktplatzbetreiber Einfluss ausüben?

Wir als Marktplatzbetreiber tragen mit verschiedenen Maßnahmen dazu bei, die Wertpapieranlage zu entmystifizieren. Bis jemand sich aber für Scale interessiert, hat er sich mit dem Thema Börse ausreichend auseinandergesetzt. Unser Problem liegt deutlich davor: ein Grundverständnis für Finanz- und Kapitalmarkthemen zu etablieren.

Kleiner Blick in die Glaskugel: Mit IBU-tec gab es ja bereits einen Börsendebütanten im neuen Segment – wie stehen die Chancen, dass wir in diesem Jahr noch mehr Scale-IPOs sehen werden?

Ich bin optimistisch, dass wir bald weitere wachstumsstarke Unternehmen und „Hidden Champions“ in unserem Segment und damit auch in unserem Index begrüßen können. Letztlich entscheiden aber die Firmen, wann sie an die Börse gehen – mit Scale bieten wir innovativen Unternehmen eine weitere Finanzierungsalternative für die Entwicklung ihrer Ideen.

Frau Stars, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit zur Beantwortung unserer Fragen genommen haben.

Das Interview führte Svenja Liebig und erschien zuerst in der Juni-Ausgabe des GoingPublic-Magazins.

Hauke Stars ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse AG und verantwortet mit ihrem Ressort Cash Market, Pre-IPO & Growth Financing das Listing und den Börsenhandel mit Aktien, Anleihen und anderen Wertpapieren, sowie Initiativen zur vorbörslichen Wachstumsfinanzierung.

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.

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