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Der Klimawandel und nachhaltiges Wirtschaften sind heute in aller Munde. Bleibt zu hoffen, dass die Fondsbranche die Steilvorlage der Gesellschaft nicht vor lauter Verkaufsdrang verstolpert. Von Ali Masarwah

Der Klimawandel hat im vergangenen Jahr eine kaum zu erwartende Mobilisierung weiter Schichten der Bevölkerung bewirkt. Die Aktivistin Greta Thunberg und die von ihr angestoßene Bewegung Fridays for Future sind dabei nur eine Facette. Der wissenschaftliche Konsens über die Notwendigkeit, den Klimawandel abzumildern, findet seinen Niederschlag auch in der Wissenschaft – etwa in Gestalt der Initiative Scientists for Future. Die Politik hat – endlich, mag man sagen – auf den Druck reagiert. Auch wenn die Reaktionen mitunter nicht immer kohärent ausfallen, so hat der EU-Aktionsplan für nachhaltige Finanzen eine klare Stoßrichtung vorgegeben, wie der Übergang zu einer CO2-ärmeren Wirtschaft forciert werden soll: durch privatwirtschaftliche Investitionen im Umfang von bis zu 180 Mrd. EUR p.a. im nächsten Jahrzehnt.

Es sind auch die großen Kapitalsammelstellen gefragt, einschließlich der Fondsbranche. Sie besitzt die einmalige Chance und auch die Fähigkeiten, nicht nur ein gutes Geschäft mit der Bündelung bzw. Kanalisierung von Investments in die Realwirtschaft zu machen, sondern gleichzeitig auch ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz hervorzuheben – und ihr seit der Finanzkrise arg in Mitleidenschaft gezogenes Image aufzupolieren. Tatsächlich stehen die Zeichen prinzipiell gut für ein konstruktives Engagement der Fondsbranche. Allerdings drohen einige Marktteilnehmer vor lauter Fixierung auf den Vertrieb die Steilvorlage der Politik zu verstolpern. Dazu folgende drei Thesen:

  1. Die Politik und die Regulierung sollten nicht als Gegner betrachtet werden. Etliche Fondsmanager haben die Initiative der Politik offenbar in den falschen Hals bekommen. Sie polemisieren gegen den vermeintlich neuen Dirigismus aus Brüssel und Berlin. Doch es geht der Politik nicht darum, bürokratische Monster zu schaffen und diese dann auf die Fondsbranche loszulassen. Dass Berater also unter der EU-Richtlinie MiFID II die Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden ab 2021 abfragen, ist eine Chance, ein hochrelevantes Investmentthema beim Anleger zu platzieren, kein Akt der Drangsalierung. Auch sollte die EU-Nachhaltigkeitstaxonomie mit ihrer Fixierung auf den Umweltbereich („E“) als erster Schritt gewertet werden, nicht als das letzte Wort. Das „S“ und das „G“, also soziale und Governance-Kriterien, werden von der EU ebenfalls als Teil des Gesamt-ESG-Kanons erfasst – wenn auch zeitversetzt.
  2. Ungeachtet der heutigen Sturm-und-Drang-Phase ist Mäßigung beim Vertrieb gefragt. Gut 40% aller Neugelder in Fonds wurden europaweit in diesem Jahr in ESG-Fonds investiert. Konventionelle Fonds sind derzeit deutlich weniger gefragt. Das weckt Begehrlichkeiten. Es gibt Fälle von Assetmanagern, die gleich ganze Fondspaletten mit einfachen Ausschlussfiltern ausstatten und diese als nachhaltig deklarieren. Greenwashing fällt jedoch unweigerlich den Betroffenen in Zeiten ausgefeilter Datenanalysetools und Portfolioscreenings auf die Füße. Es ist also ein gezielter Kompetenzaufbau gefragt – eben eine kaufmännische Investition in die Zukunft. (Dieser kann dann gerne auch lautstark vermarktet werden.)
  3. Der Kuchen ist groß genug für alle, Negativmarketing ist unnötig. Kaum hat die Fondsbranche ein neues Wachstumsfeld aufgetan, schon beginnt das typische Hauen und Stechen. Vermögensverwalter, die aktives Management anbieten, bringen sich gegen Indexfondsanbieter in Position. Schon ist die alte Leier zu hören, wonach nur aktives Management in der Lage sei, Anlegern einen Mehrwert zu bieten. Das ist, mit Verlaub, Humbug. In manchen Bereichen werden aktive Fondsmanager Anlegern mit ihren ESG-Strategien tatsächlich einen Mehrwert bieten können, in etlichen anderen Bereichen werden indes ESG-Indexfonds outperformen – so wie bei konventionellen Investments auch, wo in vielen Fondskategorien die niedrigen Kosten von Indexfonds von aktiven Managern einfach nicht zu toppen sind.

 Der Artikel erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

 

 

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah, M.A., ist Mitglied im europäischen Editorial Research Team von Morningstar und zugleich als Chefredakteur für die Personal-Finance-Websites von Morningstar Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Zuvor war er u.a. bei der portfolio Verlagsgesellschaft in Frankfurt tätig, wo er zunächst als Chefredakteur das Magazin portfolio international verantwortete.