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Doch bei näherer Betrachtung wird deutlich: Hier haben nicht wachstumsbeseelte Manager mit einem Emissionserlös wahllos akquiriert, sondern eine umsichtige Unternehmerfamilie Marktnischen konsequent besetzt und neue Segmente aufgebaut. Chancenergreifung auf Schwäbisch sozusagen.

Als Markenname auch dem Endverbraucher bekannt
Und wirklich „hidden“ ist der Champion in vielen Marktsegmenten auch nicht, denn dem Endkunden ist das Unternehmen durch Kühl- und Gefriergeräte gut bekannt. Dabei schmücken die Geräte nicht nur viele Küchen oder Weinkeller, sondern sind in gewerblicher Nutzung auch in zahlreichen Supermärkten zu finden. Die leuchtend gelben Kräne auf vielen Baustellen tragen ebenfalls zur Bekanntheit der Marke bei – und zu deren Identität. Denn das erste Produkt des 1949 von Hans Liebherr gegründeten Unternehmens war ein leichter, einfach zu montierender Turmdrehkran, der auch auf kleinen Baustellen einsetzbar war. In den Wiederaufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg war dieses preisgünstige Produkt zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar, und zu allererst bei den Häuslebauern im Schwäbischen.

In den 50er und 60er Jahren ist das Unternehmen vor allem durch eine Vielzahl neuer Produkte gewachsen, mit denen Stück für Stück benachbarte Geschäftsfelder besetzt wurden. Zum Baukran kamen Hafenkräne oder Kräne für Containerterminals. Beim Warenumschlag als auch auf dem Bau werden Spezialfahrzeuge benötigt, und so wuchs Liebherr von einem zum anderen. Damals habe es kaum Werkzeugmaschinen gegeben, berichtete Geschäftsführerin Isolde Liebherr in einem Interview, „also haben wir sie selbst gebaut“. Heute zählt Liebherr zu den großen Maschinenbauern weltweit. Wenn man sehe, dass ein bestimmtes Produkt benötigt wird, es aber kein oder kein qualitativ hinreichendes Angebot gebe, „dann tun wir das“. So kommt man zu einem breitgefächerten, nur scheinbar wahllosen Angebot, das in sich aber schlüssig strukturiert und vor allem organisiert ist.

Globalisiert, als es Globalisierung noch nicht gab
Schon früh, in den 70er Jahren, startete Liebherr die umfassende globale Expansion, als es das Schlagwort Globalisierung so noch gar nicht gab. Mittlerweile umfasst das Firmenimperium mehr als 100 Unternehmen, die auf allen Kontinenten vertreten sind. Man habe schon früh erkannt, dass Made in Germany allein nicht ausreiche, sondern man nah am Kunden sein müsse, ließ Isolde Liebherr dazu in einer Untersuchung der Universität St. Gallen wissen. Kunden würden damals wie heute weltweit durchaus positiv sehen, dass es sich um ein Familienunternehmen handelt, das nicht den Renditezwängen des Kapitalmarktes ausgesetzt ist. Die Dachgesellschaft, die Liebherr-International AG, ist in Bulle in der Schweiz angesiedelt. Und wenn Liebherr als Anbieter im zumeist mittleren bis oberen Preissegment auch nicht ganz so stark unter dem Druck der Billiglohnländer leidet, ist es dennoch bemerkenswert, dass ein großer Teil der Produktion in den zehn Werken in Oberschwaben stattfindet. 60% der Mitarbeiter arbeiten in Deutschland und Österreich, nur 16% im außereuropäischen Ausland. Für Oberschwaben ist das Unternehmen immens wichtig. In Zukunftsstudien über innovative und aussichtsreiche Regionen wird der Landkreis Biberach häufig auf Platz 1 geführt.

32.500 Mitarbeiter erzielen Milliardenumsätze
Mit mehr als 32.500 Mitarbeitern setzte Liebherr 2008 ca. 8,4 Mrd. EUR um. Über Gewinn und Eigenkapitalausstattung veröffentlicht das Unternehmen keine Daten, aber nimmt man alle Informationen zusammen, dürfte Liebherr auch gut durch das vergangene Jahr gekommen sein. Mit Isolde und Willi Liebherr leiten zwei Familienmitglieder in zweiter Generation die Geschäfte, angesichts der Größe des Unternehmens gibt es aber natürlich auch Manager, die nicht der Familie entstammen. Die Liebherrs sehen ihre Aufgabe darin, strategische Fragen zu entscheiden und in speziellen, besonders wichtig erachteten Fragen eng in den Entscheidungsprozess eingebunden zu sein. Ansonsten aber ist das Management-Credo vom Prinzip der Subsidiarität gekennzeichnet: Entscheidungen und die Verantwortung dafür werden sehr weit in das jeweilige Tochterunternehmen verlagert. Liebherr ist bekannt dafür, die Töchter an einer wesentlich längeren Leine zu führen, als das andernorts der Fall ist.

Faktor Frau in Führungsposition
Eine Untersuchung von Prof. Dr. Hermann Simon über die Strategien erfolgreicher Familienunternehmen zeigt auf, dass in diesem Bereich Frauen in Führungspositionen ungleich häufiger als bei börsennotierten Unternehmen zu finden sind. Liebherr zählt zu diesen Unternehmen, und mit Isolde Liebherr zeigt eine selbstbewusste Frau Führungsstärke: „Warum also sollte jemand anderer uns und unseren Mitarbeitern sagen, was zu tun ist, wenn wir bereits bewiesen haben, dass wir Liebherr sehr erfolgreich führen können?“, antwortete die Geschäftsführerin im Rahmen der St. Galler Untersuchung.

Fazit
Liebherr, das ist die geradezu klassische Geschichte eines Unternehmens, das aus kleinsten Anfängen ganz überwiegend organisch zu jetziger Größe gewachsen ist, weil stets etwas unternommen und investiert worden ist. Die Nachfolge der dritten Generation sei bereits gesichert, heißt es, und das Ziel sei, ein florierendes Unternehmen zu übergeben. Dass Zahlen zum Gewinn nicht veröffentlicht werden, zählt zu den weit verbreiteten Geflogenheiten von Familienunternehmen.

Stefan Preuß

Ursprünglich erschienen in der GoingPublic Ausgabe 2/2010

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