Für eine Börseneinführung ist die deutsche Rechtsform der AG bzw. der KGaA zwingend. Auch ein Formwechsel in die Europäische Aktiengesellschaft (S.E.) ist nur möglich, wenn die Gesellschaft zuvor als AG firmierte. Eine frühzeitige Umwandlung ist ratsam. Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Der Umwandlungsschritt von der gesellschafterfreundlichen GmbH in die AG wird oft als notwendiges Übel gesehen und daher so weit wie möglich nach hinten geschoben – am besten einige Minuten vor Einleitung der Börseneinführung. Als Gründe dafür werden vor allem die starren, formalen Abläufe und die Strukturen genannt, die das Aktiengesetz mit sich bringt. Zudem wird die Stellung der Gesellschafter durch das fehlende Weisungsrecht gegenüber der Geschäftsführung deutlich abgeschwächt. Sind diese Argumente tatsächlich haltbar und was spricht für eine frühzeitige Umwandlung?

Durch die Aktiennovelle vor ca. 25 Jahren wurde die „kleine AG“ ins Leben gerufen, um ähnlich flexible und schnelle Entscheidungsprozesse, wie sie in einer GmbH üblich sind, zu ermöglichen. Unter der „kleinen AG“ ist eine Aktiengesellschaft zu verstehen, die weder der Mitbestimmung unterliegt noch als „börsennotiert“ bzw. „kapitalmarktorientiert“ gilt. Grundsätzlich fallen darunter Unternehmen, die weniger als 500 inländische Mitarbeiter aufweisen sowie keine Wertpapiere (Aktien, Anleihen etc.) an einer regulierten Börse gelistet haben. Die AG muss bei Gründung mindestens über ein Vorstandsmitglied sowie einen dreiköpfigen Aufsichtsrat verfügen. Das Aktiengesetz schreibt zwischen diesen beiden Organen eine strikte Aufgabentrennung vor, die dem Vorstand das alleinige exekutive Recht zuspricht. Weder die Gesellschafter (Hauptversammlung) noch der Aufsichtsrat können dem Vorstand Weisungen zur Unternehmensführung erteilen.

Mehr Flexibilität

Dem Aufsichtsrat kommt ausschließlich eine dem Vorstand gegenüber kontrollierende und beratende Funktion zu. Jedoch kann der Aufsichtsrat dem Vorstand in seiner Geschäftsordnung einen Katalog über zustimmungspflichtige Geschäfte vorschreiben. Derartige Zustimmungsvorbehalte  und die Geschäftsverteilung sind wichtige Mittel zur Überwachung des Vorstands. Im Gegensatz zur GmbH kann nur der Aufsichtsrat den Vorstand bestellen und absetzen. Die Hauptversammlung hat über die Wahl des Aufsichtsrats nur einen mittelbaren Einfluss auf die Vorstandsbesetzung. Jedoch eröffnet das Aktiengesetz bestimmten Aktionärsgruppen per Satzung die Möglichkeit, ihnen ein Entsenderecht zu gewähren, um ihre Interessen im Aufsichtsrat vertreten zu lassen. Hauptversammlungen können ohne Einhaltung der Form- und Fristvorschriften abgehalten werden, wenn alle Aktionäre zustimmen. Einfache Mehrheitsbeschlüsse können auch ohne Notar erfolgen. Parallel zur Satzung und den gesetzlichen Vorschriften bestehen oftmals noch schuldrechtliche Aktionärsvereinbarungen, die die Rechte und Pflichten zwischen den Aktionären wie Liquidationspräferenzen, Verwässerungsschutz, Mitverkaufsrechte und –pflichten, etc. regeln. Diese ursprünglichen Vereinbarungen werden bei der Umwandlung in die AG überführt und enden erst mit der Börseneinführung.

Die AG ermöglicht die Schaffung eines „bedingten Kapitals“, welches die GmbH nicht kennt. Mit diesem bedingten Kapital können sowohl Aktienoptionen für ein kapitalmarktorientiertes Mitarbeiterbeteiligungsprogramm als auch Wandelschuldverschreibungen für die weitere Unternehmensfinanzierung („Going Public Anleihe“) ausgegeben werden. Mit diesem Instrument können andere Investorenklassen zum Beispiel im Rahmen einer „Cross-over“-Finanzierungsrunde angesprochen werden. Zugleich ist die Anteilsübertragung mittels Aktie unkomplizierter, da keine notarielle Beurkundung erforderlich ist. Dies macht die Mitarbeiter- oder „Friends & Family“ Beteiligung kostengünstiger. Die Möglichkeit der Ausgabe von stimmrechtslosen Vorzugsaktien sei noch erwähnt, die jedoch für Wachstumsunternehmen mit keiner oder geringer Dividendenfähigkeit nicht in Frage kommt.

Die „kleine“ Aktiengesellschaft schafft Möglichkeiten, eine hohe Flexibilität und Schnelligkeit in den Entscheidungsprozessen sicherzustellen und zugleich den Gesellschaftern Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung des Unternehmens zu lassen. Zudem eröffnen sich neue Finanzierungsinstrumente, wie sie bei einer GmbH nicht möglich wären. Das wichtigste Argument für eine frühzeitige Umwandlung ist ein Leben in dieser Organstruktur (Vorstand, Aufsichtsrat) zu trainieren. Der Übergang zur Publikumsgesellschaft erfolgt in einem organisierten Prozess mit wenigen Überraschungen für das Management und die Gesellschafter. Öffentlichkeit und Kapitalmarkt belohnen diesen Mut.

Der Beitrag ist eine Vorabveröffentlichung aus dem kommenden GoingPublic Magazins, das Anfang August erscheint.

Über den Autor

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Prof. Dr. Wolfgang Blättchen ist geschäftsführender Gesellschafter der BLÄTTCHEN FINANCIAL ADVISORY GmbH und seit 30 Jahren als unabhängiger Berater für Kapitalmarktstrategien aktiv. In dieser Zeit konnte er rund 50 erfolgreiche IPOs und IBOs sowie zahlreiche weiterführende Kapitalmarkttransaktionen begleiten.