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Immaterielle Vermögenswerte sind das Stiefkind der Finanzkommunikation. Heute werden sie Intangibles oder Nonfinancials genannt. Eine Ansammlung von Faktoren wie Kundenbindung, Innovationskraft, Reputation und Marktdurchdringung, die eines gemeinsam haben: sie sind nichtfinanzieller Natur. Sie sind in der Bilanz nicht abgebildet und trotzdem enorm wichtig. Von Kaevan Gazdar und Manfred Piwinger

Dies gilt für Unternehmen in allen Ländern, in den USA wie in Deutschland. Beispielsweise ist der Marktwert von Coca-Cola vier bis fünf Mal so groß wie der Buchwert, vor allem aufgrund der Markenkraft.

Das Gleiche gilt diesseits des Atlantiks – man nehme z.B. SAP, das wertvollste Unternehmen im DAX. Ende 2017 lag der Buchwert des Softwareherstellers bei rund 25 Mrd EUR, die Marktkapitalisierung hingegen bei knapp 115 Mrd. EUR. Vorbildlicherweise geht SAP in ihrem Geschäftsbericht auf diese Diskrepanz ein und erklärt sie als die Summe von Kundenkapital, Knowhow, ihrem Partnernetzwerk, dem Wert der selbst entwickelten Software, Innovationsfähigkeit und Markenkraft. Aber: Welchen Anteil haben diese Faktoren am Marktwert von SAP und wie wirken sie aufeinander? Auf diese Frage bleibt die Softwareschmiede eine Antwort schuldig.

Es geht aber nicht nur um Bewertung, sondern auch um unternehmerische Verantwortung. Seit Ende 2017 müssen alle Unternehmen in der EU mit mehr als 500 Mitarbeitern jedes Jahr eine Nichtfinanzielle Erklärung (NFE) veröffentlichen. Die Berichterstattung ist zwingend vorgeschrieben und im Handelsgesetzbuch (HGB) verankert. Worum geht es aber?

Der Inhalt der Erklärung pendelt zwischen Geschäft, Governance und Ethik. Zu den sechs vorgeschriebenen Bestandteilen gehören nämlich zum einen das Geschäftsmodell und der Umgang mit Menschenrechten und Korruption, zum anderen Arbeitnehmer-, Sozial- und Umweltbelange.

Professionalisierung Nachhaltigkeitsberichterstattung

So ist die neue Erklärung insgesamt breiter gefächert als die bisherigen Richtlinien. Die Global Reporting Initiative (GRI) hat die Nachhaltigkeitsberichterstattung weltweit professionalisiert, allerdings um den Preis von Aussagekraft und Übersichtlichkeit. Riesige Informationsmengen werden dem Empfänger entgegen geschleudert, von Gewichtung, Hervorhebung und Interpretation keine Spur. Andere Initiativen wie die Coalition for Inclusive Capitalism regen an, Reporting-Schwerpunkte bei Talent, Innovation, Gesellschaft und Governance zu legen.

In Deutschland hat der Deutsche RechnungslegungS Standard 20 (DRS 20) wichtige Vorarbeiten im Pflichtbereich geleistet. Die Berichterstattung im Lagebericht wird um eine Reihe von Nonfinancials gestärkt, darunter auch wirksame Indikatoren in Bereichen wie Kundenbelange und Forschung & Entwicklung, die in der NFE fehlen.

Hinzu kommt: Anders als bei DRS 20 sind Form und Umsetzung der NFE dem Unternehmen überlassen. Sie kann:

  • Teil des Lageberichts sein;
  • an anderer Stelle im Geschäftsbericht veröffentlicht werden;
  • als eigenständige Datei auf der Website abrufbar sein;
  • Bestandteil eines Nachhaltigkeits- bzw. eines Corporate Social Responsibility-Berichts sein.

Dies ist eine eindeutige Schwäche der neuen Regelung. Aus Sicht des Kapitalmarktes ermöglicht ein einheitliches Format die Vergleichbarkeit der Angaben.

Integrated Reporting: Ganzheitlich oder beliebig?

Ein Ranking der erstmaligen Veröffentlichung der Nichtfinanziellen Erklärung von Reportingexpert.de zeigt, dass die Dax-30-Unternehmen von allen Varianten Gebrauch machten. Sie zeigte aber auch: Nicht die Form ist maßgeblich, sondern vielmehr die Qualität und Präsentation des Inhalts.

Das Ranking der Dax 30 gewann SAP, gefolgt von Henkel und Bayer. Dabei ist es kein Zufall, dass SAP seit Jahren mit seinem Integrated Report Maßstäbe setzt. Dieser vom International Integrated Reporting Council (IIRC) initiierte Standard fokussiert auf eine Reihe von Capitals: Financial, aber auch Manufactured, Natural und Intellectual. Damit gewinnt Reporting eine breitere Basis.

Eine Vielzahl von Unternehmen weltweit veröffentlichen Berichte in Anlehnung an dem von IIRC vorgegebenen Rahmen. Innerhalb der Dax 30 sind es neben SAP auch BASF und Bayer. Hinzu kommen nichtbörsennotierte Unternehmen wie Flughafen München und EnBW, die extrem ausgefeilte und aussagekräftige Berichte herausbringen, auf die jeder börsennotierte Konzern stolz sein könnte.

Allerdings sagt die Bezeichnung Integrated Report noch nichts über den Inhalt aus. Beispielsweise steht für SAP aus naheliegenden Gründen das Human Capital im Vordergrund; bei Bayer gibt es eine Vielzahl von Daten und Kennzahlen zu allen Bereichen, während die Lieferkette den Leitfaden der Berichterstattung im BASF-Geschäftsbericht bildet.

Den Integrated Reports fehlt oft die genaue Fokussierung. Hier kann die neue NFE Anhaltspunkte bieten.

Achtung Reputationsrisiken!

Die Auswirkungen der NFE werden trotz des erhöhten Arbeitsaufwands von den betroffenen Unternehmen insgesamt positiv beurteilt. Eine vom Global Compact Netzwerk Deutschland (GCND) beauftragte Befragung von 90 Unternehmen erbrachte folgende Ergebnisse:

  • Drei Viertel der Befragten gaben zu Protokoll, die NFE habe sich positiv auf das Nachhaltigkeitsverständnis ausgewirkt.
  • Allerdings gaben 61 Prozent an, die Erklärung sei nicht der entscheidende Treiber für Nachhaltigkeit im Unternehmen.
  • Bemerkenswert auch: 42 Prozent der 212 durch parallele Desk Research untersuchten Unternehmen stuften nichtfinanzielle Risiken als unwesentlich ein.

Noch werden Reputationsrisiken von vielen Unternehmen vernachlässigt. Die Deutsche Bank veröffentlicht beispielsweise in ihrem Geschäftsbericht ein völlig formalistisches „Rahmenwerk“, das auf Prozesse statt Ergebnisse eingeht. Kein einziger der vielen Skandale der Bank wird erläutert. Im Zeitalter von Investigative Journalism und Social Media wirkt gerade diese Vernachlässigung von Reputationsrisiken als verhängnisvolle Fehleinschätzung.

Bei Reputationsrisiken gilt wie auch an anderen Stellen im Bericht: Aussagekraft ist wichtiger als Form, Pointiertheit wichtiger als Volumen.  Letztlich sollte ein Report widerspiegeln – bei Nonfinancials wie bei Financials – wie eine Firma tickt, was sie wertvoll macht, wo ihre künftigen Schwerpunkte und Stärken liegen.

Über den Autor

Kaevan Gazdar

Kaevan Gazdar war bis Anfang 2017 LeiterReporting der HypoVereinsbank; die von ihm betreuten Geschäftsberichte der Bank wurden sechsmal in Folge im manager magazin Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht“ ausgezeichnet. Er ist Autor des Standardwerks Reporting Nonfinancials

Manfred Piwinger

Manfred Piwinger ist publizistisch und wissenschaftlich tätig. Zuvor war er viele Jahre in Führungspositionen in der Industrie sowie Lehrbeauftragter für Finanz- und Unternehmens kommunikation an der Universität Leipzig. Er ist Mitherausgeber und Autor zahlreicher Standardwerke zur Finanz- und Unternehmens kommuni kation sowie Verfasser von an die 250 Einzelveröffentlichungen.