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Die auf den Coronaschock im Sommer folgende IPO-Flut setzte sich auch im Herbst nahtlos fort: Insgesamt 101 Börsengänge waren von August bis November zu verzeichnen, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum – und ein jähes Ende ist vorerst nicht in Sicht.

Nach einem guten IPO-Jahresstart und der COVID-19-bedingten Weltbörsenstarre erholten sich die Kurse ab Mitte März. Mit leichter Verzögerung folgte der US-IPO-Markt. Von Mai auf Juni haben sich die Börsengänge an NASDAQ und NYSE verfünffacht. Diese Rally setzt sich seither fort, die Zeichnungsgewinne (ZGs) erreichten Rekordniveaus. Erst im Wahlmonat November beruhigte sich die Lage etwas.

Sommermonat außergewöhnlich

Insgesamt 18 Unternehmen debütierten im August – das gab es in der letzten Dekade nur 2013 und wurde lediglich 2005 mit 30 IPOs getoppt. Ein Emissionsvolumen (EV) von 8,6 Mrd. USD ist für den August dazu absoluter Rekord; selbst 2005 wurden „nur“ 5,4 Mrd. USD erreicht. Durchschnittlich wurden von 2004 bis 2019 im August 2 Mrd. USD emittiert. Das mit 2,1 Mrd. USD größte IPO war Chinas Immobilienhändler KE Holdings und damit auch das größte chinesische IPO seit der Streamingplattform iQIYI 2018. An KE Holdings sind SoftBank und Tencent beteiligt. Der US-Hypothekenanbieter Rocket Companies mit 1,8 Mrd. USD folgt an zweiter Stelle. Rocket wollte ursprünglich 3,2 Mrd. USD einnehmen, musste aber Abschläge beim Emissionspreis hinnehmen. Der chinesische Hersteller von elektronischen Großraumlimou sinen Xpeng, an dem Alibaba und die Staatsfonds von Abu Dhabi und Katar beteiligt sind, kam auf ein EV von knapp 1,5 Mrd. USD.

Bereits im Juni/Juli wurden Rekordniveaus erzielt – mit einem durchschnittlichen ZG von 50% setzte der August aber noch eins drauf. Maßgeblich dafür verantwortlich war das Debüt des Tübinger Impfstoffherstellers CureVac, das den Deutschen einen ZG von 250% bescherte. Mittlerweile hat sich der Kurs sogar mehr als verfünffacht. Mit 201% gestartet ist die E-Commerce-Plattform BigCommerce, die es Unternehmen auf SaaS-Basis ermöglicht, eigene Online-Verkaufsplattformen zu gründen. An dritter Stelle landete Oak Street Health mit einem ZG von 91%, das Primärversorgungszentren für Medicare-Begünstigte betreibt.

September nimmt weiter Fahrt auf

Einen weiteren Bestwert hielt dann der September bereit: 41 Börsengänge in einem Monat hatte es seit unserer Aufzeichnung noch nie gegeben. Den zweiten Platz belegt der Juli 2015 (37). Dadurch summierte sich ein EV von 15,9 Mrd. USD; nur der September 2015 mit dem IPO von Alibaba (21,8 Mrd. USD) erzielte mit 28,5 Mrd. USD mehr. Der Durchschnitt ab 2004 belief sich auf 4,3 Mrd. USD. Vier Unternehmen generierten dabei ein EV von jeweils über 1 Mrd. USD. Mit knapp 3,4 Mrd. USD war der rasant wachsende (+174% y/y) US-Anbieter von cloudbasierten Datenplattformen Snowflake bislang der größte Börsengang des Jahres und das größte Software-IPO überhaupt zugleich. Es folgten der Datenanalyseanbieter Palantir (1,9 Mrd. USD), das als Direktlisting mit einem ZG von 30% aber weit unter den Erwartungen blieb (ähnlich wie Spotify 2018 und Slack 2019). Allerdings hat Palantir seitdem stark aufgeholt und seinen Kurs mehr als vervierfacht. Hinzu kamen noch der 3D-Videospiele-Anbieter Unity Software (1,3 Mrd. USD) und das Vergleichsportal für Medikamentenpreise GoodRx Holdings (1,1 Mrd. USD). Mit einem durchschnittlichen ZG von 22% konnte der September angesichts einiger IPOs mit Startverlusten – wie z.B. bei VIA optronics (-32%), einem deutschen Hersteller von Displaysystemen – mit dem August nicht Schritt halten. Drei IPOs erzielten dafür aber einen ZG jenseits 100%. Das auf Nierenkrankheiten spezialisierte Outset Medical kam auf 122%. Das in der Onkologie operierende PMV Pharmaceuticals konzentriert sich auf die Entwicklung kleinmolekularer, tumordiagnostischer Therapien und erreichte einen ZG von 108%. Pulmonx, ein Anbieter minimalinvasiver Instrumente für Lungenerkrankungen, erzielte immerhin 107%.

Leichte Entschleunigung im Oktober

32 IPOs sind immer noch ein hoher Monatswert, nur 2004 waren es sogar 33. Das EV von rund 10 Mrd. USD wurde ebenfalls lediglich 2013 und 2007 mit je ca. 11 Mrd. USD knapp übertroffen. Der Oktoberdurchschnitt liegt bei 4,8 Mrd. USD. Größtes IPO des Monats – und zugleich das zweitgrößte des Jahres – war der chinesische Vermögensmanager Lufax mit 2,4 Mrd. USD. Lufax startete aber mit einem Verlust von 5%. Der Hersteller mobiler Solarpanels Array Technologies emittierte über 1 Mrd. USD und verfügt mit seiner bislang installierten Kapazität von 21 GW über 60% des US-Markts an
mobilen Panels. Die nächstgrößeren Debütanten waren der Antivirensoftwareentwickler McAfee – der von Intel 2011 von der Börse genommen wurde – mit 740 Mio. USD und der exorbitant wachsende (570% y/y), jedoch hoch verschuldete Kfz-Versicherer Root mit 720 Mio. USD. Beide liegen aktuell allerdings weit hinter ihrem Ausgabepreis zurück. Die ZGs lagen mit 15% schon weitaus niedriger als in den Vormonaten. Hervorheben konnten sich aber z.B. der Hörgerätehersteller Eargo sowie der chinesische Anbieter von Bildungsprogrammen für Kinder iHuman mit jeweils 87%.

Novemberrekord bei den Zeichnungsgewinnen

Die US-Wahl und vier Feiertage drosselten die Rally auf zehn IPOs, was unter dem langjährigen Durchschnitt von knapp 17 liegt. Das EV von 4,9 Mrd. USD liegt dagegen leicht über dem Monatsschnitt von 4,1 Mrd. USD. Maßgeblich dafür verantwortlich waren die Börsengänge des Medikamentenentwicklers Maravai LifeSciences mit 1,6 Mrd. USD, der dank seiner mRNA- Produktpalette zuletzt einen starken Nachfragezuwachs erfahren hat. Der Laborbedarfhersteller Sotera Health erzielte 1,1 Mrd. USD und das russische E-Commerce-Unternehmen Ozon Holdings knapp 1 Mrd. USD. Ozon ist ein First Mover im noch unausgeprägten russischen E-Commerce-Markt. Mit durchschnittlichen ZGs von 39% ist aber erneut ein absoluter Bestwert aufgestellt worden. Der diesbezüglich stets schwächelnde Monat hatte bislang sein bestes Ergebnis 2004 mit 16% erzielt. Insbesondere hervorgehoben hat diesen Wert das IPO des auf Brustkrebs spezialisierten Biotechs Olema Pharmaceuticals mit 158%.

Dezemberblitz

Auch der sonst ruhige Dezember hat nochmals aufhorchen lassen. Allein drei Einhörner – Airbnb, DoorDash und Instacart – strebten aufs Parkett, um ein Rekordjahr ausklingen zu lassen. Nach Angaben von Datenanbieter Dealogic könnte sogar das Dotcom-Boomjahr 1999 übertroffen werden (inkl. SPACs). Wir berichten ausführlich im nächsten IPO-Bericht (GoingPublic Magazin 1/2021).

Über den Autor

Ike Nünchert

Ike Nünchert ist freier Autor für das GoingPublic Magazin sowie für GoingPublic Online.