Seit Anfang März steht es offiziell in den Startlöchern: Das neue Marktsegment Scale der Deutschen Börse, das insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen für die Wachstumsfinanzierung über die Börse begeistern soll. Doch kann dies in einem „Börsenmuffelland“ wie Deutschland überhaupt funktionieren? Pierre Kiecolt-Wahl von der international tätigen Investmentboutique Bryan Garnier erklärt uns im Interview u.a., was er von Scale hält und welche Bedeutung es für die Aktienkultur hierzulande hat.

Pierre Kiecolt-Wahl von der Investmentboutique Bryan Garnier
Pierre Kiecolt-Wahl von der Investmentboutique Bryan Garnier

GoingPublic: Herr Kiecolt-Wahl, wie schätzen Sie die Attraktivität des Finanzplatzes Frankfurt hinsichtlich des neu geschaffenen KMU-Segments Scale ein?

Kiecolt-Wahl: Grundsätzlich ist die Einführung von Scale eine gute Idee, und es sieht so aus, als habe man hier die besten Eigenschaften des Londoner Pendants AIM mit der deutschen Tradition gründlicher Vorbereitung und vernünftiger Regulierung vereint. Auch das Timing passt, denn nach dem Scheitern der Fusion mit der LSE ist es umso wichtiger, dass die Deutsche Börse ein eigenes Angebot für deutsche KMU schafft. Verglichen mit seiner Wirtschaft ist Deutschland regelrecht unterkapitalisiert. Wenn man sich nur einmal die Börsenkapitalisierung aller notierten Unternehmen ansieht, macht diese mit rund 1,6 Bio. USD nicht mal die Hälfte des deutschen Bruttoinlandprodukts aus. In den USA hingegen ist der Kapitalmarkt eineinhalb mal so groß wie die dortige Wirtschaftskraft.

Inwiefern ist das neue Segment notwendig zur Wachstumsfinanzierung von kleinen und mittelständischen Unternehmen?

Als dringend notwendig für deutsche Mittelständler würde ich das neue Segment nicht bezeichnen, immerhin waren sie auch bisher in der Lage, ihr Wachstum zu finanzieren. Aber Zugang zum Kapitalmarkt ist ab einer gewissen Größe der nächste logische Schritt. Und man darf nicht vergessen: Der traditionelle Mittelständler verfügt über handfeste Vermögenswerte und kann sich entsprechend kreditfinanzieren, junge Technologie-Unternehmen hingegen brauchen die alternative Finanzierung über den Kapitalmarkt.   Ob Scale hier tatsächlich Abhilfe schafft, bleibt abzuwarten. Die Deutsche Börse hatte letztlich wohl wachstumsstarke Unternehmen aller Branchen im Blick und suchte den Kompromiss zwischen breitem Marktzugang und adäquater Regulierung. In der Konsequenz dürfte allerdings manches junges Techunternehmen erst einmal an den Anforderungen scheitern.

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