Nach zehnjähriger Aufschwungphase scheint sich die Konjunktur in Deutschland seit Jahresanfang zunehmend einzutrüben. Gleichwohl ist für die kommenden anderthalb Jahre eine weiterhin rege Übernahmeaktivität deutscher Firmen zu erwarten, denn es gibt eine Reihe neuer Treiber. Damit dürfte die Nachfrage nach W&I-Policen weiter steigen. Von Dr. Michael R. Drill

Stagnierende Aktienkurse, der anstehende Brexit, der Handelskrieg zwischen den USA und China, drohende Zölle sowie vermehrte Gewinnwarnungen bei Großkonzernen sind für das M&A-Geschehen in Deutschland alles andere als förderlich. Gleichwohl erwarten wir für die kommenden anderthalb Jahre eine weiterhin rege Übernahmeaktivität deutscher Firmen. Unsere aktuelle Mandatspipeline sowie die zahlreichen Gespräche, die wir mit Großkonzernen und Vertretern der Private-Equity-Industrie führen, bestätigen diesen Ausblick.

Während in den letzten Jahren eine boomende Volkswirtschaft, niedrige Zinsen, hohe Unternehmensbewertungen und eine starke Euphorie den Markt für Unternehmenskontrolle prägten, stehen zukünftig andere Treiber für Mergers & Acquisitions im Vordergrund: Globalisierung, Digitalisierung, Industrie 4.0, E-Commerce und Elektromobilität zwingen viele Unternehmen, sich über Akquisitionen zu stärken oder aber unter das Dach eines größeren Konkurrenten zu schlüpfen.

Wir erwarten, dass nahezu alle Branchen von Fusionen und Übernahmen betroffen sein werden, wobei der Anteil konjunkturunabhängiger Branchen weiter zulasten der zyklischen Industriesektoren zunehmen wird. Überdurchschnittliche M&A-Aktivitäten sehen wir in den Bereichen Technology, Media und Communications, wobei viele Erwerber interessanterweise Industrie- bzw. Nicht-Tech-Unternehmen sein werden. Für viele Konzerne sind Akquisitionen von Software- oder IT-Firmen sowie von Start-ups eine Antwort auf die Herausforderungen durch Digitalisierung und Industrie 4.0. Durch den Zukauf von kreativer Innovationskraft versuchen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, Know-how-Defizite zu egalisieren und sich fit für die Zukunft zu machen. Eine Sonderkonjunktur bei M&A erwarten wir zudem im wachsenden Healthcare-Sektor sowie in der zunehmend unter Druck geratenen Automobilindustrie.

Stete Prüfung der Portfolios

Kürzere Produkt- und Unternehmenszyklen, Herausforderungen im Kerngeschäft und gelegentlich vorangegangene Großakquisitionen zwingen deutsche Großkonzerne zu einer aktiven und ständigen Prüfung ihres Unternehmensportfolios. Weitere Gründe für das zunehmend schnelle „Drehen“ von Konzernportfolios sind der steigende Druck von aktivistischen Großaktionären sowie die latente Gefahr einer feindlichen Übernahme. In der Konsequenz führt dies dazu, dass viele Gesellschaften es sich nicht mehr leisten können, Portfolioarrondierungen auf die lange Bank zu schieben.

In den zahlreichen Gesprächen, die wir mit Vertretern von größeren börsennotierten AGs oder Familienunternehmen führen, werden derzeit vielerorts Tochtergesellschaften und Geschäftseinheiten nicht mehr zum Kerngeschäft gezählt und zum Verkauf freigegeben. Aufgrund des anhaltend guten sowie liquiden M&A-Marktumfeldes erwarten wir daher eine deutliche Zunahme bei sogenannten „Corporate Divestments“ im Jahr 2020. Primär wird es sich hierbei um unterdurchschnittlich profitable Geschäftsaktivitäten handeln, die die Rendite und das Wachstumsprofil der Konzerne beeinträchtigen.

Tob 15 M&A Deals
Tob 15 M&A Deals

Für Eigentümer deutscher Mittelstandsfirmen dürfte in den kommenden Monaten das Fenster nach wie vor weit offen sein für die erfolgreiche Umsetzung eines Unternehmensverkaufs. Die Übernahme deutscher Hidden Champions steht bei ausländischen Großkonzernen und bei Finanzinvestoren weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste. Für solide und profitable Unternehmen werden weiterhin sehr attraktive Kaufpreise gezahlt. Eine ähnliche Preisentwicklung ist an den Aktienmärkten festzustellen: Gemäß Bloomberg werden aktuell etwa die DAX30-Unternehmen im Durchschnitt mit einem EBITDA-Multiplikator von über 13 bewertet, MDAX-Unternehmen sogar mit einem Faktor von 14. Angesichts der historisch niedrigen Verzinsung von Staatsanleihen haben sich auch die Renditeforderungen der Investoren und Großkonzerne signifikant nach unten angepasst – für Unternehmensbewertungen werden deutlich geringere Diskontierungssätze als noch vor einigen Jahren zugrunde gelegt. Bei Industriekonzernen pendelt sich der Kapitalkostensatz derzeit bei 9% bis 10% ein: viele Finanzinvestoren begnügen sich heute mit Renditen von 15% bis 20% statt wie bisher 25%. Vor diesem Hintergrund erscheinen die gezahlten EBITDA-Multiplikatoren bei M&A-Deals keineswegs überzogen.

Markt keinesfalls überhitzt

Dass der gegenwärtige Markt gesund und nicht überhitzt ist, zeigt im Übrigen auch die Tatsache, dass es im Gegensatz zu den Hype-Phasen in den Jahren 2000 und 2007 heute nur noch in Ausnahmefällen den einfachen und schnellen Deal gibt. Im Gegenteil: Käufer agieren in den Due-Diligence-Prozessen überaus sorgfältig und lassen sich bei Bieterverfahren nicht unter Zeitdruck setzen. Dies gilt insbesondere für strategische Käufer, bei denen die zuständigen Managementteams sich ihrer Sorgfaltspflicht stark bewusst sind. Neben zahlreichen Management-Meetings und umfassenden Workshops zum strategischen Fit und zur Post Merger Integration prüfen die Käufer die Zielunternehmen im Detail auf die Werthaltigkeit ihrer Vermögenswerte und das Vorhandensein etwaiger Risiken und Verpflichtungen.

In diesem Zusammenhang sehen wir bei unseren Transaktionen immer öfter den Einsatz von Warranty-&-Indemnity-(W&I-)Versicherungen, insbesondere bei Deals, bei denen Private-Equity-Investoren eingebunden sind. Angesichts einer Vielzahl von Vorteilen sowohl auf der Verkäufer- als auch der Käuferseite dürfte es nur noch eine Frage von wenigen Jahren sein, bis der Abschluss einer W&I-Versicherung zum Standard jeder M&A-Transaktion wird.

Treiber für den deutschen M&A-Markt 2020:

  • Globalisierung der Märkte und Zwang zu kritischer Größe
  • Elektromobilität stellt Geschäftsmodelle der Autoindustrie infrage
  • Digitalisierung und Industrie 4.0 als Wettbewerbsvorteil
  • anhaltendes Zinsniveau und überschüssige Liquidität im Markt
  • Handelsstreit zwischen USA und China lenkt den Fokus auf Deutschland

Branchen mit starker M&A-Aktivität 2020:

  • Technology und Medien
  • Gesundheitswesen und Medizintechnik
  • Automobilzulieferer
  • Einzelhandel und E-Commerce
  • Finanzdienstleistungen

Der Artikel erschien zuerst in der GoingPublic-Specialausgabe M&A-Insurance.

 

Über den Autor

Dr. Michael Drill erwartet eine spürbare Belebung der M&A-Aktivität im kommenden Jahr

Dr. Michael R. Drill

Dr. Michael R. Drill ist Vorstandsvorsitzender der Lincoln International AG, eines auf M&A-Beratung spezialisierten Beratungshauses mit weltweit über 550 Mitarbeitern. Lincoln International verfügt über eigene Büros in den weltweit zehn größten Volkswirtschaften. 2018 hat Lincoln International weltweit über 200 und in Deutschland 28 M&A-Transaktionen erfolgreich abgeschlossen.