Werbung

Die rapide digitale Entwicklung hat zu einem Wandel etablierter Geschäftsmodelle und zu einer höheren Bedeutung immaterieller Vermögensgegenstände und langfristiger Werttreiber für einen fairen Unternehmenswert geführt. In diesem Spannungsfeld der kurzfristigen Disclosures und der vermehrten Forderung langfristiger Investoren nach einer nachhaltigen Unternehmenswertsteigerung ist die IR mehr denn je aufgefordert, über kurz- und langfristige sowie finanzielle und nichtfinanzielle Werttreiber zu kommunizieren. Von Dr. Martin Steinbach und Christina Ohde

Wie erfolgreiche Technologie- und Internetunternehmen verdeutlichen, machen materielle Vermögensgegenstände wie Gebäude, Maschinen und Ressourcen aufgrund der rapiden digitalen Entwicklung nicht mehr den Großteil des Unternehmenswerts aus – sondern es dominieren selbst geschaffene oder erworbene immaterielle Werte. Jüngste Beispiele dafür sind Apps, künstliche Intelligenz, E-Commerce-Plattformen, soziale Netzwerke, Blockchain-Anwendungen, Datenbanken etc. Selbst geschaffene immaterielle Werte werden durch den Standard IAS 38 „nur“ auf der Basis der Entwicklungskosten bilanziert oder erscheinen aufgrund der Regeln des Standards überhaupt nicht in der Bilanz. Diese Effekte führten u.a. gerade in den letzten beiden Dekaden des technologischen Wandels zu einer wahrgenommenen „Wertlücke“ zwischen den angesetzten Werten in der Bilanz und der aktuellen Bewertung (pre-IPO) oder dem an der Börse gebildeten Marktwert (post-IPO).

Ein Indikator für das Vorliegen immaterieller Werte des Unternehmens ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Es zeigt das Verhältnis zwischen der Marktkapitalisierung eines Unternehmens an der Börse und dessen bilanziellen Eigenkapitals. Bei einem KBV von eins entspricht der Börsenwert dem bilanziellen Eigenkapital. Ein höherer Wert deutet auf das Potenzial möglicherweise nicht bilanziell erfasster immaterieller Werte oder eine unterschiedliche bewertungsmäßige Behandlung hin. Wie Abb. 1 zeigt, weisen insbesondere Unternehmen der Technologieindizes TecDAX 30 und NASDAQ-100 ein erwartungsgemäß höheres KBV im Vergleich zu DAX, MDAX, SDAX, ATX 20 und SMI 20 auf und demonstrieren, dass sich im Marktwert dieser Unternehmen immaterielle Vermögensgegenstände und Werttreiber spiegeln. Zudem lässt sich aus Abb. 2 entnehmen, dass die Technologieindizes TecDAX 30 und NASDAQ-100 über ein höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) verfügen als die anderen Indizes. Die Dividendenrendite von DAX, MDAX, SDAX, ATX 20 und SMI 20 liegt entsprechend höher.

Eine aktuelle Studie von DIRK und EY zeigt, dass insbesondere für institutionelle Anleger mit langfristiger Orientierung die langfristigen Treiber des Unternehmenswertes große Bedeutung haben, während erwartungsgemäß vor allem für die aktivistischen Investoren und Hedgefonds die kurzfristigen Werttreiber, wie z.B. Umsatz, Gewinn und Rendite, eine höhere Bedeutung besitzen. Unter Langfristigkeit versteht eine Mehrheit von 59% der befragten IR-Verantwortlichen einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Die befragten IR-Officer sehen Verbesserungspotenziale im Bereich der finanziellen und nichtfinanziellen langfristigen Werttreiber. Insgesamt lassen sich vier wesentliche Ansätze identifizieren.

1. Bessere Positionierung der nichtfinanziellen Erklärung bei allen IR-Stakeholdern, insbesondere bei Analysten, die im Kapitalmarkt eine Einschätzung zur fairen Unternehmenswertspanne geben

Die größten Auswirkungen auf das Geschäftsmodell und die Kapitalmarktstory heute und in Zukunft sehen die IR-Verantwortlichen bei Umwelt-, gefolgt von soziale und Mitarbeiterthemen. Bisher nehmen die IR-Officer ein verhaltenes Interesse an der nichtfinanziellen Erklärung wahr. Nur knapp 13% der Befragten stimmen mehr oder weniger voll und ganz zu, dass die nichtfinanzielle Erklärung ihren Zweck in der IR erfüllt. Als einen der größten Kritikpunkte an der nichtfinanziellen Erklärung sehen 47% die fehlende Vergleichbarkeit.

2. Bessere Kommunikation der nichtfinanziellen und langfristigen Werttreiber

Aus Sicht der IR-Officer ist weiterhin der Erhalt und Ausbau des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit bei Investoren im Kapitalmarkt eine zentrale Aufgabe rund um das Erreichen eines nachhaltigen und fairen Unternehmenswertes. Zudem zählt die gute Corporate Governance zu den Top Four der langfristigen Werttreiber, die häufiger in der IR verwendet werden könnten. Diese eher traditionellen werden durch neue langfristige Werttreiber wie Fähigkeit zu Innovation und Disruption und durch das Talent der Mitarbeiter im Unternehmen ergänzt.

3. Aufnahme der finanziellen bzw. messbaren langfristigen Werttreiber

Als messbare Kenngrößen zu langfristigen Wertreibern, die häufiger in der IR-Kommunikation aufgenommen werden könnten, werden von den Befragten z.B. die Kundenzufriedenheit, die Anzahl der Patente, Lizenzierungen und neuen Produkte, die Mitarbeiterstruktur (Alter, Fluktuation, Anzahl und Motivation) und ¬zufriedenheit genannt. Die IR-Officer sehen aber insbesondere in der fehlenden Verfügbarkeit von Daten mit knapp 60% einen Grund dafür, dass messbare Kenngrößen oftmals nicht in der IR-Kommunikation verwendet werden.

4. Ausgewogenere Kommunikation aller Werttreiber für das Erreichen eines fairen und nachhaltigen Unternehmenswerts

Die Etablierung von Standards und klaren Messgrößen sind für IR-Officer der Schlüssel für eine bessere Vergleichbarkeit, gerade bei nichtfinanziellen Werttreibern.

Fazit

Die aktuelle Umfrage zeigt, dass die IR-Officer deutliche Verbesserungspotenziale in vielen Bereichen sehen. Ein großes Potenzial des Unternehmenswertes wird in immateriellen und langfristigen Werttreibern erkannt. Diese gilt es genau zu analysieren, durch messbare Kenngrößen transparenter zu machen und stärker zu kommunizieren. Hier besteht für IR die Chance, trotz der Kurzfristigkeit des Kapitalmarktes den Fokus bei allen IR-Stakeholdern auf ein umfassenderes Bild aller Werttreiber für eine nachhaltige Unternehmenswertsteigerung zu lenken. Die oben genannten Ansätze helfen bei der Analyse und unternehmensindividuellen Positionierung der IR im Bereich der kurz- und langfristigen sowie der finanziellen und nichtfinanziellen Werttreiber und können dazu beitragen, das Unternehmenswertpotenzial durch eine bessere Kommunikation aller Werttreiber zu heben.

 

Über den Autor

Dr. Martin Steinbach - Ernst & Young - Head of IPO and Listing Services

Dr. Martin Steinbach

Dr. Martin Steinbach ist Partner und IPO Leader bei EY. Er verantwortet seit April 2011 den Bereich IPO und Listing Services in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Darüber hinaus leitet er das IPO Leader Netzwerk in Europa, Mittlerem Osten, Indien und Afrika.

Christina Ohde

Christina Ohde ist Senior und seit 2014 bei EY für den Bereich IPO und Listing Services tätig. Aufgrund ihres rechtlichen Hintergrunds liegt ihr Schwerpunkt in der Beratung rund um das Thema Kapitalmarktrecht und Investor Relations.