Der Mittelstand spielt für Österreich eine bedeutende Rolle – deshalb ist die Öffnung des Dritten Marktes für österreichische KMU umso wichtiger. Wir haben mit dem CEO der Wiener Börse, Dr. Christoph Boschan, u.a. über den neuen direct  market plus, die zunehmende internationale Ausrichtung der Wiener Börse sowie die Aktienkultur in Österreich gesprochen.

GoingPublic: Herr Dr. Boschan, die Politik beabsichtigt, in Kürze den Dritten Markt für österreichische Unternehmen zu öffnen. Was genau ist der direct market plus und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Dr. Boschan: Der direct market plus wird Anfang 2019 an den Start gehen und wird unser börsenreguliertes Einstiegssegment sein. Ähnlich wie in Deutschland mit Scale, ist es auch hier in Österreich an der Zeit, dass es endlich ein Einstiegssegment mit geringeren Hürden für kleinere und mittlere heimische Emittenten gibt. Das ist keine vollständig neue Erfindung, da parallel dazu der Dritte Markt existiert,  der unreguliert und somit  vergleichbar mit dem Entry Standard in Deutschland  ist. Nur kommen beim direct market plus noch ein paar „Goodies“ für den Anleger hinzu: Sei es die Veröffentlichung eines Unternehmenskalenders, Halbjahresberichte, Jahresabschluss, ein Capital Market Coach für die Emittenten etc. Also alles Ingredienzien, die man aus den bekannten Wachstumssegmenten anderer europäischer Länder kennt. Zudem war es bislang so, dass nur ausländische Emittenten in den Dritten Markt durften; ab 2019 dürften dann auch wieder österreichische Unternehmen darin aufgenommen werden, was einen erheblichen Meilenstein markiert.

Welche österreichischen Emittenten wollen Sie damit konkret ansprechen?

Es ist mir ein besonderes Anliegen, hier ganz klar zwischen Start-ups und KMU zu unterscheiden. Klar, Start-ups sind derzeit in aller Munde und sollten gefördert wer- den. Dennoch sollte beim direct market plus nicht das Hauptaugenmerk auf diese gelegt werden. Wir richten uns damit eher an Unternehmen, die schon etwas länger am Markt existieren. Wir freuen uns, dass jetzt endlich Bewegung in den Markt kommt, und zwar zugunsten österreichischer KMU, nicht zuletzt dank des Regierungswechsels in Österreich. Gerade der Mittelstand hat in Österreich eine besondere Bedeutung, da dieser als das Rückgrat der heimischen Wirtschaft gilt. Von daher ist dies ein sehr wichtiger Schritt.

 

Wenn Sie einem mittelständischen Unternehmen den Kapitalmarkt schmackhaft machen wollten, welche Vorteile würden Sie ihm nennen?

Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, dass für kleinere und mittlere Unternehmen durch die Börsennotiz all die Vorteile materialisiert werden, von denen sonst nur die großen Unternehmen profitieren. Außerdem diversifiziert das Unternehmen dadurch seinen Finanzierungsmix, d.h. es ist nicht mehr nur vom Fremdkapital abhängig, sondern verfügt auch über erheblichere Mengen Eigenkapital. Ansonsten gelten  die allgemeinen Vorteile, die ein Börsen- gang mit sich bringt, sei es, dass Altaktionären Exits verschafft werden, Schulden abbezahlt werden oder dass die Unternehmen strategisch wachsen können. Zudem steigert der Börsengang die Visibilität enorm und kann somit auch die Kundenbeziehung verbessern, da man viel transparenter agiert.  Interessant ist, dass wir gerade von kleineren börsennotierten Unternehmen häufig erzählt bekommen, dass durch die Börsennotiz viel mehr Bewerber vor ihrer Tür stehen als vor  dem Listing. Das ist in diesen Tagen auch ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Ebenfalls nicht uninteressant sind Mitarbeiterbeteiligungsprogramme, die durch die Notierungsaufnahme ermöglicht wer- den können und sowohl für Mitarbeiter als auch für das Unternehmen selbst attraktive Möglichkeiten darstellen.

Global Market der Wiener Börse. Quelle: Wiener Börse.
Global Market der Wiener Börse. Quelle: Wiener Börse.
Es scheint viel im Umbruch zu sein in den letzten zwei Jahren: 2017 hat die Wiener Börse z.B. den „global market“ ins Leben gerufen. Was hat es damit genau auf sich?

Wir haben einen Leitsatz, der da heißt „Österreich für die Welt, die Welt für Österreich.“ Diese Aussage trifft den Kerngedanken des global market sehr präzise. Kurzum: Wir wollen zum einen unseren Emittenten die höchstmögliche Visibilität verschaffen, und das vor allem auch auf internationaler Ebene. Im Rahmen dessen bieten wir internationale Roadshows an oder  produzieren  Videoformate  wie  den „Austrian Stock Talk“. Daran wird deutlich, dass wir ein sehr internationaler Markt sind – so erreichen uns 85% der Orders aus dem Ausland. Morgan Stanley, Merrill Lynch und JP Morgan sind zum Beispiel      die      größten    internationalen Marktteilnehmer bei uns. Auf der anderen Seite wollen wir aber natürlich auch, dass unsere heimischen Anleger internationale Titel wie Apple oder Siemens kaufen können und dafür nicht den Umweg über einen ausländischen Börsenplatz nehmen müssen. Sie sollen dies bequem über die Heimatbörse abwickeln können, mit den hiesigen Konditionen, so z.B. auch mit einer deutlich günstigeren Inlandsorder. Erst kürzlich sind auch asiatische Wertpapiere hinzugekommen; somit werden wir immer globaler.

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