Dr. Peter Waldecker, Director, Issuer & Partner Relations, Primary Market Group der Börse Stuttgart

Die Neuemission eines Wertpapiers ist anspruchsvoll, aber keine Raketentechnik. Mit Produktwissen, Kapitalmarktexpertise und Erfahrung können auch anspruchsvolle Emissionen bewältigt werden. Damit es aber in der Vorbereitung und beim Start nicht kritisch wird und eine Mittelstandsanleihe schließlich zum gewünschten Ziel führt, muss man die zentralen Erfolgsfaktoren kennen.

Voraussetzungen schaffen

Zunächst sollte die Unternehmensleitung analysieren, ob eine Anleihe das geeignete Finanzinstrument ist. Eine Anleihe ist zunächst neben anderen Finanzinstrumenten einzuordnen, wie etwa dem traditionellen Bankkredit, dem Konsortialkredit oder dem Schuldscheindarlehen, der Innenfinanzierung und verschiedenen Spezialfinanzierungen. Eine Anleihe ist dann interessant, wenn andere Finanzierungskonzepte an Grenzen stoßen, beispielsweise mangels passender Kreditsicherheiten, aufgrund von schwierigen Verhandlungen mit Finanzpartnern oder durch Obergrenzen im Kapitalvolumen. Beispiele für solche Situationen sind Wachstumsfinanzierung und Akquisitionsfinanzierung.

Wird die Begebung einer Anleihe grundsätzlich erwogen, sollten einige interne Voraussetzungen geklärt werden. Das Rechnungswesen sollte fit gemacht werden, um die erforderlichen Finanzinformationen zu liefern, die Geschäfts- und Finanzlage sollte insgesamt stabil sein, es sollte ein solider Gewinn erwirtschaftet werden und eine potenzielle Zinsdeckung durch den Cashflow klar erkennbar sein. Die Eigenkapitalbasis sollte so breit sein, dass Finanzkennzahlen auch durch das zusätzlich aufgenommene Fremdkapital unproblematisch bleiben. Die Unternehmensstrategie sollte klar erkennbar sein, insbesondere das Ziel, mit der Anleihe Wachstum und zusätzliche Ergebnisbeiträge zu generieren. Insgesamt sollte eine Anleihe die Rolle eines zusätzlichen Finanzierungselements einnehmen und damit den Finanzierungsmix expandieren. Ein kompletter Ersatz der Bankfinanzierung kann eine Anleihe nicht sein, ebenso wenig wie eine Anleihe ein Ersatz für Eigenkapital ist. Eine Anleihe ist ein zielgerichtetes, erweiterndes Finanzinstrument, das eine neue, zusätzliche Investorenbasis erschließt und damit die Unabhängigkeit des Unternehmens steigert.

Bei der Platzierung einer Mittelstandsanleihe führen einige wichtige Schlüsselfaktoren zum Erfolg. Foto: PantherMedia / Chad McDermont

Timing der Vorbereitungen

Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist in mehrerer Hinsicht das Timing. Idealerweise sollte Kapital aufgenommen werden, wenn es nicht dringend benötigt wird, um marktgegebene Emissionsfenster nutzen zu können. Dieser Punkt ist nicht zu vernachlässigen, denn ein Emittent kann eine noch so gute Bonität und Strategie haben: Wenn es zu Marktturbulenzen und gar Marktverwerfungen kommt, ziehen sich die Investoren vom Kapitalmarkt zurück. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, ob das Unternehmen selbst schon bekannt ist oder nicht. Ist der Firmenname oder ein Kernprodukt bereits ein „brand name“, kann die Kommunikation direkt darauf aufbauen. Ist das Unternehmen über die eigene Industrie hinaus noch nicht bekannt, sollte zunächst Zeit für Öffentlichkeitsarbeit für das Unternehmen selbst eingeplant werden, denn eine gewisse Bekanntheit des Unternehmens ist für eine nachfragestarke Platzierung der Anleihe unerlässlich. Schließlich ist es wichtig, sich für die heiße Marketingphase im Rahmen der Platzierung ausreichend Zeit zu nehmen. Die Unternehmensleitung sollte in dieser Phase von etwa vier Wochen ausreichend verfügbar sein, um in der Roadshow Investoren zu treffen, das Unternehmen zu präsentieren und damit direkt Präsenz und Verpflichtung zu demonstrieren

Die Platzierung

Im Rahmen der Sales-Strategie sollten alle sinnvollen Vertriebskanäle eingeplant werden. Privatanleger sollten ausreichend Zuteilung über die Börse erhalten, die Gruppe der sogenannten Selbstentscheider ist für jeden Emittenten hochinteressant. Ebenso sollte das Unternehmen eine Zeichnung durch Mitarbeiter ins Auge fassen, wenn die Personalbasis groß genug ist. Institutionelle Investoren müssen angesprochen werden, dies kann über Selling Agents erfolgen, allerdings muss dabei auf eine strikte Koordination geachtet werden, sonst kannibalisieren sich Selling Agents gegenseitig und die institutionelle Platzierung endet in einem Wettbewerb um die Weitergabe von Vertriebsgebühren und verliert die Ansprache von Endinvestoren aus dem Auge.

Ein wichtiger erfolgsfaktor zur Kapitalaufnahme ist das Timing. Foto: PantherMedia / homestudio

Ausgestaltung der Anleihe

Schließlich muss als zentraler Punkt für den Emittenten der Kupon im Rahmen des Pricings der Anleihe festgelegt werden. Ein Wertpapierprospekt muss als Voraussetzung für das öffentliche Angebot erstellt und die Formulierung der Verpflichtungen des Emittenten aus den Anleihebedingungen, der sogenannten Covenants, bedacht werden. Mit einer sorgfältigen Planung der Covenants und einer Orientierung an Marktstandards kann der Emittent maßgeblich zu einer allgemeinen Akzeptanz der Anleihe insbesondere bei institutionellen Investoren beitragen und damit die Platzierung positiv beeinflussen.

Für das Projekt einer Mittelstandsanleihe sollte die Unternehmensleitung last but not least einen geeigneten Co-Piloten engagieren: einen erfahrenen Emissionsberater. Dessen Aufgabe ist es, die Emission auf Basis seiner Kapitalmarktexpertise systematisch vorzubereiten und gegebenenfalls individuelle Abweichungen vom Idealzustand konzeptionell auszugleichen. Wenn die Erfolgsfaktoren insgesamt stimmen, kann die Anleihe erfolgreich einen Meilenstein setzen: den ersten Schritt des Unternehmens an den Kapitalmarkt.

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