Die Samwer-Brüder drücken aufs Tempo: Nur wenige Tage nach Zalando planen sie am 9. Oktober mit Rocket Internet ihren zweiten großen Internet-Börsengang. Schon eine Stunde nach Beginn der Zeichnungsfrist seien die Orderbücher inklusive Platzierungsreserve bereits gefüllt gewesen. Mit voraussichtlichen Einnahmen von bis zu 1,6 Mrd. EUR dürfte Rocket Internet damit der größte deutsche Börsengang in diesem Jahr werden.

 Die Zeichnungsfrist läuft noch höchstens bis zum 7. Oktober. Die Preisspanne für die neuen Aktien liegt zwischen 35,50 und 42,50 EUR. Im außerbörslichen Handel werden die Papiere aber bereits deutlich höher gehandelt. Insgesamt besteht das Angebot aus bis zu 32,9 Mio. neuen Aktien, die bisherigen Aktionäre wollen sich beim Börsengang nicht von Anteilen trennen. Außerdem werden noch 4,9 Mio. Papiere für eine Mehrzuteilung bereitgestellt. Durch den Börsengang kann die Internet-Beteiligungsgesellschaft damit inklusive Greenshoe bis zu 1,6 Mrd. EUR einnehmen, mehr als doppelt so viel, wie das Management mal geplant hatte (750 Mio. EUR). Hochgerechnet auf das gesamte Unternehmen ergibt das eine Marktkapitalisierung von 6,5 Mrd. EUR. Zum Vergleich: die Lufthansa kommt „nur“ auf 5,9 Mrd. EUR, Zalando wird mit 5,6 Mrd. EUR bewertet.

Manchen Startups fehlt Bilanz

Die Aktien werden ab 9. Oktober im weniger streng regulierten Entry Standard gelistet. Denn einige der jungen Firmen im Portfolio von Rocket Internet können noch nicht die geforderten Bilanzen vorlegen. In eineinhalb bis zwei Jahren wolle man in den Prime Standard wechseln, wo auch der Aufstieg in die Börsenindizes möglich wäre. Denkbar scheint aber auch eine Ausnahmeregelung für den Multi, der auf Anhieb ein Schwergewicht im TecDAX-30 wäre. Besondere Situationen erfordern ggf. besondere Regeln.

Büroalltag bei Rocket Internet in Berlin. Bildquelle: Rocket Internet
Büroalltag bei Rocket Internet in Berlin. Bildquelle: Rocket Internet

Rocket Internet wurde 2007 von den Samwer-Brüdern in Berlin gegründet. Vorstandschef ist Oliver Samwer. Bekanntgeworden sind sie durch diverse Internet-Coups noch vor der Rocket-Zeit. So verkauften sie 1999 ihre deutsche Auktionsseite Alando für 43 Mio. USD an eBay. Und für den Klingelton-Anbieter Jamba kassierten sie von der US-Internetfirma Verisign 273 Mio. USD. Über ihren eigenen Fonds halten die Samwers bis zum IPO mit 52,3% die Mehrheit an Rocket Internet. Weitere Aktionäre sind die schwedische Beteiligungsgesellschaft AB Kinnevik (18,1%), der Internetkonzern United Internet (10,4%), der philippinische Telekomkonzern PLDT (8,4%), die US-Beteiligungsgesellschaft Access Industries (8,3%) und der Risikokapitalgeber HV Holzbrinck Ventures (2,5%). Vorstandschef Oliver Samwer könnte seinen Einfluss in den kommenden Jahren noch deutlich ausbauen. Nach einem Aktienoptionsplan soll er bis September 2019 bis zu 4,5 Mio. Bezugsrechte für den vergünstigen Kauf von Rocket-Internet-Aktien erhalten.

Kritiker monieren Ideenklau

Rocket Internet versteht sich als ein „Inkubator“, der jungen Startups mit Geschäftsideen im Internet beim Start hilft. Anfangs ist das Unternehmen mit 100% beteiligt, bei späteren Finanzierungsrunden wird der Anteil dann zunehmend verwässert. Derzeit hat Rocket etwa 70 Startup-Unternehmen im Portfolio. Kritiker im In- und Ausland bezeichnen diese Art Serienproduktion als „Ideenklau am laufenden Band“. „Das Geschäftsmodell von Rocket Internet beruht darauf, existierende Unternehmen zu kopieren“, kritisiert Jörg Funder, Professor für Unternehmensführung der Hochschule Worms. Der Vorteil für die Beteiligungsgesellschaft: Das Risiko hoher Anfangsverluste wird auf diese Weise eingeschränkt.

Der Startup-Geburtshelfer ist mittlerweile in 116 Ländern aktiv, hält über 1.500 Beteiligungen und beschäftigt weltweit mehr als 20.000 Mitarbeiter. Theoretisch zählen 5,4 Mrd. Menschen zur Zielgruppe der Startups von Rocket Internet. Das Angebot an Produkten und Dienstleistungen via Internet ist breit gestreut: Von Kleidung über Möbel bis zur Vermietung von Ferienwohnungen. Bekannteste Marken sind besagte Zalando und der Möbelversender Home24.

Rocket Internet AG

2011

2012

2013

2014e

Gesamtertrag*

6,7

24,3

26,0

82,5

Nettoergebnis*

50,7

378,1

147,1

180,2

EpS

0,33

2,47

0,96

1,18

KGV min.

107,2

14,4

36,9

30,2

KGV max.

128,3

17,2

44,2

36,1

*) in Mio., sämtliche Angaben in Euro; Quelle: GoingPublic Research

Die meisten Beteiligungen weisen bis 2012 steigende Umsätze und operative Verluste aus. Die 11 größten erreichten 2013 einen Umsatz von 757 Mio. EUR, es fiel aber ein hoher Verlust von 442 Mio. EUR an. Bei Home24 betrug das Minus 41,8 Mio. EUR, beim Wohnaccessoires-Anbieter Westwing waren es 41,5 Mio. EUR. Der von Rocket ausgewiesene Nettogewinn von 174 Mio. EUR im Geschäftsjahr 2013 resultiert hingegen passenderweise aus dem Verkauf einer Zalando-Beteiligung und Einkünften von assoziierten Unternehmen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es Umsätze von 47 Mio. EUR, der Fehlbetrag betrug 13,3 Mio. EUR. Mit den Vorabausschüttungen an die Aktionäre erhöht sich der Verlust auf 238,8 Mio. EUR. Anzeichen für eine Trendwende zu schwarzen Zahlen bei den Geschäften der Beteiligungen gibt es bis dato noch nicht. Das steht für die Startup-Schmiede momentan nur an zweiter Stelle: Zuerst gehe es um Wachstum und Marktanteile, betont Oliver Samwer gebetsmühlenartig, Gewinne solle es erst langfristig geben.

 Vom Wachstum in Schwellenländern profitieren

Zalando, eines der größtesten Beteiligungen von Rocket, soll bereits sein Börsendebüt am 1. Oktober über die Bühne bringen.
Zalando, eines der größtesten Beteiligungen von Rocket, soll bereits sein Börsendebüt am 1. Oktober über die Bühne bringen.

Rocket Internet will mit dem Geld aus dem Börsengang seinen Expansionskurs finanzieren. Das Management hat sich zum Ziel gesetzt, die weltweit führende Internet-Plattform außerhalb der USA und Chinas zu werden. „Wir sind überzeugt, dass Rocket eine einmalige Chance hat, am Wachstum des Internethandels in Schwellenländern teilzuhaben“, sagt Oliver Samwer. Von den Einnahmen aus dem Börsengang soll 1 Mrd. EUR dafür verwendet werden, Startup-Firmen länger zu betreuen. Der Rest soll in den weiteren Ausbau von Beteiligungen fließen. Denn bisher halten die Berliner nur kleinere Anteile von 20 bis 50%, die nicht konsolidiert werden können. Wegen begrenzter Mittel konnte Rocket nur in frühen Stadien investieren, aber bei späteren Finanzierungen nicht mehr mitziehen. Mittelfristig will Rocket nur noch Mehrheitsbeteiligungen besitzen, langfristig ist sogar geplant, bei der Gründung neuer Startups alleiniger Gesellschafter zu sein – und zu bleiben.

Fazit

Der Verkauf von Produkten und Dienstleistungen via Internet ist ein weltweiter Mega-Markt. Zusätzlicher Wachstumstreiber ist der Trend zu mobilen Endgeräten. Allerdings ist die Konkurrenz beinhart, immer mehr stationäre Händler drängen in die Netze. Wer im E-Commerce zu den drei bis vier internationalen Big Playern gehören wird, die nachhaltige Gewinne erwirtschaften, wird sich erst mittelfristig entscheiden. Mit zahlreichen innovativen Beteiligungen, die zum Teil gut in ihren Märkten aufgestellt sind, hat sich Rocket Internet eine sehr gute Ausgangsposition verschafft. Zudem besitzt das Management langjährige Erfahrung. Mit dem Zwei- bis Zweieinhalbfachen des veröffentlichten Beteiligungswertes von 2,6 Mrd. EUR erscheint die Preisspanne nicht extrem hoch. So ist es kein Wunder, dass viele Investoren geradezu euphorisch auf das IPO reagieren und das Orderbuch bereits gefüllt ist. Der Börsengang dürfte erfolgreich verlaufen, Zeichnungsgewinne sind zu erwarten.

Anleger brauchen allerdings einen langen Atem: Rocket gesteht neugegründeten Firmen sechs bis neun Jahre zu, um profitabel zu werden. Viele Investoren werden nicht so viel Geduld haben, bei schlechten Nachrichten sind stärkere Kurseinbrüche möglich. Entscheidend wird sein, ob die Samwer-Brüder weiterhin auf mehr Masse setzen oder wichtige Beteiligungen umsatzstärker und profitabel machen. Nachteilig ist, dass die Anteile zumeist unter 50% liegen. Die Aktie eignet sich für risikobereite Anleger mit langfristigem Horizont – oder schlicht und einfach als Spezialwette.

Rocket Internet AG – Emissionsparameter
WKN

A12UKK

Zeichnungsfrist

24. September bis 7. Oktober

Erstnotiz

9. Oktober

Erster Kurs

35,50 bis 42,50 EUR

MarketCap

5,4 bis 6,5 Mrd. EUR

Marktsegment

Frankfurt/Main (Entry Standard)

Emissionsprospekt

ja

Emissionsvolumen

1,34 Mrd. bis 1,61 Mrd. EUR

Konsortium

Berenberg, J.P. Morgan, Morgan Stanley, Bank of America Merrill Lynch,

Citigroup, UBS Investment Bank

Free Float

 max. 24%

 

 

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.