Tatsächlich liefen und laufen die Geschäfte besonders bei den Schlüsselunternehmen der Boombranchen hervorragend. Produktivitätsfortschritte und Produktinnovationen heizten das Umsatz- und Gewinnwachstum an, so daß Analystenschätzungen oft zur Makulatur wurden. Doch gleichzeitig stiegen die Erwartungen der Investoren ins Unermeßliche. Verwöhnt von den brillanten Zahlen der Vergangenheit, schien es keine Grenzen des Booms zu geben.

Der Wind hat jedoch seit geraumer Zeit gedreht und weht den Lieblingen von einst scharf ins Gesicht. Es waren keine Underdogs, die vor den hochgesteckten Erwartungen der Anleger kapitulieren mußten. Mega-Unternehmen wie Intel, Nortel Networks und Oracle warnten vor abflachendem Wachstum und rissen als Branchenprimus den jeweiligen Sektor in die Tiefe. Dabei wurde kein Unterschied gemacht, ob ein Unternehmen ein solides Wachstum vorweisen kann, oder nicht. Die Euphorie und Gier der Investoren sind urplötzlich in Angst umgeschlagen. Fraglich ist, warum noch vor kurzer Zeit offenbar die Meinung vorherrschte, daß die Nachfrage nach High Tech-Aktien keine Grenzen kennt.

Ein Gigant wie Cisco Systems konnte im Geschäftsjahr 1999/2000 (zum 31.07.) seinen Umsatz immerhin noch um 55 % auf 18,93 Mrd. US-$ steigern. Das Unternehmen hat damit eine Dimension erreicht, bei der zukünftig ein abflachendes Wachstum unausweichlich ist. Wenn die Umsätze des Netzwerkspezialisten im laufenden Geschäftsjahr noch um die Hälfte wachsen sollen, müßte der Konzern zusätzliche Erlöse von 9,5 Mrd. US-$ erzielen. Für die nächste Periode wären dann 14 Mrd. US-$ nötig.

Auch der kanadische Glasfaser-Multi Nortel Networks legte vor kurzem Zahlen vor. Der Gewinn lag über den Erwartungen, der Umsatz nicht. Das reichte aus, um die Marktkapitalisierung des Unternehmens innerhalb weniger Tage zu halbieren. Beim Höchststand der Nortel-Aktie von 90 US-$ machte der Wert des Hightech-Riesen fast 30 % des Börsenwerts der 30 größten kanadischen Unternehmen aus. Das war eine Bewertung jenseits von Gut und Böse, in die Nortel nicht hineinwachsen konnte. Mittlerweile notiert der Titel wieder unter 40 US-$.

Ein weiteres Opfer ist das Vorzeigeunternehmen Intel. Allein die Kürzung der Umsatzprognose um wenige Prozentpunkte reichte den von Quartalszahlen besessenen Anlegern als Grund, den Kurs der Intel-Aktie innerhalb weniger Tage um rund 50 % in die Tiefe zu stürzen. Der Erwartungsirrsinn veranlaßte das Intel-Management nun zur Tiefstapelei: Die Prognosen für das nächste Quartal wurden bewußt extrem konservativ angelegt, damit es beim nächsten Quartalszahlencheck auf jeden Fall wieder bergauf gehen kann.

Doch nicht alle haben mit dem Erwartungsdruck der Wall Street zu kämpfen. Beispiel Lucent Technologies. Der Telekomausrüster verwöhnt seine Aktionäre so regelmäßig mit Gewinn- und Umsatzwarnungen, daß diverse Hiobsbotschaften kaum noch zur Kenntnis genommen werden. Ein schwaches Management schickte den Kurs der Lucent-Aktie derart auf Talfahrt, daß es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann. Oder etwa doch?

Mit einem gewissen Maß an gesundem Menschenverstand sollte es den Börsianern einleuchten, daß ein Multimilliardenkonzern nicht mit den gleichen Raten wachsen kann wie ein Start-up. Die Akteure an den Finanzplätzen würden sich einen großen Gefallen tun, die Turbulenzen an der Nasdaq zum Anlaß zu nehmen, ihre Erwartungen wieder auf ein vertretbares Niveau zurückzuschrauben. Ansonsten geht die Achterbahnfahrt bei den High Techs munter weiter. Vielleicht sollten Börsianer zukünftig das Schlimmste erwarten. Dann können sie praktisch nur noch positiv überrascht werden. Und die Kasse würde endlich wieder klingeln.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.