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Beispiel 1:

Adolf Merckle, Pharma-Magnat aus dem Schwäbischen, hat dem Vernehmen nach mehr als 1 Mrd. EUR an der Börse verloren. Der Ratiopharm-Besitzer und HeidelCement-Großaktionär war mit Volkswagen-Aktien massiv short gegangen, was angesichts der Porsche-Optionsgeschäfte eine Idee mit begrenzter Sinnhaftigkeit war. Nun zählt Merckle zwar zu den reichsten Deutschen und gilt als mehrfacher Milliardär, doch ganz so flüssig ist man im Neun-Nullen-Bereich offenbar auch in diesen Kreisen nicht.

Womöglich müsse Merckle Ratiopharm verkaufen, heißt es, verknüpft mit der bangen Frage: Was wird dann aus den Arbeitsplätzen. So kamen die um einen Überbrückungskredit angefragten Banken auf die Idee, das Land Baden-Württemberg könnte doch eine Bürgschaft gewähren. Ja ist denn schon Weihnachten? Weil sich ein in Politik und Gesellschaft gut verdrahteter Multi-Milliardär schlicht verzockt hat, soll der Steuerzahler bürgen? Wie, mit Verlaub, realitätsfern sind Leute, die auf solche Ideen kommen? Und was ist von Politikern zu halten, die sich die Zeit nehmen, über derart Abwegiges zu beraten?

Beispiel 2:

Die Bürgschaftsanfrage der Adam Opel GmbH. Taktisch geschickt, quasi zu Beginn des Wahlkampfes in Hessen, hielt das Unternehmen Roland Koch ein Stöckchen hin, und der geschäftsführende Ministerpräsident sprang eilfertig darüber: Ein Rettungsschirm für die gesamte Branche müsse her, man könne die gesamte deutsche Automobilindustrie doch nicht vor die Wand fahren lassen. Gut: Wenn andere Länder, namentlich die USA, ihre Automobilunternehmen subventionieren, wird man auch in Deutschland nicht umhinkönnen, Hilfen zu gewähren – aber so etwas wie einen verbalen Blankoscheck zu zücken, deutet doch auf groben Verlust der Maßstäbe hin. Und das Argument, Opel sei gewissermaßen unverschuldet in Not geraten, stimmt nicht ganz: Wer jahrelang einen Wackeldackel auf Rädern wie den Vectra anbietet, muss sich nicht wundern, wenn die Nachfrage sinkt.

Also:

Die Wirtschaft wäre gut beraten, wenn sie weniger häufig und weniger laut nach dem Staat rufen würde, und die derart geschmeichelten Politiker sollten nicht in Allmachts-Phantasien abschweifen, als könne der Staat den Markt ersetzen. Zur Gedankenwelt John Maynard Keynes gehört im Übrigen auch, dass mikrookönomisch sinnvolles Vorgehen (Opel retten) makroökonomisch völlig falsch sein kann. Diese Einsicht sollte wieder mehr in den Vordergrund rücken, bevor die Rettungsschirm-Inflation vollends galoppiert.

Stefan Preuß

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