Krankheitstage sollten mit Urlaubsanspruch verrechnet werden, forderte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Pro fünf Krankheitstage könnte ein Urlaubstag gestrichen werden, schwebt dem Mann vor. Schon strecken die Nachahmer die Finger laut schnipsend in die Höhe: Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, möchte Hand an diverse Sonderregelungen anlegen, etwa Extra-Urlaub für Umzüge, Beerdigungen oder Hochzeiten.

Und dann scheint Weihnachten dem Mann des Handels irgendwie ein Dorn im Auge zu sein. Wenn durch Ausnutzen von Brückentagen Arbeitnehmer unter Einsatz von wenigen Urlaubstagen lange Zeiten der Abwesenheit erlangen, müßten die Feiertage ebenfalls angerechnet werden. Bei so viel Schlichtheit bleibt nur festzustellen: Von Verbänden und Kammern ist bei der Lösung anstehender Umbrüche offensichtlich nicht wirklich Hilfe zu erwarten. Jedenfalls nicht von Handwerkern und Handelsmenschen.

Deutschland, einig Land der Blaumacher? Der historisch niedrige Krankenstand spricht eine andere Sprache. Das wissen auch Kentzler und Pellengahr? Warum also diese Vorschläge, die Deutschland in die sozialpolitische Steinzeit zurückwerfen würden? Und was kommt als nächstes, wenn das Sommerloch erst einmal da ist? Der Ruf nach Wegfall der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Wegfall aller Feiertage? Urlaub nur noch auf Rezept? Wegfall der Vergütung für Auszubildende, die bald wieder Lehrlinge heißen? Schließlich die Forderung nach Einführung der Kinderarbeit?

Diese öffentlichen Diskussionen um gerechtfertigte oder überholte Sozialstandards sind, frei nach Lichtenberg, so sinnvoll wie ein Messer ohne Schneide, an denen der Griff fehlt. Wenn die Herren Handlungsbedarf sehen, könnten sie ihre Vorstellungen ja zielführend in die Verhandlungen der Tarifpartner einbringen. Der Gang in die Öffentlichkeit mit halbgaren Gedanken schmeichelt weder dem intellektuellen Standing der Verbandsvertreter noch hat es irgendeinen Nutzen. Denn er verunsichert die Menschen weiter. Die verschieben dann den nächsten größeren Einkauf oder die fällige Renovierung des Bades. Das ist das eigentliche Problem. Und nicht der Krankenstand.

Stefan Preuß

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