Mit Feuer spielen macht nun mal Spaß. Und so verwundert es doch eher wenig, daß die Schmerzen der letzten Verbrennungen – herrührend aus den Jahren 2000, 2001 und 2002 – schon wieder vergessen sind. Nennen wir es „normal“. Die Sehnsucht danach, die im Jahr 2000 abrupt beendete Party wieder fortzusetzen, ist nach wie vor im Markt vorhanden. Oder anders ausgedrückt: Die Schmerzen (durch die Kursverluste) waren längst noch nicht groß genug. Drei Jahre mit fallenden Kursen sind offenbar doch noch zu wenig, um den Stall gründlich auszumisten. In einigen Nischen gibt es immer noch Verstecke.

Lassen wir mal die Metaphern beiseite, so finden wir gleich sechs Dax-Unternehmen auf der Liste der größten Kapitalvernichter 2003. Dies sind, in der Reihenfolge ihrer Schlechtigkeit, Allianz, Münchener Rück, HypoVereinsbank, TUI, Deutsche Telekom und Bayer. Doch diese Aktien haben nicht nur Werte vernichtet, das ist das absurde. Ein Basket aus diesen sechs Aktien, relativ am Tiefpunkt der kritischen Märzwochen 2003 gekauft, hätte den Dax (ohnehin vorne dabei seit dem März-Tief) outperformt. Dies führt fatalerweise bei Aktionären zu einer Verfestigung der Annahme, daß diejenigen Papiere am meisten zulegen, die zuvor am massivsten eingebrochen waren. Genau deshalb ist die Zeit des Leidens von drei Jahren auch viel zu kurz, um mit dieser gefährlichen Einstellung aufzuräumen. Es sei an den Bärenmarkt von 1966 bis 1982 erinnert, wo man mit dieser Strategie kompletten Schiffbruch erleiden mußte. Von daher dürfen bzw. müssen wir davon ausgehen, daß das Gejammer, sollte es einen scharfen Einbruch an den Märkten geben, über erlittene Kursverluste – vor allem natürlich im anfälligen High-Tech-Bereich – kaum bekannte, vor allem aber überflüssige Ausmaße annehmen dürfte.

An Position 8 findet man beispielsweise eine Articon-Integralis, weiter hinten auch Augusta oder PSI. Allein dreien ist gemeinsam, daß sie schon 2002 auf der Vernichter-Liste gestanden hatten, im letzten Jahr aber mindestens 100 % zulegten, im Fall von PSI sogar eine Verdreifachung im Aktienkurs an den Tag legten. Plambeck und Intershop rangieren auf den Plätzen 2 und 3 – leider war deren Aktionären keine Kursverdopplung mehr vergönnt, ebenso wenig wie denjenigen von EM.TV. Nicht alles, was scharf einbricht, steigt also auch wieder, vielmehr sollte das die Ausnahme sein. Selten bricht etwas ohne Grund zusammen. Gerade EM.TV und Intershop waren Lieblinge des Neuen Marktes. Sie haben viele Anleger glücklich gemacht – bis auf Widerruf. Wer den nicht gehört hat, ist jetzt genau so weit wie vorher. Aber hoffentlich doch etwas klüger. Zu konfus? Richtig. Das ist die Börse.

Die GoingPublic Kolumne erscheint zweimal wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.
 

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