Die gute, alte Tante Übertreibung hat ihren zweiten Wohnsitz an der Börse. Als der DAX vor einigen Jahren bei knapp über 2000 Punkten stand und der geneigte Anleger eine Allianz in großen Mengen für 48,75 € kaufen konnte, herrschte abgrundtiefer, absolut übertriebener Pessimismus. Heute nimmt der Index Anlauf auf die 7.000 Punkte, und die meisten Markteinschätzungen gehen von kurzfristig vielleicht seitwärts tendierenden Kursen aus, generell aber zeige die Richtung weiter nach Norden.

Irgendwie wiederholt sich Geschichte an der Börse, und dies in recht kurzen Zyklen: Geht es bergab, werden positive Signale und Entwicklungen ignoriert, geht es bergauf, übersieht das Heer auf der Käuferseite gerne und lang anhaltend aufziehende Risiken. Jede Fahnenstange aber ist endlich, und angesichts der mittlerweile ambitionierten Bewertungen drohen Enttäuschungen.

Das Thema Vogelgrippe scheint im Moment niemanden zu beunruhigen, obwohl die Einschläge deutlich vernehmbar näher rücken. Der größte europäische Truthahn-Mastbetrieb muss derzeit ohne Truthähne auskommen, nachdem 3.000 Tiere H5N1 anheim gefallen sind und der große Rest dem britischen Anti-Seuchen-Kommando. Entlockt derzeit nur ein Achselzucken. Der Ölpreis kratzt wieder an der Marke von 60 US-$, obwohl die Spekulanten weitgehend aus dem Markt sind. Na und? Die Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen oberhalb von sechs Prozent. Auch wenn die Abschlüsse darunter liegen werden – erhebliche Kostensteigerungen sind unausweichlich. Wen interessiert das schon? Weiter steigende Zinsen, die Reformunfähigkeit der Regierung, alles wird derzeit ausgeblendet, und das bei einem Wirtschaftswachstum von vielleicht zwei Prozent.

Die Anzeichen mehren sich, dass die Übertreibung in ihr Appartement im Handelssaal eingezogen ist. Am Ende nämlich wird der Trend zum falschen Freund.

Stefan Preuß