Was die gegenwärtige Finanzkrise angeht, so habe ich zwei Szenarien in meinem Kopf, die gerade heftig gegeneinander streiten.

(1) Ich bin zuversichtlich, dass das Ausmaß der finanziellen Schieflagen nicht so groß ist, wie gegenwärtig vermutet. In den Medien kursieren Zahlen, die durchaus übertrieben sein können, denn hier werden alle strukturierten Wertpapiere als „toxisch“ bezeichnet und als hundertprozentiger Abschreibungsbedarf gesehen.

Gegen diese Sichtweise sind einige gute Gründe einzubringen: So ist selbst der schlimmste „Giftmüll“ nicht wertlos. Es gibt durchaus Studien, die aufzeigen, dass alle immobiliengesicherten US-Papiere im Schnitt noch über 80% des Nennwertes verbriefen. Diese sind nur im Moment nicht handelbar, weil niemand sich traut, sie zu kaufen.

In diesem Szenario verläuft es mit der Marktbewertung also wie in einer Excel-Tabelle, bei der man in jede Formel einen nicht definierten Wert einfügt. Im Resultat ergibt sich dann, dass alle Berechnungen als „undefiniert“ gekennzeichnet sind und das maximal mögliche Chaos angerichtet ist. Obwohl doch nur einer oder wenige Parameter Probleme aufweisen.

Schaue ich mir die Zahlen an, die beispielsweise „Der Spiegel“ in seiner Ausgabe Nr. 5 dieses Jahres über den Staatsbankrott veröffentlicht hat, so nährt dies meine These (1): Denn hier wird einerseits der Abschreibungsbedarf der deutschen Banken insgesamt mit 1.000 Mrd. Euro angegeben. Andererseits jedoch liest man im selben Artikel, dass der Bestand aller Wertpapiere, die an privat genutzte Immobilien geknüpft sind, „nur“ 101,9 Mrd. Euro ausmachen, von denen bisher 28 % abgeschrieben sind. Hier passt also durchaus etwas nicht zusammen.

(2) Im zweiten Szenario hingegen bin ich pessimistisch wie ein Rabe. In der Krise 2000 bis 2003 ist der Dax von 8.000 Punkten auf 2.200 Punkte gefallen – und das alles ohne Wirtschaftsschrumpfung, ohne Finanzkrise, ohne Kreditknappheit, ohne alles. Dagegen sind die heutigen Kurse von über 4.000 Punkten eigentlich reiner Luxus.

Hinzu kommt: Wenn sich die Kreditausfälle tatsächlich so darstellen, wie sie gegenwärtig behauptet werden, stellt sich die ernste Frage, wie das unsere Volkswirtschaften verkraften sollen. Wie können die Banken anlässlich derartiger Ausmaße überhaupt noch Kredite vergeben? Wer wird überhaupt noch etwas hergeben? Bleiben wir dann nicht so in unserem Sicherungsstreben gefangen, dass es einen ganz herben Einbruch geben muss?

Mein Optimismus speist sich also aus der Tatsache, dass das, was in den Medien zu hören und zu lesen ist, wie in vergleichbaren Phasen der Geschichte auch, einfach Schwachsinn darstellt. Alle reden nur von „Giftmüll“ und jeder plappert nach, was der andere vorgeplappert hat. Aber niemand weiß etwas Genaues. Erst das Waldsterben, dann die Klimakatastrophe und jetzt der Untergang der Finanzen.

Sollte jedoch richtig sein, was geschrieben wird, dann begreife ich nicht, dass wir noch so vergleichsweise gut stehen. Aber vielleicht ist das ja nur mein persönliches Problem. Oder es ist mittlerweile einfach zur Normalität geworden, dass die Menschen nichts mehr auf Plausibilität hinterfragen und sowieso nicht einmal sich selbst mehr glauben.

Bernd Niquet

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