Der Ablauf der Kommunikations-GAUs ist im Allgemeinen gleich: Es wird zu spät und unvollständig informiert, wobei der Satz, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für Mensch und Umwelt bestanden habe, stets zu früh fällt, zumeist bereits, wenn noch nicht einmal Zwischenergebnisse irgendwelcher Untersuchungen vorliegen. Man muss noch nicht einmal auf Seveso, Bhopal, Three Mile Island, Forsmark oder Sellafield verweisen. Auch hierzulande sorgt die Fügung der spärlichen Wörter eigentlich immer für eine Hemmnis des Verstands, wenn es in der Raffinerie zischt, im Chemiewerk verpufft oder im Kernkraftwerk kokelt und schmilzt.

Die Vorgänge in Krümmel und Brunsbüttel und die dazugehörige Kommunikation passen da voll ins Schema. Schwer verdauliche Schwedenhappen sozusagen. Nun ist am Aktienkurs wenig abzulesen, da Vattenfall Europe ausgesqueezt ist und Vattenfall AB zu 100 % dem schwedischen Staat gehört. Wie sehr unsachgemäße Kommunikation selbst einem sehr großen Unternehmen zu schaffen machen kann beweist immer noch der Fall der zur Versenkung vorgesehene Bohrinsel Brent Spar am eindrücklichsten, als Shell die öffentliche Meinung mit einer Mischung aus Arroganz und Dilettantismus geradezu lehrbuchmäßig gegen sich aufbrachte und in der Folge vor allem im Vereinigten Königreich erhebliche Umsatzeinbußen gegenwärtigen musste.

Bis zum nächsten Unglück oder der nächsten Beinahe-Katastrophe ist es nur eine Frage der Zeit, und mit jedem Vorgang à la Vattenfall wird die Kommunikationsaufgabe schwieriger. Denn nach den bisherigen Erfahrungen ist der geneigte Beobachter immer weniger bereit, Unternehmen zu glauben. Das gilt im übrigen auch für Aufsichtsbehörden. Dass die Vattenfall-Europe-Führung nicht den Hauch einer Ahnung von der kernigen Wirkung ihrer Kommunikation besitzt wurde bei der dienstäglichen Pressekonferenz deutlich. Vorstand Klaus Rauscher kritisierte Kernkraftgegner, die Vorfälle wie in Krümmel dazu nutzen würden, die Technik zu diskreditieren und Stimmung gegen Laufzeitverlängerungen zu betreiben. Welch eine demagogische Umkehrung der Tatsachen: Niemand fügt derzeit dem Ansehen der Kernkraft in Deutschland mehr Schaden zu als Vattenfall.

Bleibt für Anleger, die in Unternehmen potenziell gefährdeter Branchen wie Chemie, Energie, Öl oder Pharma investiert sind nur zu wünschen, dass deren Kommunikationsabteilungen besser vorbereitet sind. Sonst kann es schnell schon mal ein paar schmerzhafte Prozente runtergehen. Denn Unfälle sind in unserer hoch technologisierten Welt nie auszuschließen, und sie werden mehr oder weniger stillschweigend in Kauf genommen und akzeptiert. Was aber in Zeiten der schnellen Medien und Blogs nicht akzeptiert wird ist die unprofessionelle Information darüber.

Stefan Preuß