Damit lebt eine bei deutschen Konzernen weit verbreitete Unsitte fort: der nahtlose Wechsel vom Vorstandsvorsitz in den Aufsichtsratsvorsitz. Münchner Rück, BMW, ThyssenKrupp und nun die Post sind nur einige Beispiele. Es nimmt nicht Wunder, dass auch die von Skandalen geplagten Konzerne VW und Siemens es genauso gemacht haben. Ferdinand Piech ist nach dem Wechsel sogar noch mächtiger geworden und lässt die Marionetten im Vorstand nach seiner Pfeife tanzen.

Für die betroffenen Topmanager hat die Lösung ihren Charme: Anstatt in die Bedeutungslosigkeit zu fallen, können Macht und Einfluss als vermeintlicher Chefkontrolleur zumindest noch teilweise konserviert werden. Doch wie soll diese Art von Kontrolle durch die Grauen Eminenzen funktionieren? Die ehemaligen CEOs müssen im neuen Amt genau denjenigen Vorständen und Führungskräften, mit denen sie gerade noch eng zusammengearbeitet haben, nun genau auf die Finger schauen, oder ihnen womöglich sogar auf dieselben schlagen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das funktionieren kann. Im Fall Siemens ist es gewaltig daneben gegangen.

Im Grunde ist das deutsche Unternehmensverfassungs-Modell mit Vorstand und Aufsichtsrat mustergültig. Es war ein gute Idee, in Aktiengesellschaften die operative Führung und die Kontrolle in zwei getrennten Gremien zu verankern. Doch die hehre Idee wird von der unschönen Praxis leider ad absurdum geführt. Und das obwohl der Deutsche Corporate Governance Kodex, jene Sammlung von Empfehlungen für gute und verantwortungsvolle Unternehmensführung, ausdrücklich davon abrät, direkt aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat zu wechseln.

Der Kodex enthält zwar nur Empfehlungen, was Unternehmen tun oder lassen sollten. Doch es gab vor nicht langer Zeit schon einen Fall, in dem der Gesetzgeber eingegriffen hat: Weil die Unternehmen die Bezüge ihrer Vorstände nicht offen legen wollten, wurden sie kurzer Hand aus Berlin per Dekret dazu verpflichtet. Erste Rufe, auch den direkten Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat zu verbieten sind schon laut geworden. Die Unternehmen wären deswegen gut beraten, wenn sie mit dieser Unsitte selbst brechen würden.

Peter Mair