Mit der Übernahme von DHL versucht Zumwinkel, die große Schwachstelle des ehemaligen Staatsbetriebes zu beheben: Das Briefgeschäft, das im vergangenen Jahr 95 % des Gewinns von gut 1 Mrd. Euro erwirtschaftete, wirft zwar derzeit noch eine Umsatzrendite von 10 % ab. Die fetten Zeiten sind jedoch spätestens dann vorbei, wenn das Briefmonopol endgültig fällt. Darüber hinaus wird angesichts der zunehmenden Verbreitung des Internets die konventionelle Briefzustellung via Postbote in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zugunsten von eMail, SMS und anderer elektronischer Übermittlungsformen immer weiter zurückgehen. Aus diesem Grund sollen die drei Sparten Express, Logistik und Finanzen binnen fünf Jahren bereits 50 % der Gewinne erwirtschaften. Dies ist nur möglich, wenn neben zügigen inneren Reformen profitable Unternehmen wie DHL zugekauft werden. Ob sich diese so ohne weiteres in den schwerfälligen Koloß integieren lassen, bleibt zunächst abzuwarten.

Bereits am 29. September soll der Take-off der „Aktie Gelb“ eingeleitet werden. Die dann verkündeten Halbjahreszahlen werden im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auch für die Zukunft enorme Steigerungsraten verheißen. Mit einer Enttäuschung ist nicht zu rechnen, denn nur mit einer Wachstumsstory läßt sich ein gutes Pricing erzielen. Dies hat offenbar auch Medienmanager Christoph Gottschalk erkannt. Daher versucht er in den Werbespots der Post, seinen zwar bekanntermaßen geschäftstüchtigen, aber in Börsenfragen sichtlich unerfahrenen Bruder Thomas über die Chancen des Logistikmarktes aufzuklären. Hinter der 50 Mio. Euro verschlingenden Werbekampagne steht eine ganz kühle Kalkulation: Die umtriebigen Postler sind derzeit sehr bemüht, mit der Übernahme von DHL und ihrem neuen Brand-Name „Deutsche Post World Net“ ihr verstaubtes Image endgültig abzulegen und sich etwas im Glanze erfolgreicher Logistik-Unternehmen wie Thiel Logistik und D.Logistics zu sonnen. Nur so lassen sich bei den Anlegern die angepeilten 5 – 10 Mrd. Euro für das IPO lockermachen.

Daß sich für den „Gelben Riesen“ eine auch nur annähernd hohe Bewertung erzielen läßt wie bei den Logistikern des Neuen Marktes, ist jedoch auszuschließen. Auch Siemens ist ein High Tech-Unternehmen, weist im Vergleich zu vielen Technologie-Unternehmen des Neuen Marktes eine recht bodenständige Bewertung auf. Dennoch werden sich von der jetzt mit immensem Werbeaufwand verbreiteten Euphorie auch wieder eine ganze Menge Privatanleger anstecken lassen. Das Gedächtnis der meisten Anleger ist eben kurz, und die vollmundigen Versprechungen eines Ron Sommer, das Schwesterunternehmen Deutsche Telekom zu einem „Global Player“ auszubauen, wahrscheinlich schon wieder zu lange her. Viel mehr als die beabsichtigte Übernahme des US-Mobilfunkers Voice Stream ist jedenfalls bei der Internationalisierungsstrategie der Telekom bisher nicht herausgekommen, der große Coup läßt noch auf sich warten.

                                                                        

Immerhin hat Zumwinkel bisher keine unrealistischen Versprechen gemacht – ganz im Gegensatz zum Telekom-Chef. Gerade mit dem Kauf von DHL hat der oberste Postkutscher schon vor dem Börsengang gezeigt, wozu er in der Lage ist. Für die weitere Expansion des ehemaligen Staatsunternehmens in fremde Gefilde ist ihm nichts zu teuer. Weitere Mittel, um die Einkaufstour fortzusetzen, wird der Börsengang in die Kasse spülen. Die ehemalige „Schneckenpost“ lernt damit langsam das Laufen. Ob dies allerdings für langfristige Kurssteigerungen ausreicht, muß sich erst noch zeigen. Und wer weiß, vielleicht bringt die Post ja bald noch ihre Tochtergesellschaft Postbank an die Börse. Dann gibt es nach der „rosa“ und der „gelben“ auch noch eine „blaue“ Aktie!

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.