So zeigte sich der Kapitalmarkt 2010 als zuverlässiger und sogar für mittelständische Unternehmen wieder gangbarer Weg für eine Wachstumsfinanzierung in der Aufschwungphase. Nach einer fast zweijährigen Pause öffnete sich im Frühjahr wieder das Fenster für Börseneinführungen, das Kabel Deutschland, Tom Tailor oder Brenntag sehr erfolgreich nutzten. Bis zum Stichtag 6. Dezember konnten nach unseren Recherchen insgesamt 15 Emittenten erfolgreich einen Börsengang realisieren und dabei rund 2,7 Mrd. EUR über den Kapitalmarkt einsammeln.

Erstzeichner, die bei diesen Emissionen zum Zuge kamen, erzielten bei ausgewählten Neuemissionen beachtliche zweistellige Kursgewinne (Kabel Deutschland über 60%, Brenntag über 45%, Ströer über 24% oder Kinghero über 56%). Im Schnitt lag die IPO-Performance bei allen Emissionen bei plus 10%, worunter die vier PE-finanzierten IPOs die höchsten Kurssteigerungen aufweisen. Im Vergleich zum Gesamtmarkt relativiert sich diese Performance, da der DAX bis zum heutigen Stichtag eine Wertsteigerung von rund 17% erzielen konnte. Auch die Performance in den Small- und Mid-Cap-Indizes fiel erfreulich aus. So konnte der MDAX in diesem Jahr eine Wertsteigerung von rund 30% und der SDAX sogar von über 37% erzielen.

Diese Konstellation stimmt uns für das kommende Jahr 2011 sehr zuversichtlich, dass auch wieder klassische mittelständische Unternehmen im Fokus von IPO-Investoren stehen werden. Zugleich liegt auch unsere Erwartung darin, dass auch wieder deutsche Anleger, sowohl Privatanleger wie auch institutionelle Investoren, den Mut fassen, Neuemissionen zu zeichnen und den IPO-Markt nicht ausschließlich angelsächsischen Investoren überlassen. Positiv stimmt uns auch, dass auf globaler Ebene das Jahr 2010 ein Rekordjahr für IPOs mit über 300 Mrd. USD Emissionsvolumen und den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2007 übertreffen wird. Haupttreiber dieses Booms sind wie bereits in den letzten zwei Jahren die aufstrebenden Schwellenländer – allen voran China.

Im Sommer 2010 eröffnete sich eine bisher unbekannte Alternative in der Fremdfinanzierung über den öffentlichen Kapitalmarkt für mittelständische Unternehmen. Die Gründung von bondm an der Stuttgarter Börse, als Kapitalmarktalternative für Fremdkapital, entwickelte sich in den wenigen Monaten seit Bestehen zu einer funktionierenden Primär- und Sekundärmarktplattform. Bis Ende dieses Jahres werden voraussichtlich acht Unternehmen mit einem Gesamtemissionsvolumen von über 750 Mio. EUR notieren. Diese Idee der Fremdkapitalaufnahme über den öffentlichen Kapitalmarkt trifft den Nerv der Zeit. Dies belegen die aktuellen Bemühungen der Börsen Frankfurt, München und Düsseldorf, ein ähnlich strukturiertes Börsensegment mit Fokus mittelständischer Emittenten und Privatanleger anzubieten.

Das Nachkrisenjahr 2010 lässt Emittenten wieder realistischer über die Option eines Kapitalmarktgangs nachdenken. Schließlich wurden über Börseneinführungen und Barkapitalerhöhungen immerhin 20 Mrd. EUR und über inländische Unternehmensanleihen bis Ende Oktober 47 Mrd. EUR aufgenommen. So sind die Optionen für eine alternative oder ergänzende Mittelaufnahme im Fremdkapitalbereich im Rahmen eines „IBOs“ (Initial Bond Offering) für mittelständische Unternehmen genauso realistisch geworden wie ein „IPO“. Mit dieser Ausgangslage schauen wir optimistisch auf 2011.

Von Prof. Dr. Wolfgang Blättchen

Ursprünglich erschienen im GoingPublic Magazin 01/2011.