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Es gibt eine gängige Theorie, die behauptet, aus der gemessenen aktuellen Markstimmung Kursentwicklungen der Zukunft ableiten zu können. Wären die Markteilnehmer beispielsweise überwiegend negativ eingestellt, so heißt es, dann bedeute dies, dass sie ihre Positionen bereits verkauft hätten und somit Raum für zukünftige Kursanstiege bestehe. Et vice versa bei optimistischer Grundeinstellung.

Doch ist es überhaupt möglich, die Marktstimmung zu messen? Wenn bei jedem Umsatz ein Käufer, der optimistisch ist, und ein Verkäufer, der pessimistisch ist, aufeinander treffen, dann muss die Markstimmung, also die Stimmung derjenigen, die am Markt handeln beziehungsweise für dortige Handlungen bereit stehen, definitionsgemäß stets ausgeglichen sein. Das ist schließlich die große Leistung des Marktes, dass er die Stimmung zwischen den Optimisten und Pessimisten stets in Übereinstimmung bringt.

Und wie bewerkstelligt der Markt diesen ständigen Ausgleich? Eben durch die Kursveränderungen der Aktien. Sollte beispielsweise für einen winzigen Moment der Optimismus über den Pessimismus ansteigen, vereinfacht ausgedrückt also ein Optimist neu hinzugekommen und dadurch mehr Zuversicht da sein als Pessimismus, dann wird dieser neue Optimist natürlich handeln und damit den Kurs der betreffenden Aktien so weit in die Höhe treiben, bis der übersteigende Optimismus abgebaut und wieder das Gleichgewicht hergestellt ist.

Der Stimmung der Marktteilnehmer muss also zu jedem Zeitpunkt, an dem gerade ein Handel stattgefunden hat, ausgeglichen sein. Hier Befragungen durchzuführen, ist somit völlig sinnlos, schließlich sind nur zwei mögliche Ergebnisse denkbar: Entweder sie zeigen die Übereinstimmung der optimistischen und der pessimistischen Einschätzungen auf, also für beide Seiten einen Anteil von 50 Prozent. Dann sind sie richtig, gleichzeitig aber sinnlos und informationsleer. Oder aber sie weisen ein anderes Ergebnis auf. Dann mögen sie zwar möglicherweise spektakulär anmuten und eine hohe Aufmerksamkeit auf sich ziehen, erweisen sich dann jedoch mit Sicherheit als falsch.

Doch was ist nun, wenn beispielsweise im Zuge einer großen Hausse plötzlich neue Gruppen von Menschen zum Aktienmarkt drängen? Müsste man dann nicht tatsächlich von einem um sich greifenden Optimismus sprechen? Auf den ersten Blick mag das tatsächlich so scheinen, doch bei näherer Betrachtung erweist sich auch dieser offensichtliche Eindruck als falsch. Denn Fakt ist, dass – bei Abstraktion von Neuemissionen und Aktienrückkäufen seitens der Unternehmen – die neuen Käuferschichten immer nur dadurch zu Aktienbesitzern werden können, indem gleichzeitig andere, die bis dahin Aktien gehalten haben, sich von diesen Aktien trennen. Sie werden das jedoch nur dann tun, wenn die Aktienkurse so weit angestiegen sind, bis ihr Optimismus ausgeschöpft ist und sie glauben, dass die Kurse nun weit genug angestiegen sind und folglich demnächst wieder fallen werden.

Der „Zustrom“ von neuen Optimisten als Käufer an die Börse bewirkt also, dass die Kurse steigen und dadurch eine bestimmte Anzahl bisheriger Optimisten nun zu Pessimisten werden. Die neuen Käufer können überhaupt nur dadurch kaufen, indem sie die Kurse so weit nach oben treiben, bis diejenigen, die vorher zuversichtlich waren, jetzt nicht mehr an weitere Kursgewinne denken, sondern nun eher wieder fallende Kurse erwarten, weil das Kursniveau so weit gestiegen ist und sie auf dieser Basis nun wieder skeptisch werden.

Im Endeffekt schafft der Markt es also auch in diesem Fall, durch Kursveränderungen das Gleichgewicht zwischen Optimismus und Pessimismus wieder herzustellen. Wenn in der Öffentlichkeit also immer wieder als Erkenntnis verkauft wird, „die“ Anleger seien gerade in der Summe optimistisch oder pessimistisch eingestellt, so stellt dies in Wirklichkeit nichts anderes dar als die Publikation eines Messfehlers. Dem zwangsweisen Gleichgewicht von Käufern und Verkäufern – sowie potentiellen Käufern und potentiellen Verkäufern – ist in keinem Fall zu entkommen.

Bernd Niquet

Die GoingPublic Kolumne ist ein Service des GoingPublic Magazins, Deutschlands großem Kapitalmarktmagazin. Bezogen werden kann das Magazin unter www.goingpublic.de. GoingPublic ist allein für die Inhalte der Kolumne verantwortlich. Informationen zu einzelnen Unternehmen stellen keine Aufforderung zum Kauf bzw. Verkauf von Aktien dar. Die Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.