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Führende Investmentbanker wie Rolf E. Breuer, Chef der Deutschen Bank und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse AG, der ja gerade erst selbst schmerzhafte Erfahrungen mit der gescheiterten Bankenehe zwischen seinem Institut und der Dresdner Bank machen mußte, zeigen sich hocherfreut über die weitreichende strategische Bedeutung dieses Deals.

Kritsche Stimmen wie die des Präsidenten der Landeszentralbank Hessen, Hans Reckers, der es als „bittere Pille“ bezeichnete, daß die neue Börsenholding von London aus geführt werden soll, verstummen anläßlich der offiziellen Laudatien. Insbesondere der maßgebliche Initiator und designierte CEO der neuen Superbörse, Werner G. Seifert, läßt keine Gelegenheit aus, sein Werk über den grünen Klee zu loben. Auch von britischer Seite sind die Kritiker verstummt, seit feststeht, daß das Unternehmen seinen Sitz in London haben soll und darüber hinaus der Juniorpartner zum gleichwertigen Senior aufgewertet wird.

Indes bleiben einige wichtige Punkte bei der geplanten Fusion ungeklärt. Die Probleme fangen bei so einfachen Dingen wie den Namensrechten an – unter dem Namen „iX“ erscheint im Heinz Heise Verlag bereits eine Computerzeitschrift – und hören bei recht komplizierten Sachverhalten wie Zulassungsregelungen, Börsenaufsicht und Abwicklungsmodalitäten auf. Bisher haben sich die Fusionspartner z.B. noch nicht darauf geeinigt, die Aktien in Euro oder in Pfund zu handeln. Dies spielt allerdings eine nicht zu unterschätzende Rolle, schließlich ist das Pfund nicht im Europäischen Währungssystem. Anleger aus Euroland müßten daher ein nicht unbeträchtliches Währungsrisiko in Kauf nehmen. Umgekehrt gilt dies natürlich auch für britische Anleger, falls man sich für den Euro als Handelswährung entschließen sollte.

Eine weitere bisher noch nicht geklärte Frage betrifft die Börsenindizes: Sollen die bisherigen Indizes für den jeweiligen Heimatmarkt, also DAX und Footsie, beibehalten werden? Wenn nicht, wie sollen institutionelle Anleger verfahren, die sich in der Regel an solchen Indizes als Benchmark ausrichten? Weiterhin steht die Wahl einer geeigneten Benchmarkfamilie für das gesamte Aktienuniversum von „iX“ zur Debatte: Während die Angelsachsen ihre Anlageentscheidung traditionell eher an Indizes aus dem Hause der Financial Times (FTSE) oder von Standard & Poor´s (FT S&P) ausrichten, lehnen sich die Kontinentaleuropäer lieber an Indizes von Morgan Stanley (MSCI-Universum) oder Dow Jones (STOXX-Familie) an. Dies führte noch vor gar nicht allzu langer Zeit zu einem vielbeachteten Wettstreit der Indexanbieter, der von den Börsen in Frankfurt und London nach Kräften unterstützt wurde.

Völlig ungeklärt ist auch noch die Frage der Börsenaufsicht. Hier verläßt man sich offenbar auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes sowie auf den Einfluß der angloamerikanischen Investmenthäuser, die im Board von „iX“ den Ton angeben werden. Es erscheint jedoch sehr mutig, davon auszugehen, daß Großbritannien und Deutschland im Rahmen bilateraler Vereinbarungen innerhalb kürzester Zeit die erforderlichen Bestimmungen über Aufsicht, Zulassung und Handel harmoniseren können. Vielmehr zeigt die geplante Fusion auf, daß die Wertpapiermärkte wieder einmal selbst der Vorreiter für erforderliche Harmonisierungen innerhalb der EU sind.

Die wahrscheinlich größte Schwäche der Fusion ist jedoch, daß der wichtige Bereich des Clearing außen vor gelassen wurde, um eine Fusion unter Gleichen zu ermöglichen. Mit dem Zusammenschluß von Clearstream (Deutsche Börse) und Crest (Londoner Börse) wären die Voraussetzungen für eine wirklich einheitliche Handels- und Abwicklungsplattform gegeben, die Einsparungen in Milliardenhöhe ermöglichen könnten. Experten erwarten hier ein Einsparpotential von bis zu 1 Mrd. US-$ jährlich. Über kurz oder lang sollte es unter dem Druck der Marktteilnehmer jedoch zu einer Einigung kommen. Es stellt sich also die einfache Frage: Warum nicht gleich so?

Insgesamt gesehen ist der Zusammenschluß der beiden größten Börsen Europas sicher der richtige Weg zu einer Bereinigung der zersplitterten europäischen Börsenlandschaft. Auch der Beitritt der Börsen Paris, Brüssel und Amsterdam, die sich bereits vor einiger Zeit zu „Euronext“ zusammengeschlossen haben, wäre sicher begrüßenswert. Allerdings sollte man auf Seiten der Fusionsparteien mehr auf die Zweckmäßigkeit achten und machtpolitische Interessen in den Hintergrund stellen. Momentan drängt sich jedoch der Verdacht auf, daß es bei dieser Fusion eher um persönliche Motive geht denn um die Interessen der Anleger – die grünblaue Beraterbank läßt grüßen!

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.