Die London Stock Exchange (LSE) hat den Zusammenschluß der beiden ungleichen „Partner“ zur Super-Börse iX wohl endgültig abgeblasen. Offizielle Begründung dieser seit einigen Tagen nicht mehr ganz neuen Gerüchte: Die Londoner könnten sich nicht auf die Abwehr der Offerte aus Schweden und gleichzeitig auf den Zusammenschluß mit der Deutschen Börse konzentrieren. Vor wenigen Tagen wurden die Briten von einem Angebot der schwedischen OM Gruppen überrascht, die nunmehr ebenfalls im Konzert der Großen mitmischen wollen. Die Skandinavier verfolgen damit ihrerseits Pläne, mittels Fusion oder Übernahme zu einem wichtigen Börsenplatz in Europa zu avancieren.

Auf deutscher Seite zeigte man sich überrascht – und vordergründig enttäuscht. Schließlich hatten sich die strategischen Positionen zuletzt mehr und mehr verschoben. Zusammen mit den befreundeten Handelsplätzen im Mittelmeerraum (Madrid, Mailand) und der US-High-Tech-Börse Nasdaq wird zukünftig eine Übernahme die erste und sicherlich auch beste Option sein. Entgegen anders lautenden Darstellungen verfolgen auch die Amerikaner nach wie vor dahingehende Interessen, auf dem Börsenkarussell in Europa kräftig mitzumischen. Dabei kommen allerdings sowohl London als auch Frankfurt in Betracht – verprellen möchte man keinen der beiden (potentiellen) Partner, solange nicht sicher scheint, wer am Ende die stärkere Position haben und damit die bessere Wahl sein wird.

Eine Fusion Deutsche Börse/London Stock Exchange ist jedenfalls nach den bisherigen Querelen – zumindest für dieses Jahr – vom Tisch. Die Schweden bohrten in der offenen Wunde der Briten, in dem sie anmerkten, daß die iX-Geschichte „ohnehin eine schlechte Idee“ gewesen sei. In Deutschland wird man sich seinerseits über das weitere Vorgehen Gedanken machen müssen, und das sehr schnell. Sollte man tatsächlich eine Übernahme der Londoner Börse in Betracht ziehen, so sollte der Entschluß dazu schnell gefällt und ein entsprechendes Angebot zügig abgegeben werden. Ansonsten könnte es passieren, daß die Deutsche Börse, wie schon bei den Erst-Gesprächen im Frühling dieses Jahres, kostbare Zeit verstreichen läßt und abermals den richtigen Anschluß verpaßt.

Der Weg zu einer wie auch immer gearteten pan-europäischen Super-Börse ist noch weit, vielleicht sogar weiter als man sich das noch vor wenigen Monaten vorgestellt hatte. Die Börsenlandschaft in Kontinentaleuropa ist zersplittert, die nationalen Denkweisen dominieren zu stark. Die wichtigsten Punkte eines etwaigen Zusammenschlusses, wie der Frage nach dem Hauptsitz, dem Handelssystem und eventuell sogar der Handelswährung, können in der Regel aufgrund der egozentrischen und nationalistisch ausgerichteten Präferenzen schon im Vorfeld von Kooperationsgesprächen nicht geklärt werden.

Obwohl gewiß nicht unumstritten, wurde der Vertrag vom Vorstands-Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, vorzeitig verlängert. Für weitere sechs Jahre soll er demnach die Geschicke der Deutschen Börse leiten. Offenbar sollte man dies als Untermauerung der bisherigen „Strategie“, sofern dieser Begriff überhaupt angebracht ist, verstehen. Der Aufsichtsrat beabsichtigte mit dieser Geste, einerseits die Position des deutschen Börsen-Chefs nach den jüngsten, wenig beeindruckenden Auftritten zu stärken und andererseits keinen Bruch in die bisherige Marschroute zu bringen. Problematisch ist allerdings, daß Außenstehenden eine wirklich überzeugende Strategie bislang nicht recht vermittelt werden konnte.

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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