Mittlerweile haben weitere Regionalbörsen diese Opportunität erkannt und analoge Marktsegmente eingeführt. Ein neuer Hype scheint geboren und die Industrieanleihe wiederbelebt. Die jüngsten Kurskapriolen der WGF-Anleihen belegen jedoch, dass sich das neue Marktsegment noch immer in der Genese befindet und auch viele Risiken von den Anlegern teilweise sehr unbedarft eingegangen werden.

Getragen wurde ein Großteil des bis heute platzierten Volumens von knapp 2 Mrd. EUR von Privatinvestoren, seit der Emissionen von Dürr und Air Berlin ist insbesondere der Bondm auch in den Fokus institutioneller Investoren gerückt. Im April dieses Jahres erreichte der Markt mit einem Emissionsvolumen von 380 Mio. EUR sein bisheriges Allzeithoch, im darauffolgenden Monat wurden hingegen die meisten Anleihen (7) platziert, jedoch mit deutlich geringerem Gesamtvolumen.

In Bezug auf die Ausgestaltung der Anleihebedingungen befindet sich der Markt derzeit in einer Findungsphase. Wesentliche Merkmale, Performance und Platzierungsquoten der aktuellen Emissionen sind doch sehr ambivalent ausgeprägt. Zu den Gewinnern auf der einen Seite gehören mittelgroße börsennotierte Unternehmen sowie etablierte konsumentennahe Markenartikler. Am schwersten tun sich Kandidaten, die ihre Anleihe ohne Unterstützung einer Emissionsbank am Kapitalmarkt platzieren; eine Vollplatzierung des anvisierten Emissionsvolumens wird hier so gut wie nie erreicht, die Liquidität an der Börse ist beschränkt und auch lange Nachplatzierungszeiträume verhindern eine positive Performance.

Zumindest die Kupons jenseits von 7% machen deutlich, dass sich diese neue Industrieanleihe „Made in Germany“ stark an die klassischen US-High-Yields anlehnt. Die gesamte Ausgestaltung zeigt, dass der deutsche Markt den Reifeprozess noch aktiv durchläuft. Aktuell erinnern viele Anleihebedingungen überspitzt gesagt eher an Staatsanleihen im Unternehmensgewand als an typische Kapitalmarktverbindlichkeiten.

Der klassische US-High-Yield verfügt dabei allerdings üblicherweise über Absicherungen durch Covenants. Beim Anspruch der Investoren hierzulande ist zumindest in dieser Hinsicht die Frage zu stellen, wie man Interessenkonflikte verhindern und sich vor Zahlungsausfällen schützen möchte. Die in jüngster Zeit aufgetretenen starken Kursschwankungen von Kandidaten wie z.B. der WGF geben Anlass zur Sorge. Alle Akteure im neuen Marktsegment sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein, dass ein möglicher Zahlungsausfall einen enormen Druck auf ein derart junges Marktsegment erzeugen kann. Der möglicherweise entstehende Reputationsverlust sowie die Verunsicherung im Markt könnten das gesamte Konzept in Frage stellen. Ein Tatbestand, den sich auch der Mittelstand aus unserer Sicht nicht leisten kann.

Von Holger Hinz, Managing Director Investment Banking und Leiter Corporate Finance, quirin bank

Ursprünglich erschienen im BondGuide Ausgabe 6/2011.

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