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Nicht nur an den Finanzmärkten ist das Leben von einem großem Durcheinander gekennzeichnet. Von überall her werden wir mit den verwirrendsten Nachrichten überschüttet, die niemand mehr so recht einordnen kann. Da meldet beispielsweise der Internationale Währungsfonds, dass uns die gegenwärtige Finanzkrise voraussichtlich bis zu 945 Mrd. Dollar kosten wird – und alle Welt steht vollkommen ratlos da. Weil sich niemand 945 Mrd. vorstellen kann, weil die meisten gar nicht wissen, was „kosten“ eigentlich bedeutet, weil sie doch selbst über gar keine Ersparnisse verfügen, und weil man sowieso nur noch das Schlimmste fürchtet.

Doch nicht nur diese Nachricht ist verwirrend, wenn man über kein festes Raster verfügt, mit dem man die Dinge einordnen kann. Auch hohe Geldmengenzuwächse schrecken dann, Gelder, die an die Märkte fließen, Anleger, die den Märkten den Rücken kehren, sowie Defizite, die anscheinend unfinanzierbar sind. Und selbst mit nervenden Ehefrauen weiß man dann oft nicht adäquat umzugehen.

Doch was kann einen Rahmen bieten, um mehr Ordnung in das Verständnis der Welt zu bringen? Ich halte die doppelte Buchführung für ein sehr geeignetes Modell. Und das nicht nur für das Verständnis der Märkte, sondern für das ganze Leben. Schließlich kennen wir die doppelte Buchführung in Europa bereits seit dem Jahr 1494 – und damit beinahe 300 Jahre länger als Kants Kategorischen Imperativ.

Der Grundsatz der doppelten Buchführung liegt darin, jeden Vorfall stets an zwei Stellen zu erfassen. Für uns einseitige Menschen von heute ist so etwas natürlich vielfach nur schwer zu begreifen, wir haben ja auch schon weitgehend die Balance verloren. Die doppelte Buchführung erlaubt uns jedoch, diese Balance wieder zu erlangen. Aus der Tatsache der zweifachen Berücksichtigung jedes Ereignisses können wir nämlich sofort erkennen, wann wir einen Denkfehler gemacht haben. Denn plötzlich geht das ganze System dann nicht mehr auf.

Nehmen wir aktuell die Finanzkrise. Hat eigentlich schon einmal jemand die Frage gestellt, ob wir dadurch, dass uns diese Krise vermeintlich 945 Mrd. Dollar kosten soll, überhaupt ärmer werden? Die doppelte Buchführung gibt Aufschluss. Sinken die Preise von Vermögenswerten, dann buchen wir „per Abschreibung an Vermögensbestand“. Das heißt, die Kostenposition „Abschreibung“ führt zu einer Wertminderung des Vermögens. Wir werden also tatsächlich ärmer. Krachen jedoch Kredite, dann zeigt die doppelte Buchführung, dass sich neben der Kredithöhe auch die Höhe der Forderungen vermindert. Wir haben es in der Gesamtheit also nur mit einem Rückgang der Bilanzsumme zu tun, ärmer wird die Gesamtheit jedoch nicht. Ärmer werden nur Einzelne, denen jedoch die Entlastung von den Kreditverbindlichkeiten Anderer gegenüber steht. Netto passiert dabei also nichts. Verblüffend – oder?

Doch auch andere Dinge lassen sich mit der doppelten Buchführung deutlich aufhellen. Steigt beispielsweise in einer Volkswirtschaft die Geldmenge, dann muss in der selben Höhe anderes Vermögen aus dem Verkehr gezogen werden. Kehrt ein Anleger dem Markt den Rücken, dann kann er das nur, wenn ein anderer an seine Stelle tritt und seine Papiere übernimmt. Und gibt es ein Defizit, dann ist es durch die Gegenbuchung in der Position „Verbindlichkeit“ per Definition auch bereits finanziert.

Wer sich mit der doppelten Buchführung beschäftigen wird, hat natürlich ein paar Hürden zu überspringen. Dass beispielsweise auf einem Aktivkonto Zugänge im Soll stehen, wird manchem Semantiker auf Ewigkeit ein Rätsel bleiben. Dafür erlaubt jedoch ausschließlich die doppelte Buchführung den vielen alten Männern, die sich heute eine junge Frau zulegen, die unausweichliche Erkenntnis, dass dabei gleichzeitig die alte Ehefrau ausgebucht werden muss. Oder umgekehrt: Wird die Alte ausgebucht und es ist noch keine Neue da, dann entsteht ein Verlust. Oder das ganze Leben geht plötzlich nicht mehr auf. Was man ja auch erst einmal begreifen muss.

Bernd Niquet

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