Deutschland ist vor allem als Volk von Bundestrainern bekannt. Jeder kennt die richtige Taktik, die richtige Aufstellung, die richtige Nummer eins zwischen den Pfosten. Neuerdings ist Deutschland auch die Nation der Volkswirte. Jeder weiß, wie die geplante Steuererhöhung sich auf die Konjunktur, das Kaufverhalten, die Schwarzarbeit auswirkt. Experten allerorten, Orakel millionenfach, ganz Deutschland ein volkswirtschaftliches Repetitorium. Motto: Alles ist bereits gesagt. Nur noch nicht von jedem.

Die Originalität der Vorschläge, wie denn solch eine Steuererhöhung nun am besten umzusetzen sei, übertrifft alles Dagewesene. Drei Jahre in Folge 1 %, wahrscheinlich damit man wirklich lange was von der Erhöhung hat, oder doch nur erst mal 2 % und das dritte Pünktchen im Sinn, die üblichen Wenn-Dann-Überlegungen – an Ratschlägen herrscht kein Mangel. Und der Verdacht, daß  es in Deutschland vielleicht zu viele Wirtschaftsinstitute gibt, wächst mit der Zahl der Wortmeldungen.

Gerne ergehen sich vor allem die Verbands- und Wirtschaftsgranden über den Zeitpunkt der Steuererhöhung. Sicher, die Staatskassen bräuchten Geld – aber die Erhöhung zum 1.1.2007 würde den so mühsam erkämpften Aufschwung bestimmt abwürgen. Was soll das heißen? Daß Mehrwertsteuererhöhungen am besten in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation durchgezogen werden sollten? Wann, wenn nicht jetzt, in einer Aufschwungphase mit einer vermuteten Sonderkonjunktur in einigen Branchen durch die Fußball-WM?

Die Behauptung der lähmenden Auswirkung auf die Konjunktur entbehrt nicht einer gewissen Oberflächlichkeit, denn das psychologische Moment wird außer Acht gelassen. Die Mehrwertsteuererhöhung ändert schließlich nichts an der Tatsache, daß die Liquidität des Verbrauchers immense Dimensionen erreicht hat. Ob der DVD-Player nun 24,50 oder 24,99 Euro kostet, wird dem Konsumenten letztlich egal sein, wenn er nur bei Stimmung ist.

Was Psychologie ausmacht, sieht man ja im bisherigen Jahresverlauf: Kraftstoffpreise auf Rekordniveau, nach wie vor jede Menge Drohungen mit Arbeitsplatzverlagerung, keine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt, aber unbeeindruckte Aktienkurse und ein jubilierender Einzelhandel. Nein, diese Mehrwertsteuererhöhung muß kein Konjunkturkiller per se sein. Eher wird der weitere Aufschwung von den üblichen Verdächtigen, den Interessen geleiteten Bedenkenträgern und Lordsiegelbewahrern nominal niedriger Steuersätze, zerredet.

Stefan Preuß

Die GoingPublic Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.