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Seit es Aktienmärkte gibt, suchen Investoren nach Theorien, die in der Lage sind, schlüssige Erklärungen für das scheinbare Chaos zu finden. Warum steigen Kurse, und warum fallen sie, das sind die alles entscheidenden Fragen, auf die – wohlgemerkt – eine letzte Antwort noch immer aussteht. Und trotzdem bemühen sich kluge Köpfe nach wie vor.

Populär werden dabei allerdings meist nicht die komplexen und hoch wissenschaftlichen Begründungen, deren Wahrheitsgehalt oftmals kaum über dem Durchschnitt liegt, viel öfter sind es die nahe liegenden und quasi selbstverständlichen Erklärungen, die von der Masse der Investoren akzeptiert und praktiziert werden. Wie zum Beispiel, die Erklärung für steigende Kurse zum Jahresende. Die Begründung: „Window Dressing“. Fondsmanager wollen einen guten Eindruck machen, wenn die Bücher zum Jahresende geschlossen werden, und kaufen noch schnell die Aktien, deren Performance im Jahresverlauf beeindruckt hat. Klingt logisch, und höchstwahrscheinlich verhält es sich auch so.

Ganz anders dagegen die Theorie der zufließenden Liquidität. Die scheinbar schlüssige Erklärung: Aktienkurse steigen, weil Liquidität, also Anlegergelder, in den Aktiemarkt fließt, und mehr Geld zu steigenden Kursen führt. Selbst einige Branchenzugehörige sind diesem Irrglauben verfallen. So äußerte sich jüngst ein Marketingchef eines deutschen Online-Brokers, man könne nicht sagen „ob wirklich neues Geld in den Markt kommt oder  Investoren ihre Portfolios nur umschichten“. Die Theorie hat also ihre Anhänger, denn sie klingt zweifelsohne logisch – trotzdem ist sie falsch.

Um das zu erkennen, ist es nötig, von Aktienbestand verändernden Kapitalmaßnahmen wie z.B. Neuemissionen zu abstrahieren. Dann nämlich ist der Aktienbestand im Aggregat fix, die Menge an verfügbaren Wertpapieren insgesamt also unveränderlich. Das hat zur Folge, daß jeder Kauf einer Aktie auf der anderen Seite immer auch ein Verkauf (Geld) darstellt. Genauso steht dem Verkauf der Aktie ein entsprechender Ankauf (wieder Geld) gegenüber, die sich in ihrer Größe entsprechen müssen. Die Konsequenz daraus ist klar: Treten neue Käufer für Aktien auf, müssen in gleicher Weise auch neue Verkäufer von Aktien auftreten, so daß es sich letztlich immer nur um eine Umschichtung von Aktien und Geld handelt, die zwar mit einem Preiseffekt verbunden sein kann, aber nicht mit einem Mengeneffekt in Form einer „Liquiditätszufuhr“ oder ähnlich Esoterischem.

So kann dem Marketingchef schnell auf die Sprünge geholfen werden: Es kommt sicherlich kein neues Geld in den Markt, nur die Namen der Aktienbesitzer ändern sich!

Die GoingPublic Kolumne erscheint zweimal wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.