Es ist schon richtig: Von der Anfang 2000 beschlossenen Lohnerhöhung blieb der Mehrzahl der Arbeitnehmer real kaum etwas übrig. Der von der Öffentlichkeit hochgelobte Tarifabschluß zwischen IG-Metall und Arbeitgebern sah einen Lohnzuwachs von 3 % im ersten und 2,1 % im zweiten Jahr vor. Viele andere Branchen folgten seitdem im großen und ganzen dieser Größenordnung. Eine zwischenzeitlich wieder anziehende Inflation und seit kurzem wieder ansteigende Sozialabgaben ließen die Kaufkraft der Arbeitnehmer aber im wesentlichen unverändert. Anders hingegen die Unternehmer- bzw. Unternehmensgewinne. Diese wiesen in den letzten beiden Jahre – im Schnitt – satte Zuwächse auf. Grund genug für Deutschlands größte und einflußreichste Industriegewerkschaft die anstehende Tarifrunde mit einer Forderung nach 5,5 – 7 % mehr Lohn zu eröffnen. Da stockt der Atem von Arbeitgebern und Politik, schließlich befindet sich das Land in einer rezessiven Phase, deren Ende nicht wirklich absehbar ist.

Die wirtschaftliche Flaute ficht einzelne Gewerkschaftsführer aber nicht an, im Gegenteil. Gerade jetzt sei eine Ausweitung der Konsumnachfrage geboten, um so die Konjunktur zu stützen und die Unternehmer wieder zu Investitionen zu veranlassen. Schließlich habe sich Frankreich auch auf diese Art und Weise am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Die gute alte Kaufkrafttheorie muß also wieder einmal herhalten. Eine gesunde Kaufkraftentwicklung ist für das Wachstum in der Tat von großer Bedeutung, allerdings kann nicht mehr verteilt werden als vorher erwirtschaftet wird. Die private Konsumnachfrage erwies sich hierzulande im letzten Jahr als eine – wenn auch schwache – Stütze der Konjunktur. Sie stieg, je nach Statistik, real um 1,2 bis 1,6 %, die Gesamtwirtschaft wuchs um bescheidene 0,6 %. Einen Einbruch erlebten hingegen die Ausrüstungsinvestitionen, begleitet von einem deutlichen Rückgang der Auftragseingänge bei den Investitionsgüterproduzenten.

Der Grund dafür dürfte im Aufbau von Überkapazitäten in den Jahren 1999 und 2000 zu suchen sein, das Platzen der New Economy-Blase hinterließ hier deutliche Spuren. Viele Unternehmen, auch aus der Old Economy, mußten im letzten Jahr deutliche Umsatz- und Gewinneinbußen hinnehmen, nicht wenige Unternehmen stehen am Rande ihrer Existenz. Ein zusätzlicher Schub bei den Lohnkosten in der anvisierten Höhe würde in der jetzigen Phase kurzfristig zur vermehrten Freisetzung von Arbeitskräften führen bzw. die Einstellung neuer Arbeitskräfte verhindern oder doch zumindest verzögern. Ein von manchem Gewerkschaftsfunktionär erhoffter Konsumschub, der den Wegfall von Nachfrage aufgrund höherer Arbeitslosigkeit überkompensieren würde, ist dagegen mehr als zweifelhaft. Ein Volkswirtschaft kann sich eben nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Auch in Frankreich überstieg der durchschnittliche Lohnanstieg nie den gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum, der bei etwa 3,5 % lag. Dieser wurde von den Franzosen in der zweiten Hälfte der 90er Jahre allerdings konsequent ausgenutzt.

Der Verteilungsspielraum setzt sich definitionsgemäß aus der Summe von Produktivitätszuwachs und allgemeinem Preisanstieg, also der Inflationsrate zusammen. Es handelt sich hierbei um eine gesamtwirtschaftliche Durchschnittsgröße, einzelne Unternehmen oder Branchen können dabei durchaus ein sehr viel höheres bzw. niedrigeres (Gewinn-) Wachstum realisieren. Auf die gut verdienenden Unternehmen zielte auch der vor kurzem geäußerte Vorschlag des IG-Metall-Vorsitzenden Klaus Zwickel ab, den Lohnanstieg im Grundsatz moderat ausfallen zu lassen, darüber hinaus aber eine erfolgsabhängige Lohnkomponente tarifvertraglich festzulegen. Vereinfacht gesagt, wer hohe Gewinne einfährt, soll seine Leute besser bezahlen. Doch da hat Deutschlands oberster Metaller die Rechnung ohne die zweite Führungsreihe seines Hauses gemacht, vor allem ohne seinen Vize Jürgen Peters. Der demontiert und torpediert diesen und jeden anderen Vorschlag seines Chefs, dem der Geruch anhaftet, bei den Arbeitgebern auf Gegenliebe zu stoßen.

In diesem Kompetenzgerangel dürfte ein wesentlicher Grund für das kompromißlose Auftreten der Arbeitnehmervertreter im Vorfeld der nächsten Tarifrunde zu sehen sein. Dabei geht es nicht zuletzt um die Nachfolge des noch bis nächstes Jahr amtierenden Klaus Zwickel. In diesem Machtkampf ist so mancher jetzt schon bemüht, bei der Basis Eindruck zu schinden und schreit in der Rezession nach 7 % mehr Lohn. Die gemäßigteren Stimmen, die in gesamtwirtschaftlichen Dimensionen denken und nicht nur Klientelpolitik betreiben, gehen in solchen Zeiten unter oder halten sich von vornherein bedeckt. Letztendlich werden die hoch angesetzten Lohnforderungen den Interessen der Arbeitnehmer nicht gerecht, egal ob diese gewerkschaftlich organisiert sind oder nicht. Denn die geweckten Erwartungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erfüllt, die Schmerzgrenze wird auch von den meisten Ökonomen bei 3 bis 3,5 % angesiedelt. Alles darüber Hinausgehende kostet Arbeitsplätze, gleichzeitig würden noch mehr Arbeitgeber versuchen, sich aus den Tarifvereinbarungen auszuklinken, der Flächentarifvertrag würde noch mehr zur Makulatur werden.

In dieser Situation setzen viele auf die vermittelnde Einflußnahme der Politik. Das Bündnis für Arbeit hat hier vor zwei Jahren schon Wunder bewirkt, wenngleich natürlich nicht offiziell. Von dieser Seite wollen sich die Gewerkschaftsbosse diesmal aber nicht einlullen lassen, koste es, was es wolle, die nächste Bundestagswahl eingeschlossen. Da ist dann wohl die Hand des Kanzlers gefragt, nicht die ruhige, sondern die starke.

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

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