Werbung

Die Biotechnologie macht’s möglich. Denn noch in diesem Jahr wird wohl der Neue Markt ein weiteres Unternehmen aus der Biotechnologiehochburg Jena begrüßen. Die Ideen und Strategien der biolitec AG überzeugen dabei durchaus. Das bisherige Stammgeschäft, die Entwicklung von Lasern und Lichtwellenleitern, wird erweitert. Lichtempfindliche Wirksubstanzen sollen durch Bestrahlung mit Laserlicht zur Zerstörung von Tumorzellen führen. Diese nebenwirkungsarme Behandlungsform eröffnet den Jenaern im Erfolgsfall ein zusätzliches attraktives Geschäftsfeld. Dem Anleger gibt dies Anlaß zur Freude. Eine „Biotech-Überzeichnung“ steht ins Haus: sprudelnde Gewinne, explodierende Kurse und ein sich vervielfachender Unternehmenswert. Einzig zwei Dinge könnten einen Strich durch diese Rechnung machen: die derzeitig herrschende Flaute am Neuen Markt und die Tatsache, daß außer dem Wort „bio“ und der örtlichen Nähe zu anderen Biotech-Unternehmen nicht „viel Biotechnologie an und in biolitec ist“. Was wiederum nicht heißen muß, daß dem Medizintechnik-Unternehmen und seinen Anlegern nicht eine wohltuende Zukunft ins Haus steht.

Um hier und in anderen Fällen, genannt sei etwa auch die vom französischen Nouveau Marché wechselnde Eurofins Scientific, keine unangebrachte Biotech-Kursphantasie aufkeimen zu lassen, könnte ein Blick auf die Branchenindices der Deutsche Börse AG helfen. Der Index „Biotechnology“ (WKN 967 754) sorgt für Klarheit – sollte man meinen. Doch bei genauerer Betrachtung stellt sich eher das Gegenteil heraus. Reine Wirkstofforscher, denen mit der Aussicht auf Umsätze durch neue Medikamente mit gewissen Wahrscheinlichkeiten durchaus phantasievolle Kurse „zugemutet“ werden können, sind neben Materialzulieferern sowie Anlagen- und Maschinenbauern klar in der Minderheit. So erscheint die Aufnahme der Unternehmen curasan und Macropore als Anbieter für chemische Produkte zur Knochenheilung äußerst fragwürdig. Wenig hat auch das klassische Pharmaunternehmen Sanochemia mit einem biotechnologischen Wirkstoffsucher gemeinsam. Das Chaos perfekt macht BB Biotech, bei der es sich gar nur um eine Beteiligungsgesellschaft handelt. Wenigstens teilen die zuletzt genannten ein Wenig der Wirkstoffphantasie.

So ertönt weiterhin der Ruf der Anleger nach mehr Transparenz in den Branchenindices am Neuen Markt. Die Deutsche Börse ist mittelfristig angehalten, dem Wecksignal der Aktionäre zu folgen. Eine stärkere Differenzierung zur Wahrung der Übersichtlichkeit in den einzelnen Indices wäre sinnvoll, damit Fehlschlüssen vorgebeugt wird. Bis dato klassifiziert der Wachstumsmarkt zehn dieser Segmente bei weit über 300 Unternehmen. Im Zuge technischer Innovationen und daraus resultierender neuer Geschäftsfelder gestaltet sich durch diese Vielfalt eine weitergehende Differenzierung zwar durchaus schwierig, stellt aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit zu diesem Schritte dar. Im Sog der momentanen Korrektur an der Börse gibt der Neue Markt von sich aus ohnehin schon die Richtung vor. Während sich die reinen Wirkstofforscher MediGene, GPC Biotech oder MorphoSys relativ gut behaupten können, mußten Girindus und PlasmaSelect in Folge von Gewinnwarnungen Kurseinbrüche verzeichnen. Ein weiterer Beleg dafür, eine tiefergehende Indexierung nicht am begrenzten Verständnis scheitern zu lassen.

Bis es soweit ist, kann zur Zeit nur die persönliche Wachsamkeit, das Vertrauen auf fundierte Hintergrundanalysen und die eigene Recherche ein fundiertes Biotech-Bild aus der wachsenden Unternehmens- und Nachrichtenflut schaffen. Nur so wird aus der biolitec nicht die Mär des Biotechnologie-Unternehmens. Nur so können auf breiter Basis Falschmeldungen wie: „biodata hat ein Medikament gegen das AIDS-Virus gefunden“ gezielt dem Reißwolf übergeben werden. Falschmeldungen enthalten auch ethische Aspekte. Der Anleger tritt moralisch in den Hintergrund, wenn sich bei Betroffenen zu früh Hoffnung auf Heilung einstellt. Und wer erwartet schon von einem Software-Unternehmen wie biodata die Entwicklung einer medizinischen Wunderwaffe?

Die GoingPublic-Kolumne erscheint börsentäglich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.