Wenn der Dow mal wieder dreistellig einknickt, dann aber urplötzlich und scheinbar aus dem Nichts eine Trendwende einleitet, krausen sich bei Beobachtern die Haare. In der Vergangenheit konnten Gerüchte nie ganz ausgeräumt werden, daß – sagen wir mal – übergeordnete Stellen dann und wann dem Kursverfall Einhalt gebieten. Bis zum Peak im Frühjahr 2000 war darauf auch Verlaß: „Buy on dips“ erwies sich für Investoren viele Jahre lang als im wahrsten Sinne des Wortes goldrichtig.

Inzwischen nicht mehr. Denn der Kursverfall der letzten Quartale, vor allem der letzten Wochen, spielt sich ab wie ein Crash in Zeitlupe. Das ominöse Anti-Crash-Team, auch als Plunge Protection Team geläufig, sorgt angeblich dafür, daß sich ein Szenario wie 1987 nicht wiederholt, auch wurden seitdem sogenannte Circuit Breaker eingeführt, die bei zu großen Verlusten an der Wall Street den Handel unterbrechen und die Investoren und Trader so zum Nachdenken zwingen. 1987 fiel der Dow zum Auftakt des Oktober-Crashs um 22 % in den ersten Handelsminuten – viele glaubten damals an einen „Fehler“. Durch massive Orders zum rechten Zeitpunkt („aus dem Nichts“, siehe oben) könnte heutzutage das schlimmste unterbunden werden.

Bleibt die Frage, aus welchen Kreisen sich diese Schutzvorrichtung zusammensetzt. Nun ist einerseits richtig, daß die US-Notenbank gesetzlich nicht dazu in der Lage sein sollte, mit Derivatekäufen/-verkäufen auf dem Markt aktiv zu sein. Andererseits ist aber unklar, wer der heiligen Fed und ihrem Regenten Greenspan eigentlich auf die Finger schaut. Wir erinnern uns: Als im Herbst 1998 der Hedge-Fonds LTCM zu platzen drohte, sprang die Fed ein und rettete im Verbund mit nahezu allen namhaften Banken den Markt vor dem totalen Kollaps. Das heißt, die Fed springt ein – oder läßt einspringen –, wenn es wirklich brenzlich werden sollte.

Das derzeitige Problem der Wall Street ist nicht etwa fehlendes Vertrauen in den Aktienmarkt. Das Gegenteil ist der Fall! Wie sonst wäre zu erklären, daß US-Aktien mit einem nach wie vor extrem hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis notieren können? Dieses Vertrauen erodiert nur mühsam, und das ist einer der Gründe für den derzeitigen Slow-Motion-Crash über einen Zeitraum von schon über 2 Jahren. Ein ACT könnte hier das Unvermeidliche nur hinauszögern um den einen oder anderen Tag, doch die Gründe für die Kernschmelze bleiben ganz offensichtlich bestehen: nach wie vor hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse (in den USA), die Vermutung eines künstlich herbeigeführten Aktienbooms in den 90ern und die Unsicherheit über das Ausmaß der vermeintlichen wirtschaftlichen Erholung, wenn es sie denn gibt.

Hier kann auch das ACT nichts ausrichten. Denn jede Intervention – wie wir sie vielleicht schon hier und da hatten in den letzten Wochen – wird durch immer neue Tiefs ad absurdum geführt. Wenn praktisch an jedem Tag mit einem Minus von vielleicht 3 % davon gesprochen wird, daß das nun der kapitulierende Sell-off gewesen sein dürfte, muß man sich an Kopf fassen. Die meisten Marktteilnehmer wissen offenbar überhaupt nicht, was ein wirklicher Sell-off ist.

Die GoingPublic Kolumne erscheint jeweils montags, mittwochs und freitags in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.

Über den Autor

Die GoingPublic Redaktion informiert über alle Börsengänge, Being Public, Investor Relations, Tax & Legal, Themen und Trends rund um die Hauptversammlung sowie Technologie – Finanzierung – Investment in den Lebenswissenschaften.