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Wenn man sich gegenwärtig einmal im Internet unter den verfallenen Anleihen diverser Schuldner umsieht, findet man zum Teil abenteuerliche Renditen. Die Spitzenrendite, die mir bisher begegnet ist, liegt bei 432.876.028 %. Sie wird allerdings nicht so leicht zu verwirklichen sein, wie man sich vorstellen kann, schließlich bezieht sie sich auf eine Anleihe der Lehman Brothers, deren getaxter Kurswert derzeit gerade noch 0,01 % des Nominalwertes ausmacht. Und Lehman Brothers ist in Konkurs.

Ein Konkurs bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Schulden des Unternehmens wertlos sind. Konkurs bedeutet, dass das Eigenkapital aufgezehrt und die Gesellschaft überschuldet ist. Ein Unternehmen mit einer Bilanzsumme von 100 und einem Eigenkapital von 5, ist, grob gesprochen, dann pleite, wenn die 5 Einheiten Eigenkapital verloren sind. Doch das heißt, dass immerhin noch bis zu 95 % der Verbindlichkeiten gut besichert sein können.

Bei Lehman Brothers wird das sicherlich nicht der Fall sein. Und dennoch: Dass sämtliches Vermögen dieser Gesellschaft, von dem man heute so salopp, aber letztlich in weitgehender Unkenntnis, von „toxic waste“ spricht, wertlos sein wird, ist beinahe auszuschließen.

Ich habe seinerzeit den großen Crash von Bernie Cornfields IOS sehr nah miterlebt, da mir ein paar von deren Papieren vererbt worden sind, und weiß noch sehr genau, wie es über Jahre und Jahrzehnte hinweg, immer wieder neue Liquidationsausschüttungen gab. Im Endeffekt haben die Anleger hier „nur“ 75 % des eingesetzten Kapitals verloren. 25 % flossen also wieder zurück. Gar nicht so schlecht in einer Zeit, in der die Deutsche Bank zu einem Neuer-Markt-Wert verkommen ist, mit einem weit höheren Kursverlust.

Ich habe keine Ahnung, welche Assets Lehman Brothers in seinen Büchern hat und wie es mit den Verbindlichkeiten aussieht. Dass hier jedoch mehr verloren wird als bei IOS, kann ich mir kaum vorstellen. Schließlich haben wir es hier nicht mit Betrug zu tun. Und Konkursverfahren dauern gemeinhin extrem lange. IOS ging 1973 in Konkurs, und bis heute ist dieser noch nicht vollständig abgewickelt. Bis der Lehman-Konkurs in die entscheidende Abwicklungsphase geht, da bin ich mir sicher, werden die Marktverhältnisse völlig anders sein, und dann wird auch das, was heute als „toxic waste“ diffamiert wird, wieder Marktpreise erzielen.

Aus diesem Grunde bin ich derzeit auf der Jagd nach Lehman-Papieren. Das ist jedoch nicht einfach, denn fast nirgendwo geht etwas um. Papiere, die zu 0,01 % getaxt werden, sind umsatzlos. Andere wiederum notieren 7 Geld / 15 Brief, allerdings auch materiallos. Eine kleine Tranche habe ich bereits gekauft, zu 1 % des Nominalwertes, doch es kann sein, dass ich hier ein nachrangiges Papier erwischt habe.

Doch genau das verdeutlicht die ganze Malaise, in der wir uns gegenwärtig befinden, für mich viel klarer als alles, was ich zuvor erlebt habe. Niemand weiß, was alle diese Papiere verbriefen. Als normaler Anleger haben Sie keine Chance, und selbst die Banken werden kaum schlau aus dem, was sie in den Stammdaten zu den entsprechenden Papieren finden. Das ist das Problem, das uns derzeit nach unten reißt.

Doch ich habe Zeit und Geduld und möchte unbedingt mit eigenem Geld erleben, wie die Lehman-Geschichte einmal zu Ende geht. Denn Fett ist ein Geschmacksträger, Geld hingegen ein Erfahrungsträger.

Bernd Niquet

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