Stichwort Digitalisierung: In einer Finanzwelt, in der es immer digitaler zugeht – z.B. in Form von Robo Advisors –, läuft da der IR-Manager nicht Gefahr, langsam überflüssig zu werden?

Nein, definitiv nicht. Besonders das Beziehungsmanagement wird ein reines People-to-People-Business bleiben – das kann kein Computer und keine Software ersetzen. Zudem muss berücksichtigt werden, dass es hierzulande noch einen erhöhten Nachholbedarf hinsichtlich der Digitalisierung gibt. Das heißt aber nicht, dass sich IROs deshalb ausruhen dürfen. Jeder sollte sich dauerhaft die Frage stellen, inwieweit Digitalisierung in seinem Geschäftsbereich nützlich sein kann, z.B. um Prozesse zu verschlanken, zu vereinfachen oder schneller zu machen. Aus diesem Grund haben wir auch das Digital-Self-Assessment-Tool entwickelt. Mittels dieses Tools kann jeder IR-Manager überprüfen, wie digital er und sein Unternehmen wirklich aufgestellt sind. Hierzu wird es auch einen entsprechenden Workshop auf der Konferenz geben.

Nochmal zurück zum Thema ESG, das in der Tat in aller Munde ist: Inwieweit kann ich hier als Unternehmen, das auf den ersten Blick gar nicht ESG-konform wirkt, authentisch bleiben? Wie ist dies Misere anzugehen?

Ich würde das nicht als Misere, sondern vielmehr als Herausforderung bezeichnen. Jeder sollte sich mit ESG befassen, denn es hat sich mittlerweile zum Mainstream entwickelt. Dieses Thema sollte auf keinen Fall schwarz-weiß gesehen werden. Reines Greenwashing ist natürlich keine Lösung. Als Unternehmen, z.B. aus der Automobilbranche, zu behaupten, keinerlei CO2 auszustoßen, obwohl dies der Fall ist, ist ebenfalls der falsche Weg. Es geht vielmehr darum, offen und ehrlich zu kommunizieren sowie sich eindeutige Ziele für sein Unternehmen zu setzen. Dabei sollte jeder Emittent jene KPIs für sich auswählen, die für das Geschäftsmodell von Bedeutung sind. Das kann bei SAP z.B. die Kundenzufriedenheit sein oder bei Chemieunternehmen die Luftqualität. Bei anderen Branchen sind es die Lieferketten und ob die Produktionsbedingungen ethischen Standards entsprechen. Transparenz ist hier das entscheidende Schlüsselwort.

Eine letzte Frage noch: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage am Kapitalmarkt? In Sachen IPOs herrscht ja hierzulande aktuell Flaute …

Das stimmt. Die Aktienmärkte laufen zwar gut, aber die IPOs lassen leider auf sich warten. Ein Grund sind wie oben bereits erwähnt die äußeren Rahmenbedingungen, beispielsweise politische und wirtschaftliche Unsicherheiten. Einen anderen Hauptgrund sehe ich in der Überregulierung der Kapitalmärkte. Eine Börsennotiz wird immer komplexer und teurer. Das hält gerade KMU von einem Börsengang ab. Eine starke Eigenkapitalbasis ist und bleibt dennoch enorm wichtig für Unternehmen, weshalb ich jedem nur raten kann, mutig zu sein und den Sprung aufs Börsenparkett zu wagen.

GoingPublic: Herr Bommer, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die diesjährige DIRK-Konferenz.

Das Interview führte Svenja Liebig und ist eine Vorabveröffentlichung der Juni-Ausgabe des GoingPublic Magazins.

Titelfoto: Chinnapong – stock.adobe.com

Über den Autor

Svenja Liebig ist Redakteurin des GoingPublic Magazins sowie verantwortlich für goingpublic.de

Kay Bommer

Kay Bommer (Rechtsanwalt, MBA) ist – mit einer Unterbrechung von 2011 bis 2012 – seit 2001 Geschäftsführer des DIRK – Deutscher Investor Relations Verband. Zudem ist er im Aufsichtsrat innovativer Aktiengesellschaften vertreten und nimmt Lehraufträge für Kapitalmarktrecht und Unternehmenskommunikation an renommierten Universitäten wahr.