GoingPublic im Gespräch mit Manuel Taverne, FACC AG, über langfristiges Denken und Zeithorizonte – in der Welt der Luftfahrtindustrie scheinen sie planbar. Mit gewissen Einschränkungen, natürlich.

GoingPublic: Herr Taverne, wie würden Sie jemandem die FACC beschreiben, der sie noch nicht genauer kennt?

FACC ist – in kurzen Worten zusammengefasst – eine dreißigjährige Erfolgsgeschichte in der zivilen Luftfahrtindustrie, bei der man sich von Anfang an auf Leichtbaustoffe bzw. Verbundwerkstoffe spezialisiert hat. Wir sind stets mindestens mit dem Markt mitgewachsen und standen zuletzt bei knapp 800 Mio. EUR Jahresumsatz.

FACC-ZuliefererDie Luftfahrtindustrie ist eine Wachstumsbranche – wie krisen- und konjunkturzyklussicher aber ist sie?

FACC ist, wie erwähnt, in der Luftfahrtindustrie tätig, hier aber ausschließlich in der zivilen Luftfahrt. Es gibt natürlich immer wieder einmal geopolitische Themen, wie aktuell der Streit um Einfuhrzölle und dergleichen. Solchen Themen haben allerdings kurze Beine. Auch Flugzeugunglücke oder sogar etwas wie 9/11 damals haben nur kurzfristigen Einfluss. Unter dem Strich wächst die zivile Luftfahrt mit rund 5% pro Jahr. Schauen Sie sich nur einmal die Kurscharts der beiden Branchengrößen Airbus und Boeing an: Die Aktien sind heute zwischen 700% und 900% mehr wert als vor einem Jahrzehnt.

Sind diese 5% Plus jährlich beim Passagieraufkommen auch Ihre Benchmark für die FACC?

Ja, allerdings möchten wir den Markt outperformen. Aber die 5% mindestens mal sowie mittel- und langfristig zu schaffen, also wiederholbar, ist in der Tat unsere Wachstumsambition. Die Auslastung in der zivilen Luftfahrt liegt ja schon bei 80%. Wenn das Passagierwachstum bei 5% p.a. liegt, werden als Konsequenz daraus zusätzliche Flugzeuge benötigt.

„Auf die Verdopplung des Passagierflugaufkommens in den kommenden zwei Jahrzehnten müssen wir uns ebenfalls ausrichten“

Ist die Vorausschau dementsprechend?

Prognosen besagen, dass der Markt in den nächsten 20 Jahren rund doppelt so viele Passagierflugzeuge benötigen wird wie heute. Das werden die beiden Platzhirsche Boeing und Airbus nicht allein bewältigen können. Auf Basis dieser Daten arbeiten wir heute – denn wir müssen uns auf diesen Zuwachs ja ebenfalls ausrichten.

Blickt der Markt da auch weit genug voraus, d.h., wäre in der Tat nicht mal Zeit – und auch Platz – für einen dritten und vierten großen Flugzeugbauer?

Einen dritten großen Player im Markt gibt es meines Erachtens bereits: die Commercial Aircraft Corporation of China (COMAC). Sie ist gerade dabei, ein Konkurrenzprodukt zur Boeing 737 bzw. zum Airbus A320 zu bringen, allerdings erst einmal vorwiegend für den asiatischen Markt und vielleicht noch den afrikanischen. Man kann COMACs heutige Strategie durchaus mit der von EADS/Airbus aus den 1980er-Jahren vergleichen. Dies kommt uns recht gelegen, haben COMAC wie auch die FACC doch mit der AVIC denselben Kernaktionär. Und nach diesem ersten Modell soll es weitere geben – allerdings sprechen wir dabei von zumindest fünf bis zehn Jahren Vorlaufzeit. Das sind auch die Zeiträume, in denen diese Industrie denkt.

Bis wann könnte eigentlich das autonome Fluggerät am Markt sein – ist das nur ein Werbegag wie bei den vielen elektrisch betriebenen Autos deutscher Hersteller oder steckt mehr dahinter?

 

Als FACC sind wir allen Themen der Luftfahrt gegenüber aufgeschlossen. Daher war nur eine logische Folge, dass wir uns auch mit Aspekten wie Lufttaxi oder autonomem Fliegen beschäftigen. Marktstudien prognostizieren hier ebenfalls ein beträchtliches Potenzial – wiederum langfristig betrachtet. Natürlich muss man bei diesen neuen Themen erst noch schauen, welcher Hersteller sich durchsetzen wird. Mit der EHang-Gruppe fühlen wir uns dabei aber erneut richtig positioniert, den richtigen Marktzugang zu finden und langfristig zu profitieren.

Wann könnten die ersten Lufttaxis einsatzbereit sein?

Wir planen die Herstellung von rund 300 Flugtaxis innerhalb der nächsten rund 18 Monate. Vergessen Sie aber nicht: Als FACC sind wir nicht für die technischen Bestandteile dieser Flugapparate zuständig, und auch nicht für die notwendigen Zulassungen etc. Das Risiko eines kommerziellen Erfolgs tragen wir theoretisch also nicht.

Inwiefern verfolgt oder achtet eine FACC auf internationale Politik aus Übersee oder innerhalb Europas, etwa hinsichtlich des BrExit – sind das Themen, die Sie auf dem Radar haben müssen?

Natürlich. Die verfolgen wir selbstverständlich auch, allerdings können wir aktuell noch keinerlei direkten Einfluss auf unser Geschäft feststellen. Was wir jedoch genau beobachten, ist das Bestellverhalten der Airlines: Wie viele Flugzeuge und welche werden wo und von wem geordert, werden etwa Bestellungen storniert, verschieben sich die Auslieferungstermine etc.

90% unserer Wertschöpfung findet nach wie vor an unserem Hauptstandort in Österreich statt“

Nun hat ja Boeing – schon länger – ein großes Problem mit der weiter aus dem Verkehr gezogenen 737 Max.

Ich denke, aktuelle Bestellungen werden kurzfristig Richtung Airbus A320 gehen – was uns natürlich freut, da die FACC hier stark vertreten ist. Sie müssen aber bedenken, dass kurzfristig benötigte Bestellungen nur die Auftragsrücklage, also die Pipeline, verlängern, aber nicht zeitnah dem Markt aushelfen können.

Die FACC baut ihre Produktionskapazitäten in den USA aus und in Kroatien auf. Warum in Kroatien?

90% unserer Wertschöpfung vollzieht sich nach wie vor in Österreich. Wir haben inzwischen das vermeintliche Luxusproblem, dass uns hier nicht mehr die notwendige Anzahl an zusätzlichen qualifizierten Arbeitnehmern zur Verfügung steht, wie wir sie für langfristige Planungen benötigen. Unser Nachbarland bietet einige Vorteile in dieser Beziehung, natürlich auch hinsichtlich der Lohnstückkosten, staatlicher Förderungen usw. Umgekehrt durften wir auch geografisch nicht allzu weit ausholen, z.B. durch Gang weiter östlich in die CEE-Region [Central East Europe] – die logistische Nähe zu unseren wichtigsten Kunden in Europa muss gewahrt bleiben. Nicht zuletzt hat Kroatien im Gegensatz zu Österreich auch den Zugang zu einem Tiefseehafen zu bieten.

Herr Taverne, ganz herzlichen Dank für die interessanten Einblicke!

Das Interview führte Falko Bozicevic und erschien zuerst in der August-Ausgabe des GoingPublic Magazins. Lesen Sie hier die vollständige Titelstory.

 

Über den Autor

Manuel Taverne

Manuel Taverne

Manuel Taverne leitet seit 2015 den Bereich Investor Relations der FACC AG, Österreich. Er war zudem von 2015 bis 2017 Vorstandsmitglied des Cercle Investor Relations Austria (C.I.R.A.).