Viele Biotechnologie-Unternehmen mussten in den letzten Jahren ihre Geschäftsmodelle überdenken. Die Qualität der Forschung in Deutschland ist dennoch auf Spitzenniveau, findet Dr. Werner Lanthaler, CEO des Hamburger Biotech-Unternehmens Evotec. Im Interview mit dem GoingPublic Magazin spricht er über aktuelle Trends in der Medikamentenentwicklung und Geschäftsmodelle der Zukunft.

GoingPublic: Herr Dr. Lanthaler, die Renditen für R&D im Pharmabereich haben sich von 20% innerhalb eines halben Jahrhunderts halbiert, die amerikanische Zulassungsbehörde FDA genehmigt im Schnitt auch alle zehn Jahre nur noch die Hälfte aller Einreichungen – wo sehen Sie den Boden dieser dramatischen Entwicklung?

Lanthaler: Die gute Nachricht ist, dass wir in den letzten Jahren zu einigen wichtigen und sehr guten Einsichten gelangt sind. Deswegen bin ich im Übrigen auch sehr optimistisch für unsere Industrie. Die FDA hat kapiert, dass sie schneller werden muss; die Pharma-Industrie hat verstanden, dass man auch Krankheiten mit weniger als 1 Mrd. Marktpotenzial adressieren muss; die Patienten haben begriffen, dass dies alles etwas kostet und man nicht nur auf billige Nachahmerpräparate warten kann.

GoingPublic: Ist das nicht der Anker schlechthin für outgesourctes Research bzw. Forschungsdienstleister?

Lanthaler: Eine Erkenntnis für uns war und ist, dass mehr Forschung für weniger Geld zu höherer Qualität machbar ist. Wichtig ist aber vor allem, raschere Entscheidungspunkte im Entwicklungsprozess von neuen Wirkstoffen zu schaffen. Ich bin sicher, dass dies ein langfristiger Megatrend wird. Eine einzige Patentlösung gibt es aber nicht. Unsere Zusatzidee und -option ist, sich einen Grundstock interner Ressourcen zu schaffen und innovative Ideen umzusetzen, die wir auf den industriellen Serviceplattformen aufsetzen. Für hochspezialisierte Innovationsleistungen wird es immer eine besonders werthaltige Nachfrage und einen Markt geben.

GoingPublic: Sie sind absolut kein Freund digitaler Geschäftsmodelle, richtig?

Lanthaler: Wahrlich nicht. Man kann im strategischen Biotech-Business meiner Ansicht nach nicht auf den einen großen Haupttreffer warten oder gar hoffen. Es ist kein Geschäftsmodell mehr, sobald man hohe Fixkosten decken muss. Das ist noch das Denken aus einer anderen Generation, wo es Eigenkapital im Überfluss gab. Für Einzelprojekte und virtuelle Unternehmen ist das sehr wohl noch vorstellbar, aber nicht für nachhaltige Unternehmenskonzepte.

GoingPublic: Sie haben Ihr Pyramidenmodell EVT Execute, EVT Integrate und EVT Innovate stark hervorgehoben. Kann das generell ein „Role Model“ für Biotechnologie-Unternehmen sein oder ist es das vielleicht schon?

Lanthaler: Nein, das glaube ich nicht, Evotec ist hier sicher ein Ausnahmefall. Dieses „Hybridmodell“ zwischen Service und Innovation enstand aus der langen historischen Entwicklung der Firma heraus. Normalerweise sollten diese beiden Modelle doch eher getrennt sein. Diese Hybridmodelle haben nur dann ihre Berechtigung, wenn über die aufgebauten Infrastrukturen tatsächlich Synergien geschaffen werden können, hier hat Evotec einfach durch seine Größe Vorteile, die fast nicht kopierbar sind. Aber vielleicht eben nur bis zu einem Zeitpunkt, wo das Service-Geschäft so erfolgreich ist, dass die Innovationsstruktur noch mitschwimmt; oder bis umgekehrt das Forschungsgeschäft so gut ist, dass man diese gut industrialisieren kann.

GoingPublic: Ihre Antwort entwurzelt natürlich meine ursprüngliche Frage …

Lanthaler: Für die ferne Zukunft kann ich mir da viele neue Konstellationen vorstellen. In den nächsten vier Jahren, das ist unser „Actionplan 2016“ bei Evotec, ist es aber das partnerschaftliche „Beschleunigungsmodell“, welches Evotec kennzeichnen und erfolgreich machen wird. Ganz einfach weil die entsprechenden Datenpunkte kommen werden und weil sehr viele Synergien absehbar sind. Allianzen mit unseren Partnern zu bilden, um eine möglichst große Pipeline mit geringem Risiko und höherem Upside zu schaffen, ist für Evotec eine ideale Chancenstrategie.

GoingPublic: Amerikanische Biotechs gelten gemeinhin als State of the Art. Wer ist denn, sofern existent, dort das Vorbild für Evotec?

Lanthaler: Ich muss jetzt aufpassen, dass das nicht überheblich klingt: Da ist keines. Weder in den USA, noch in China, noch in Indien. Aus Europa heraus kombiniert mit Forschung aus den USA ist man meiner Ansicht nach am besten aufgestellt in unserer Branche. In der Wahrnehmung – da gebe ich Ihnen recht – sind die Amerikaner die Weltmarktführer. Inhaltlich sind wir hier in Deutschland schon Weltklasse. Die Amerikaner würden sonst auch nicht mit Evotec kooperieren: Also finden sie hier bei uns wohl etwas, das sie andernorts nicht finden. Der beste Beweis für mich ist hier immer, dass Harvard University exklusiv mit Evotec in mehreren Indikationsbereichen arbeitet.

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